Aus dem Tagebuch eines Gewinners #7613.10.07: Es soll ein besonderer Tag werden, an dem es die BAD BRAINS in der Kölner Live Music Hall tatsächlich noch einmal wissen wollen. Die einzige Deutschlandshow, und die auch noch in der Nachbarschaft. Fantastisch. Ich habe mich seit Jahren nicht mehr in dem Maße auf ein Konzert gefreut, wie auf dieses. Verdammt, die BAD BRAINS!!! Ich habe sie das erste Mal Mitte der Achtziger gemeinsam mit SUICIDAL TENDENCIES im Dornroosje im holländischen Nijmegen gesehen. Noch immer eines der zehn, vielleicht sogar fünf besten Konzerte, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Unfassbar! Ich weiß nicht, ob ich mich damit zu weit aus dem Fenster lehne, aber ... so etwas gibt es heute nicht mehr. Es gab es damals schon selten, aber heute... ?! Ja, ich kann mich noch erinnern, als wäre es letzte Woche gewesen. Und weiß Gott, das will bei mir etwas heißen. SUICIDAL TENDENCIES hatten sicherlich keinen schlechten Tag, Mike Muir war der Hammer, und auf der Bühne zum Schluss eine rasende Meute, Sprungbrett für so viele Stagediver, dass man den Eindruck haben musste, unten dürfe kaum noch jemand stehen, um sie aufzufangen. Und trotzdem, es war nichts, ich meine, es war nicht annähernd wie das, was im Anschluss passierte. Es mag damit zu tun haben, dass die BAD BRAINS musikalisch, nach meinem persönlichen Geschmack, noch mal in einer anderen Liga spielten, aber was damals auf und vor dieser Bühne im dem Club mit integriertem Coffeeshop, nur unweit der holländischen Grenze geschah, war ... war ... unvergesslich. Ich kann förmlich die Zerrissenheit spüren, vor der Wahl zu stehen, ob ich weiter fasziniert auf das starre, was dort vor mir auf der Bühne geschieht, oder ob ich mich endlich von den ungemein treibenden, harten, teilweise hektischen, trotzdem melodiösen und immer grandios aufgebauten Songs fortreissen lasse. Bei "Sailin' on" war es um mich geschehen. Vermutlich waren ich und das Thekenpersonal bis dahin die letzten, die nicht um ihr Leben gesprungen sind. Von nun an waren es nur noch die beiden hinter der Theke. Mal ehrlich, was erwartet man von vier Schwarzen in einer Band mit vier Musikern? Funk? Soul? Reggae? Aber doch nicht die intensivste Punkrock Show seines Lebens. Dennoch war sie es. Es war die verdammt nochmal intensivste Punkrock Show meines Lebens. Sänger H.R., ein unfassbar explosiver und charismatischer Bastard aus Jello Biafra, Henry Rollins, Darby Crash und Muhammed Ali. Ein Mensch gewordener Cocktail aus Speed und Amphetaminen. Rasend auf der Bühne, auf dem Publikum, in dem Publikum. Was für eine Kulisse für einige der besten Songs der Punk/HC Geschichte: "Sailin' on", "I against I", "Big takeover", "Don't bother me" ... - die Liste will nicht enden. Ich habe in den letzten Tagen versucht, meine Erwartungen, jetzt, mehr als 20 Jahre später, so gering wie möglich zu halten, aber das fällt vor diesem Hintergrund natürlich schwer. Ich bin fast aufgeregt, als ich in der Schlange stehe, die vor der Kasse kein Ende nehmen will, obwohl die Vorband längst gespielt hat. Ein kleines, aber fast schon beängstigendes Kuriosum am Rande. Einige Wochen vor dem Konzert habe ich an einem Gewinnspiel teilgenommen, bei dem es zwei Karten für die Show zu gewinnen gab, hatte das mittlerweile vergessen, mich dann vom Veranstalter direkt auf die Gästeliste setzen lassen, bis vorgestern die Mitteilung kam, dass ich die beiden Karten gewonnen hätte. Und weil ich ein netter Kerl bin und jeder in meinem Umfeld schon Karten hatte oder ebenfalls auf der Liste stand, habe ich den Jungs von Triggerfish.de gesagt, dass sie meine Karten einfach weiter verlosen können. Ich stehe also in der Schlange, als mir plötzlich jemand auf die Schulter klopft. Ein Mittzwanziger, nettes Gesicht, blonde, etwas längere Haare, sympathische Erscheinung. Ob ich schon eine Karte hätte. "Noch nicht, aber ich sollte eigentlich auf der Gästeliste stehen. Warum?" frage ich. "Ich sollte eigentlich auch auf der Liste stehen", sagt der junge Mann, "mit zwei Personen, bin aber jetzt doch alleine hier." "Ah ok, hört sich gut an. Sollte ich aus irgendeinem Grund nicht drauf stehen, komme ich einfach auf dein Angebot zurück." Wenige Minuten später stehe ich vor der Kasse. "Hallo. Müsste eigentlich auf der Gästeliste stehen. Tom van Laak." Sie blättert sich durch mehrere Seiten und ... Bingo. "Ah ... hier. Alles klar. Viel Spass!" "Dank dir!" sage ich freundlich, drehe mich um, und will langsam weitergehen, als ich den netten Mittzwanziger noch aus dem Ohrwinkel mitbekomme ... "Äh ... Hallo ... Ja, ich ... äh ... müsste auch auf der Gästeliste stehen ... unter ... äh ... Tom van Laak!" Was?! Wie Mario Barth stehe ich kurzzeitig in halber Toilettengangstellung mit aufgerissen Augen im Eingangsbereich der Live Music Hall und kann nicht glauben, dass der Typ hinter mir eben meinen Namen gesagt hat. Die liebe Frau an der Kasse mag es auch nicht recht glauben, schaut irritiert, blättert trotzdem nochmal durch ihre Seiten und ... Bingo. "Was für ein Zufall!" lächelt sie wissend, dass hier irgend etwas nicht stimmt, lässt die Sache aufgrund der noch immer langen Schlange Wartender aber einfach auf sich beruhen, wünscht meinem Namensbruder auch "Viel Spaß!" und widmet sich weiter ihrem Job. Natürlich, die Erklärung ist einfach. Die Leute von Triggerfish hatten meinen Namen schon weitergegeben und dem neuen Gewinner mitgeteilt, dass er unter Tom van Laak auf der Gästeliste steht. Aber ... verdammt ... was für ein unglaublicher Zufall ist das? Eine ausverkaufte Live Music Hall. 800 Besucher, vielleicht 1.000, vielleicht sogar mehr. Und wer steht hinter mir in der Schlange und spricht mich auch noch an? Wie geil ist das denn? Und was für ein komisches Gefühl einen Fremden sagen zu hören: "Ich müsste auf der Gästeliste stehen ... Tom van Laak!" Irritierend! Genauso irritierend wie der Rest des Abends. Es ist eine bunte Mischung, die die Live Music Hall ausverkauft. "Normale" Mittvierziger schieben sich gemeinsam mit alten und neuen Punkern, mit jungen Skatern, einigen Farbigen und jeder Menge Presse von vorne nach hinten, zur Theke und wieder zurück. Irgendwo mache ich den Kaberettisten Johann König aus. Keine Frage, es knistert wie lange nicht mehr. Es ist, als könne man die gespannte Erwartung greifen, als könne man sie sehen, wie die Schwaden von Nikotin, die sich über den Köpfen der Zuschauer sammeln. Niemand vor der Bühne scheint wirklich zu wissen, was ihn erwartet, und das ist gut, zumindest für alle diejenigen, die an der Show verdienen. Hätten wir es gewusst, viele von uns hätten diesen Samstagabend sicher gerne anders verbracht, hätten sich gerne mehrere 100 Kilometer Anfahrt gespart, hätten vielleicht lieber die Wohnung geputzt oder sich den Arm gebrochen. Machen wir es kurz - bis auf die exakt selben Beteiligten, die gleiche Instrumentierung, sowie den ein oder anderen Song, hatte dieses Debakel nichts, aber auch nichts mit dem zu tun, was sich vor mehr als 20 Jahren an der holländischen Grenze zugetragen hat. Aus H.R., dem unberechenbar aggressiven Speedball von einst, ist ein ständig dümmlich lächelnder Rastafari geworden, der mit seiner weißen, langen Kopfbedeckung an Mutter Teresa erinnert, ohne annähernd ihre Ausstrahlung auch nur erahnen zu lassen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich das Konzert kopfschüttelnd verlasse (es muss kurz vor Schluss gewesen sein ... die Hoffnung stirbt irgendwie doch zuletzt) singt H.R. in drei Posen. Eine mit den Händen in den Hosentaschen, eine weitere mit erhobenen Händen und jeweils gespreizten Zeige- und Mittelfinger, die dritte mit vor der Brust gekreuzten Armen. Kein Scherz. Wobei, singen kann man nicht wirklich nennen, was Zauselmann durch das stetige, unnatürlich wirkende Grinsen leiert. Es ist, als könne er dem Tempo alter Tage nicht mehr folgen, als müsse er einzelne Worte miteinander zu einem unverständlich wabernden Brei verbinden, der sich schwerfällig und lustlos über das durchaus gute Spiel seiner Kollegen legt, denen wiederum ein verschwindend geringer Bruchteil des Grinsens ihres Frontmanns gut zu Gesicht stehen würde. Um ehrlich zu sein, wäre mir auch jede andere Gefühlsregung bei Darryl Jenifer (Bass) und Dr. Know (Gitarre) recht gewesen. Jede andere als die gelangweilt fallenden Mundwinkel, die mir den Rest geben mussten. Ich weiß, dass es Stimmen gibt, die das Konzert "gar nicht sooo schlecht fanden". Mir vollkommen unbegreiflich. Entweder waren meine Erwartungen einfach zu hoch, oder die Betreffenden genauso stoned wie der Teil der Band, der das Singen versucht hat, oder das Predigen, oder was auch immer. Sicherlich DIE Enttäuschung 2007!
14.10.07: Und wenn es erst mal beschissen läuft, dann auch richtig. Dabei entwickelt sich mit der Polizistin, die mir wegen knapp 20 zu schnellen Stundenkilometern auf der Oberkasseler Brücke am Tag nach BAD BRAINS ein Bußgeld "erteilen muss" ("Ich bin ja nicht alleine hier") zunächst ein wirklich nettes Gespräch. Wir scherzen, machen uns über ihre Arbeitszeiten und meinen sonntäglichen Zustand lustig, und gerade als ich glaube, dass ich bald einen guten Freund bei der Polizei haben könnte, öffnet sie meinen Führerschein, sieht das Bild, fängt laut an zu lachen und fragt allen Ernstes: "WAS ist das denn?"!! Gut, das Bild ist etwa 22 Jahre alt, und ich weiß nicht mehr genau, was ich am Tag, bevor es gemacht wurde, getrieben habe, aber gesund kann es nicht gewesen sein. Trotzdem, der kleine Scherzkeks kann doch nicht einfach mein Bild auslachen und dann auch noch die Unverschämtheit besitzen zu fragen: "Was" das sei ... nicht einmal "Wer"! Fazit: Ich habe weiterhin keinen Freund bei der Polizei. Außerdem hat sie leicht gesächselt. Sie sollte den Ball mal schön flach halten ...
16.10.07: Sonja und ich spielen Memory und Sonja gewinnt mit 46 : 6 Paaren! Und wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, dass sie mir bei den sechs Paaren auch noch geholfen hat. Was für ein armseeliges Ergebnis. Wir haben nachher sogar ein Foto von den beiden Stapeln gemacht, weil es zugegebenermassen lustig anzusehen war. Für mich jetzt nicht so, aber ich glaube, Sonja hatte ihre helle Freude. 46 :6... tss... Erneuter Tiefschlag für mein Selbstbewusstsein.
20.10.07: Die "Toxic Twins" legen wieder im Emsdettener Plattendeck auf. Wieder gibt es Korn/Wick Blau und andere Sauereien. Als ich auf dem Heimweg wach werde, sitze ich auf der Rückbank von Marinas Auto. Vom liegt neben mir, so eingerollt in eine Hundedecke, dass man seinen Kopf nicht mehr sieht. Es dämmert schon, und aus dem Gespräch von Marina und Herbie kann ich erkennen, dass wir uns verfahren haben. Verdammt. Ich merke, dass es mir nicht gut geht und ich schnell nach Hause will, aber die Gegend, in der wir uns befinden, sieht anders aus, als sie es um diese Uhrzeit längst sollte. Das ist nicht Düsseldorf, sondern in leichte Nebelschwaden gehülltes Niemandsland in der Nähe von Marl, wie mir ein gelbes Schild verraten kann. Marl?! Verdammt! Und die Straße, auf der wir fahren, ist alles andere als eine Autobahn. Oh nein! Es geht mir etwas besser, als ich den Notfall-Underberg in meiner Brusttasche ertaste. Dann schlafe ich nochmal ein ... ... und werde zum Glück erst vor Voms Haustür wieder geweckt. Es ist ein anmutiges Bild, als wir ihn aus der Hundedecke befreien. Rote, halbgeöffnete Augen, Falten vom Liegen und überall Haare von Tyron, Marinas Hund. Es sieht fast aus wie eine zweite Haut, und obwohl es mir geht, wie es mir geht, muss ich unverweigerlich grinsen. Nicht mehr, als mich Marina zehn Minuten später netterweise vor meiner Haustür absetzt, um mich auf meinem Weg in den dritten Stock mit 60 Kilo Platten zu entlassen. Es ist immer der schwerste Weg am Morgen danach ...
30.10.07: Der Tag beginnt früh. Die BOSS MARTIANS landen um 6:35 Uhr am Düsseldorfer Flughafen und ich darf sie in Empfang nehmen. Toll. Natürlich bin ich zu spät und reagiere leicht gereizt, als mich Pk Dander am frühen Morgen mit seinem Motorrad nach nur etwa 30 Sekunden Fahrzeit rechts ranwinkt. Mein erster Fehler - die Begrüssung: "Was ist denn jetzt schon wieder?" Zweiter Fehler: Wenn irgend möglich, niemals Pk Dander die Frage stellen, ob es ein "Witz sein soll", auch dann nicht, wenn er vorher erklärt hat, dass man soeben einem Fußgänger am ungehinderten Überqueren des Zebrastreifen gehindert hat. "Was??? Soll das ein Witz sein??? Der war doch noch Meter entfernt!!", gifte ich entnervt, weil ich selten einen größeren Schwachsinn gehört habe. "Aber er hatte die Intention, den Zebrastreifen zu überqueren", erklärt Dander und lässt meine Einwände, dass ich den Mann keinesfalls gehindert hätte, dass es doch irgendeine Grenze geben muss und die sogenannte "Intention" unterschiedlich ausgelegt werden könne, mit stoischer Überheblichkeit an sich abprallen und fragt mich stattdessen wahrhaftig, ob ich den Verstoß zugebe. "Was soll jetzt DIE Frage, Herr Wachtmeister?! Natürlich nicht! Lächerlich!" Ich glaube, Dander hätte mich auch bei anderer Gesprächsführung meinerseits nicht mit einer Verwarnung davon kommen lassen. Allerdings ist die Geschichte längst vergessen, als ich wenig später eine der derzeit besten Livebands am Flughafen begrüßen darf. Ungemein nette Jungs, gefangen im Jetlag und im Bewusstsein, dass es zu Hause in Seattle jetzt später Abend bzw. Nacht ist, beschließt das Quartett Bier zum Frühstück zu trinken und ich will in meiner Gastfreundlichkeit keinesfalls hinten anstehen. Ich weiß nicht, ob ich noch fahren darf, als ich Sänger Evan, Bassist Scott, Keyboarder Nick und Drummer Thomas gegen Mittag bei Vom absetze, der sich nicht nur im Vorfeld bereit erklärt hat, die Band bei sich bis zum offiziellen Tourstart am 2.11. unterzubringen, sondern kollegial noch vor dem Mittagessen das erste Bier öffnet. Es ist beeindruckend, dass Thomas und Scott noch bis zum nächsten Morgen um 3.00 durchhalten, als sie Vom helfen, den Weg in sein Schlafzimmer zu finden.
31.10.07: Der nächste Tag. Halloween. Die BOSS MARTIANS und die CORNER BOYS spielen eine semi-geheime Warm-Up-Show im "Buck Mulligans", dem wohl größten Irish Pub Düsseldorfs, und trotz wenig Werbung ist das Mulligans gegen 22 Uhr brechend gefüllt, als die CORNER BOYS ihren ersten Auftritt überhaupt beginnen. Es ist natürlich ein Heimspiel, so wie jede andere Show jeder anderen Band, in der Vom trommelt, und das sind mittlerweile einige. Neben den (natürlich) TOTEN HOSEN, die SPITTIN' VICARS, WET DOG, THE BOYS und eben die CORNER BOYS (um mich selbst auch noch mal auf den neusten Stand zu bringen), die ich momentan für das weitaus beste halte, an dem der kleine Mann beteiligt ist. Punkrock, abwechslungsreich, mal ruhig, mal das Gegenteil, etwas CLASH, sicher auch etwas SOCIAL DISTORTION, grundsätzlich eher Englisch, auf jeden Fall hervorragend. Und das nicht zuletzt wegen den weiteren Beteiligten wie Thomas Schneider (ebenfalls SPITTIN' VICARS und einer der besten Gitarristen Düsseldorfs), Trip (spielt bei KIM, kann gut singen, noch besser Bass spielen, und genauso gut aussehen) und natürlich Pascal Briggs, musikalisches Multitalent, großer Songwriter, rein optisch mit neuem partiellen Stahlgebiss eine Mischung aus Mike Ness, dem jungen Johnny Cash und dem Beißer. Was für ein großartiges Livedebüt in einem Ambiente, an dem die Crew des "Buck Mulligans" mehrere Tage gesessen hat. Der riesige Laden ist bis in den letzten Winkel mit Erde, Spinnweben und anderem Gruselinventar bedeckt, während die Mannschaft selbst so entstellt geschminkt ist, dass ich Mitbesitzerin Aiche am nächsten Tag frage, warum sie selbst nicht dabei sein konnte. "Äh Tom, wir haben gestern sogar miteinander gesprochen." Ups, dann wird sie wohl die Hexe mit dem riesigen Zinken gewesen sein, von dem ich dachte, er sei echt, in ihrer Verkleidung nur noch übertroffen vom Chef höchstpersönlich, der mit seinen knapp 200 Kilo als Funkenmariechen verkleidet mit Abstand den Preis des gruseligsten Kostüms gewonnen haben sollte. Und in dieser irischen Kammer des Schreckens geben die BOSS MARTIANS dann ihre Warm-Up-Show der Europatour, die die Bezeichnung nicht verdient. Wenn das ein Warm-Up war, wie soll es dann aussehen, wenn es bei den Jungs richtig warm wird, oder heiß? Was für eine grandiose Rock'n'Roll-Show mit einigen der besten Powerpop-Songs überhaupt ("I am your radio"), neuen großartigen Rockbrettern ("Power of doubt"), von denen die HELLACOPTERS nur noch träumen können, und einer Ballade ("Angela") für die Steven Tyler seine Tochter eintauschen würde, um wenigstens mal ein gutes Lied singen zu dürfen. Die Hosen-Fans lieben die BOSS MARTIANS, die wiederum lieben die Hosen-Fans und die Jungs spielen sich in der Nacht nach Voms Keller und zwei Nächte nach ihrem Überseeflug so die Hemden nass, dass Evan nach der Show aus seinem tatsächlich eine erschreckend braune Brühe wringen kann. Wegen freiem Eintritt und erwartet hoher Fluktuation müssen beide Bands auf Wunsch der Iren allerdings nochmal ran, was sich im Nachhinein aber als keine gute Idee erweist, da viele bleiben, auf die geplante Aftershow warten, und einfach nur noch tanzen und Halloween feiern wollen. Zwei Stunden und zwei weitere Shows später ist das "Toxic Twins"- DJ-Team allerdings so toxisch, dass sich der Umbau der komplizierten irischen Anlage zu einem gruseligen Rumgestolper entwickelt, bis alle weiteren irischen Biere Teile von menschlichen Festplatten löschen ...
01.11.07: ... die auch nach dem erschreckenden Erwachen auf dem kalten Ledersofa nicht wieder gerettet werden können. Ein weiser Mann hat einmal gesagt: "Der wahre Horror kommt immer einen Tag nach Halloween." Wie Recht er doch hatte ...
03.11.07: Nur zwei Tage später das "Ping Pong"-Club-Debüt in der Suite 023 in der Dortmunder Innenstadt. Gast-DJ zu Ehren des ersten Abends im neuen Club ist Frank Popp, der zur Begrüssung stolz verkündet, seit einer Woche Nichtraucher zu sein und eigentlich plant, noch in der Nacht heimwärts zu fahren. Aber der "Ping Pong" schluckt sie alle. Zwei Stunden später ist Herr Popp fahrunfähig, trinkt Jägermeister wie andere Erdnüsse essen, raucht Kette und kommt im Endeffekt erst zwei (!) Tage später wieder nach Hause. Im Kampf gegen gute Vorsätze ein weiterer Sieg für Dortmunds unorthodoxe und ungesündeste Ballnacht.
14.11.07: Auf dem Weg zur Arbeit erzählt das Radio, dass Astrid Lindgren am heutigen Tag 100 Jahre alt geworden wäre, und die eingespielten Szenen aus Pipi Langstrumpf lassen Erinnerungen wach werden. Mein Gott, wie habe ich Pippi Langstrumpf damals geliebt. Das war toll. Ich wollte auch immer Pferde hoch heben können, Räuber am Kragen packen und einfach in einen Baum werfen, im Endeffekt aber hauptsächlich meinen Vater verprügeln. Ja, Pippi war klasse. Wobei, richtig verknallt war ich zuerst in Annika, aber ich bin mir fast sicher, dass ich meine ersten sexuellen Phantasien mit Pippi hatte. Sie trug immer diese zweifarbigen Dessous unter dem viel zu kurzen Kleid. Und sie hatte Zöpfe. Das muss sich damals im Alter von 12, 13 oder 14 Jahren alles noch unbewusst abgespielt haben. Vermutlich hat es Schlüsselreize ausgelöst, von denen ich nichts wusste. Da war mehr so ein Gefühl - schön, aber undefeniert. Allerdings habe ich auch immer wieder gedacht, Pippi Langstrumpf könnte streng riechen, weil sie immer das gleiche trug. Es war das Einzige, was mich als Kind an ihr gestört hat. Als ich älter wurde, ging mir Annika irgendwann auf die Nerven und wir haben uns getrennt.
29.11.07: Der Abend hätte so schön werden können. Aus dem Büro kommen, einen großen griechischen Salat essen, dazu den spanischen Halbtrockenen, dann ins Kino, dann mal sehen. Aber schon beim Salat die Wende. Die kernlose Olive hat einen Kern, der mir einen Zahn dermaßen zerlegt, dass ich plötzlich beim Reden pfeifen kann. Statt ins Kino, geht es also in eine der beiden Praxen der "Die Zahnärzte", die nicht nur werktäglich bis Mitternacht geöffnet haben, sondern auch an Wochenend- und Feiertagen. Die Praxis ist ein Traum. Im Wartezimmer steht ein LCD-Fernseher, ein Wasserspender, ein Kaffeeautomat, und es gibt so ziemlich jede Inneneinrichtungs- und Modezeitschrift, die man sich wünschen kann. Toll. Scheinbar eingelullt von dem Ambiente entscheide ich mich in meiner Abneigung gegen Spritzen und dem Gefühl dicker tauber Lippen gegen die Betäubung, und mache damit einen Fehler, den die aparte Ärztin brutalst möglich bestraft, als sie nach mindestens fünf fast schon angenehm zu nennenden Behandlungsminuten auf dem Designerstuhl den unangenehmen Teil mit den bekannten Worten "Jetzt könnte es gleich etwa weh tun" beginnt. Etwas weh tun? ETWAS? Ich möchte niemals, aber wirklich niemals ihr Patient sein, wenn sie sagt, dass es gleich SEHR weh tun wird, und als sie mir nach fünf weiteren Minuten versichert (eine gefühlte halbe Stunde), "das Schlimmste sei überstanden", habe ich so viel Schweiß in meiner Kleidung, dass es mich fröstelt, als ich gegen 21:30 Uhr die Praxis verlasse. Ich fühle mich fertig, als ich mich wenig später mit meinem roten spanischen Freund neben Sonja setze, und selbst ihre Feststellung, dass meine Haare heute so ähnlich wie die von Jon Bon Jovi liegen, kann mich kaum noch aus der Reserve locken. Doch auch wenn mein Gedächtnis die virtuelle Struktur eines Siebes hat, so etwas merke ich mir ... Fräulein! Tom Van Laak
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