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Wer ficken will, darf keine Körbe flechten

Weihnachten 2007. Verwandtschaftstreffen bei Omi. Bei Kaffee und Kuchen sitze ich am Tisch der Familie. Ich habe drei Stunden Schlaf hinter mir und bin immer noch besoffen von der Nacht zuvor. Das Ambiente überfordert mich.

Ich verspüre keinerlei Mitteilungsbedürfnis. Jeglichen Restbestand an Informationen, die ich in diesem Jahr noch loswerden wollte, habe ich im Verlauf der vergangenen Nächte im Suff herausposaunt. Mein Pulver ist verschossen.
Gestern noch gewitzt, geistreich und schlagfertig unterwegs gewesen - heute bloß noch ein verstummtes, eingeschüchtertes Häufchen Elend, das seinem gegenwärtigen Umfeld gnadenlos ausgeliefert zu sein scheint.
Trotz meiner grundsätzlich vorhandenen Bereitwilligkeit und dem damit einhergehenden Wohlwollen gegenüber diesem alljährlich stattfindenden Kaffeekränzchen, erweise ich mich an diesem Nachmittag als auffallend reservierter Teilnehmer dieses Events.
Dem Aufrechterhalten von Konversationen auf nüchternem und ausgeschlafenem Niveau fühle ich mich heute nur sehr bedingt gewachsen. Auf Fragen reagiere ich stets sachlich und kurz angebunden. Sofern es die Fragestellung zulässt, offenbare ich lediglich ein schlichtes "Ja" oder "Nein" und belasse es als Genugtuung. Darauf folgende Schweigemomente bewerte ich nicht als unbehaglich, sondern als entspannend.
Aufgrund der Einsicht, dass ich im Rahmen dieser Veranstaltung auf kommunikativer Ebene nur das Mindestsoll erfüllen kann, um nicht gleich als autistisch eingestuft zu werden, esse ich ganz einfach ein Stück Kuchen nach dem anderen - auf nüchternen Magen.
Somit erwecke ich zumindest den Eindruck, dass ich ins Geschehen involviert sei und den Sinn und Zweck einer solch hippen Fete zumindest halbwegs verstanden hätte. Wenn ich den Mund schon nicht zum Reden aufkriege, dann eben wenigstens zum Kuchen essen.
Als man mich fragt, ob mir der Kuchen schmecken würde, bleibe ich meinem Leitkonzept "Antworten, aber nicht Rede stehen" treu und zeige mich mit einem freundlichen "Ja" erkenntlich. Im Zuge meines bisherigen Auftrittes hätte jedes ergänzende Wort für Verwirrung bei den Beteiligten gesorgt und wäre mir schlimmstenfalls als affektierte Höflichkeitsfloskel ausgelegt worden.
Also esse ich weiterhin Kuchen, Stück für Stück, versuche meinen Schwindel erregenden Kater - welcher dem Gefühl einer sich anbahnenden Panikattacke nahe kommt - zu ignorieren und lausche halbaufmerksam mit einem Ohr den Gesprächen der Anwesenden, bis mir irgendwann schlecht ist.
Als ich meiner Oma dann schließlich einen Kuss zum Abschied gebe und mich bei ihr für die geile Party bedanke, streut sie zu guter Letzt noch einmal Salz in eine meiner alten Wunden.
Und zwar erwähnt sie das Seidentuch, das ich mit Anfang zwanzig für ein Mädchen bemalt hatte, in das ich sehr verliebt gewesen war. Meine Oma ist von diesem bemalten Seidentuch offensichtlich nachhaltig begeistert gewesen. Aus diesem Grund erwähnt sie es seit nunmehr sechs Jahren jedes Mal, wenn wir uns treffen.
Die Begeisterung des Mädchens, für das ich das Seidentuch angefertigt hatte, hielt sich jedoch in Grenzen. Das bedauert meine Oma noch heute.
Ich hatte dem Mädchen ihr Sternzeichen auf das Tuch gemalt.
Was meine Oma jedoch vermutlich nicht weiß, ist, dass ich die Vorlage zu dem Sternzeichen nicht selbst entworfen hatte, sondern sie mir im Verlauf eines Psychiatrieaufenthaltes während der Ergotherapie aus einem Ordner mit Vorlagen aussuchen durfte.
Vermutlich schätzt mich meine Oma als so romantisch ein, dass sie dachte: "Der Junge ist an einem sonnigen Nachmittag zu einem Bastelladen gefahren und hat sich mal eben ein paar Seidenmalfarben, ein paar Seidentücher und dazu einen Spannrahmen gekauft, um seiner Liebsten eine Freude vorzubereiten."
Aber nein, der Junge saß im Irrenhaus und fertigte dieses wundervolle Tuch im Rahmen einer Therapiemaßnahme, die zur Beschäftigung dienen und zu möglichen Erfolgserlebnissen verhelfen sollte. Nachdem ich einen Korb geflochten, einen Aschenbecher aus Ton modelliert, an einem Speckstein gemeißelt und ein paar Bilder mit Window Color gestaltet hatte, war irgendwann eben auch mal die Seidenmalerei an der Reihe.
Doch ein Erfolgserlebnis, jenseits des Hochgefühls während meiner Schaffensperiode, konnte mir jenes - durchaus gelungene und in der Tat sehr schöne - Seidentuch leider nicht einbringen. Ich konnte bei meiner Angebeteten mit diesem Seidentuch nicht landen. Ganze sechs Wochen dauerte unsere Beziehung. Was die Ausstrahlung des Mädchens anbelangt, so wirkte sie doch eher introvertiert (ähnlich wie auch ich zu jener Zeit, oder auch heute noch in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel während eines apathisch gesoffenen Gemütszustandes auf einem weihnachtlichen Verwandtschaftstreffen bei Omi - siehe oben).
Nach außen hin erschien sie so süß, sensibel und unschuldig wie ein kleines Lämmlein. Aus diesem Grund geriet ich auch überhaupt erst zu dem Trugschluss, dass ich mit meinem bemalten Seidentuch bei ihr etwas hätte reißen können. Und umso irritierter war ich dann auch, als sie eines Abends auf einer Party ebenso überraschend wie plötzlich zu mir meinte: "Komm, wir gehen lieber zu dir nach Hause und ficken!"
Eine solche Ansage gefiel mir selbstverständlich, auch wenn ich ihr derlei schamlose Anzüglichkeiten bis dato nicht zugetraut hatte. Wie zu erwarten, hätte ich sie von diesem Moment an am liebsten direkt geheiratet.
Ein paar Tage später wollte ich eine solch unverklemmte Aufforderung ihr gegenüber dann auch mal versuchen, weil ich dachte, das Eis zwischen uns sei nun gebrochen. Also sagte ich in einem, mir angemessen erscheinenden Moment: "Komm, lass uns ins Bett gehen und ficken!" Daraufhin kam von ihr bloß ein trockenes: "Nö, kein Bock."
Den darauf folgenden Schweigemoment bewerte ich als unbehaglich.
Kurze Zeit später beendete sie unsere fortwährende mangelnde Übereinkunft mit der Begründung, dass es sich bei ihr nur um eine vorübergehende Schwärmerei für mich gehandelt habe. Hmm ... vermutlich die vorübergehende Schwärmerei für einen vermeintlich mysteriösen, schweigsamen Typen, der seine Rolle zwischen einfühlsamer Romantiker und "Komm, lass uns ficken!"-Draufgänger nicht distinguiert genug koordiniert bekommen hatte.
Ich hinterließ ihr das Seidentuch, das ich in der Klapsmühle für sie bemalt hatte, und darüber hinaus eine Geschenkschatulle - gefüllt mit vielen persönlichen, lieb gemeinten Kleinigkeiten, die ich in pinkfarbene Rosenblätter gebettet hatte.
Sie hinterließ mir ein Brandloch in der Pkw-Rückbank sowie einen Zigarettenstummel in einer halb leeren Bierdose, aus der ich anschließend noch trank.
Oma, sei nicht traurig drum. Die war es nun mal nicht wert.
Alex Gräbeldinger

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