White Punks on BleiWie wär das? Da sitzt du gemütlich bei deinem verpeilten Kumpel auf der Bude, draußen sind es minus 15 Grad und ihr freut euch wie kleinen Kinder darauf, jetzt den ersten Joint des Abends zu rollen.
Wahrscheinlich würdest du mehr als verwundert gucken, wenn du sehen würdest, wie dein dopeerfahrener Freund mit den gelben Raucherfingern den saftigen Grasstängel erst mal über ein weißes Blatt Papier schubbern und eine unter kunsthistorischen Aspekten sicher total interessante Bleistiftschraffur anfertigen würde. Wenn du in Leipzig wohnst, würde dich das vielleicht gar nicht so wundern - denn unter Leipzigern Kiffern grassiert die Angst, huhu. Diese Dope-Paranoia ist aber nicht ganz unbegründet, denn seit einigen Monaten lässt sich in Sachsen ein seltsames Phänomen beobachten. Bei den Leipziger Grasverkäufern scheint sich eine böse Unart eingeschlichen zu haben, das Gras in den Tüten gewichtsmäßig auf eine ziemlich niederträchtige Weise zu strecken. Aber mal von vorne. Eigentlich könnte das auch die Story eines Sonntagabendkrimis sein, für so was könnte man glatt das alte Triefauge Derrick noch mal aus der Rente holen. Seit einigen Monaten ist in Leipzig und im Umland eine erhöhte Zahl von Leuten mit Bleivergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, teilweise fünfzig in einem Monat. Die Ärzte stehen von einem Rätsel. Wo kommt das Blei in den Leuten her? Weder gibt es im Osten noch Bleirohre in Wänden, noch fahren so viele alte Autos ohne Kat dort durch die Gegend, noch nuckeln die Menschen wieder vermehrt an den Auspüffen der nicht vorhandenen Autos. Und auch eine Bleivergiftung im Eastwood'schen Sinne von Spaghetti-Western ist auszuschließen. Wo kommt also das viele Blei in den Knochen der Menschen her? Wahrscheinlich wäre es nie rausgekommen, wenn nicht einer der Patienten erwähnt hätte, dass er regelmäßig kifft. Das zumindest brachte die Sache ans trübe Herbstlicht. Denn das Gras, das sich in Leipzig derzeit im Umlauf befindet, wird nämlich teilweise mit Blei beziehungsweise Bleisulfat gestreckt. Der Sinn dahinter ist so banal, dass es fast nur einem zugedopeten Kifferhirn entsprungen sein kann. Blei als solches ist nun mal sehr schwer, und wenn man das Gewicht von dem Gras in den Tütchen erhöhen will, aber nicht die eigentliche Menge, was tut man da? Genau, man besprüht die erntefertigen Pflanzen mit Blei, damit alles schön schwer wird und der Dealer an sich mehr Geld aus seinem Dope machen kann. Leider ist Blei nicht nur schwer, sondern auch ein extrem giftiges Metall, das bei relativ niedrigen Temperaturen verdampft. Wenn man also seine Tüte raucht, nimmt man nicht nur THC zu sich, sondern auch für den Körper ungewohnt hohe Mengen Schwermetall. Und wer regelmäßig kifft, vergiftet sich damit dann ungewollt aufs Ärgste. Denn Blei lagert sich nicht nur in Knochen und inneren Organen ab, sondern kann auch das Nervensystem sowie die Fortpflanzungsorgane schädigen und wird vom Körper extrem schwer wieder ausgeschieden, weil es nicht wasserlöslich ist. Aber wer denkt schon an so was, wenn er mal sein Feierabendtütchen anzündet? Kurz gesagt, ist so was einfach scheiße. Ich würde sogar sagen, das ist eine ziemlich menschenverachtende Methode, seinen Gewinn zu steigern. Dope verkaufen ist eines, aber wissentlich in Kauf nehmen, dass Leute sich mit gestrecktem Gras schwer vergiften, noch mal was ganz anderes. Ein schöner Slogan zu Abschluss dieser Kolumne, die sich wie ein Faltblättchen vom Gesundheitsamt liest, wäre jetzt Gold wert. So was wie "Augen auf beim Haschischkauf". Ich glaub, den nehm ich. Timbob Kegler (www.renfield-fanzine@hotmail.de)
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