Hier spielt die MusikIm Saal darf nicht geraucht und nicht getrunken werden, normalerweise tanzen unter den Fresken Paare in Abendkleidung, der Polizist, der wachsam durch die Gänge schreitet, hat seine Amtsstube direkt neben den Saal. TOCOTRONIC mögen das, die haben's gerne anders.
Erzählt man sich von deren Konzert damals in der Seifenfabrik beispielsweise, nimmt man durchaus auch das Wörtchen "legendär" in den Mund, Dirk von Lowtzow erwähnt jenen Auftritt in jedem Interview. Ich selbst war damals nicht dabei, angesichts der komischen Atmosphäre hier bei jenem TOCOTRONIC-Gig in den Grazer Kammersälen schießt mir jedoch so manch anderes Konzerterlebnis in illustrer Umgebung in den Kopf. Immerhin lernt man als Konzertbesucher wie Künstler doch so manchen schönen, eigenartigen oder einfach nur kultigen Ort kennen, der einem verbunden mit dem einem oder anderen Erlebnis bestens im Gedächtnis verankert bleibt. Ganz oben auf dieser Liste der Erinnerungen steht da der mittlerweile nicht mehr zugänglicher Keller der Tramina Weinstube. Einst ging man quer durch den Gastraum, vorbei an der Küche, eine steile Treppe hinab, unten roch es nicht gerade gut, dafür konnte man, von den beiden Chefinnen geduldet, Bier und Cola für wenig Geld kaufen, Veranstalter Romeo grinste dich an und sagte: "80 Schilling, bitte." Drinnen wurde meist gecrustet, was das Zeug hielt, und Straßenpunker zeigten dir lustige Messertricks. Viele Konzerte dieser Art gab es nach Verebben der Tramina-Ära nicht mehr in Graz, einige davon konnte und kann man sich beispielsweise im Sub reinziehen, einem ehemaligen Fahrradgeschäft. Bis vor kurzem ließ sich dort das Eintrittsgeld leicht sparen, da man die Shows einfach durch das - mittlerweile blickdicht gemachte - Schaufenster mitverfolgen konnte. Als WC diente und dient der kleine Park gegenüber, Getränke konnte man sich ja selbst mitbringen. Konzerte, bei denen auch die Bands draußen stehen, sind aber auch etwas Feines, in Parks beispielsweise oder auf anderen öffentlichen Plätzen. So etwa auf diesem Straßenfest am so genannten Eisernen Tor, inmitten der zentralsten Einkaufsstraße der Stadt. Da wurden Kinderwägen schnellstens vorbeigeschoben, manch ein Schlipsträger stand nahe vor dem Kollaps, als YACØPSÆ zur meist frequentierten Stunde am langen Einkaufssamstag ihre gigantische Lärmwand aufbauten. Nett die alte Dame mit ihrem Hund, die mir erklärte, dass sie für diese Art von Musik zwar schon zu alt sei, diese aber trotzdem Charme hätte, noch ein wenig bei uns stehen blieb und - soweit dies bei YACØPSÆ halt möglich ist - im Takt mitwippte. Schön auch mein Gig mit dem Anarchokrach-Duo FÄIDABOLL auf einer Parkbank, als wir nach unserem Debütauftritt im - mittlerweile aus dem Mietvertrag geekelten und umgesiedelten - JKZ Explosiv kurzerhand in den Stadtpark zogen, dreißig Punks im Gepäck, uns, die Akustikgitarre unterm Arm, auf unsere quasi Stammbank setzten und unser damals erst vier Songs starkes Set zweimal darboten. Da wurde brav geschrieen und ordentlich gepogt, verstörte Parkbesucher zogen vorbei und Kiwi - der Punk mit den Messerspielen - sprang nackt in den Ententeich. Ein anderer Auftritt von uns sollte an dieser Stelle ebenso Erwähnung finden, in einem kleinen Theater in Wien nämlich, wo man gleich nach Betreten direkt vor dem schrulligen Mischer und Theaterbesitzer stand, dafür aber an den Künstlern vorbei über die Bühne musste, um zu Kasse, WC und Bar zu gelangen. Ansonsten fallen mir noch etliche Konzerte in irgendwelchen ehemaligen Schlachthöfen ein, sterile Schulsporthallen, diverse modrige Keller jeglicher Größenordnung, ein Schweinestall, das Hardcore-Konzert im Irish Pub, VALINA im Tätowierstudio, polizeilich abgebrochen nach nur drei Songs. Im berüchtigten "Punk-Haus" - einer von der Stadt eigentlich zu Wohnzwecken bereitgestellte Abrissbude, umhüllt von deren Urindunst sich beispielsweise bereits OI POLLOI die Ehre gaben - war ich leider nie, und auch ins derzeit vielbespielte Pornokino habe ich es noch nicht geschafft, schade eigentlich. H.C. Roth
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