Aus dem Tagebuch eines Gewinners #77
02.12.08: Sonntagnachmittag. Ich klicke mich seit Stunden durch Ebay und Myspace, weil ich mich kaum auf Worte, geschweige denn ganze Sätze konzentrieren kann. Kaffee und zuviel schwarzer Tee lassen den Motor wieder auf Hochtouren laufen, während der Rest des Körpers und vor allem der Geist nur noch schlafen wollen. Aber ich kann es nicht. Ich kann es nie. Ich kann mich nur noch vage an Freitagabend erinnern, die gestrige Ping Pong-Nacht liegt im Nebel, und selbst die ersten Minuten nach dem Erwachen im Auto am heutigen Morgen scheine ich nur dämmernd mitgenommen zu haben. So ist es immer, so sollte es nicht sein. Zu viel Arbeit und zu lange Nächte hinter Plattenspielern und in Partykellern von kleinen Musikern scheinen immer tiefere Spuren in meinem Wohlbefinden zu hinterlassen. Ich bin seit Wochen nur noch müde. Nervös, aber müde. Nach dem Aufstehen, bei der Arbeit, vor dem Kaffee, nach dem Kaffee, vor dem Essen genauso wie danach, am Abend vor dem Fernseher und erst wenn sich die Dunkelheit über die Stadt legt, der schwere rote Wein die Nackenmuskulatur und die Stirn entspannt, und die erste Zigarette des Tages komisch schmeckt, scheint sich langsam so etwas ähnliches wie Leben in mir auszubreiten. Und während die Lichter der Stadt erlischen, fährt meine Festplatte hoch und lässt mich viel zu oft die Stunden nach Mitternacht genießen, Ein schlechtes Timing, findet auch mein Therapeut, der die "Nachtsitzungen" als "kontraproduktiv" bezeichnet und für "alles andere als gesund" hält. Sehe ich ein. Kann ich verstehen. Nur leider genieße ich die nächtlichen Stunden der Ruhe zu sehr, als dass ich sie aufgeben möchte. Nein, ich muss mich wirklich nicht wundern, wenn man mich "Leatherface" oder den "Mann mit den drei Ringen im Gesicht? nennt. Und jetzt sitze ich hier, gefühlt zwischen Leben und Tod, bereue, gelobe wie so oft Besserung, und freue mich schon jetzt auf den spanischen Halbtrockenen, den mir meine Eltern aus Bocholt mitgebracht haben. Bei weitem der beste Wein, den ich je getrunken habe. Immer gut zur entzündeten Speiseröhre, erstaunlich mild, mit einem Geschmack, den ich bei einem roten Wein selten zuvor schmecken durfte. Leider haben sie mich scheinbar nicht ernst genommen haben, als ich sie bat mir gleich drei Kisten mit zu bringen, ich würde sie auch bezahlen. "Sechs Flaschen sollten doch erst mal reichen" meinte Mutter, aber Zeit kann so verdammt relativ sein, wenn man seine Eltern nur einmal in zwei Monaten sieht. Ich sollte vielleicht joggen gehen. Es macht mir normalerweile nichts, egal ob ich nur fünf, vielleicht sogar nur zwei Stunden geschlafen habe. Aber heute ist mir wirklich nicht danach. Es mag an letztem Sonntag liegen, als ich unter gleichen Umständen durch die Rheinwiesen gelaufen bin und dachte, ich sei womöglich besessen, weil die Schafe vor mir weg gerannt sind, obwohl sie sich an den anderen Fußgängern und Joggern kaum gestört haben. Ich muss zu dem Zeitpunkt noch soviel Kokolores im Blut gehabt haben, dass ich sicher nicht überzeugt davon war besessen zu sein, aber schon den ein oder anderen Gedanken daran verschwendet habe. Wie das jetzt wohl so wäre ... so besessen. Wie lange die Inkubationszeit sein mag. Ob die Tiere es eher merken, als man selbst. Wie man an einen Exorzisten kommt, und dass die sicher nicht im Branchenbuch stehen. Ob ich besser aufhören sollte Horrorfilme zu schauen und dabei Sportzigaretten zu rauchen. Oder ob die Schafe einfach nur Land gewinnen, weil ich in meinem 70er Jahre-Adidas Polyesteranzug und den drei Ringen im Gesicht einfach zum Fürchten aussehe. Ich meine, hey, es war super Wetter, ich hätte wie alle anderen die Natur genießen und an etwas schönes denken sollen und nicht, ob ich besessen bin oder ähnlichen Schwachsinn. Ach verdammt nein, ich werde heute weder joggen, noch werde ich einen einzigen Gedanken daran verschwenden, etwas habe von mir Besitz ergriffen. Ich werde noch kurz hier sitzen, vielleicht noch Skispringen oder Biathlon schauen, mir später einen Döner holen und ihn wieder so scharf machen lassen, dass ich irgendwann am morgigen Tag noch einmal etwas davon habe, und stark schwitzend nach dem Toilettengang denken werde, dass ich beim nächsten mal besser aufpassen sollte. Und natürlich - das perfekte Promi Dinner. Was wäre der Sonntag ohne das Promi Dinner? Was wäre die Woche ohne "Das perfekte Dinner", ohne "Unter Volldampf" ohne "Kerner kocht"? Haha... Es ist schon erstaunlich, wie gerne ich Kochsendungen schaue, wo ich selbst gerade mal zwei verschiedene Nudelgerichte, Pellkartoffeln, dicke Bohnen und belegte Brote machen kann. Und wie oft habe ich Sonja schon gönnerhaft in den Arm genommen und ihr mit Rehaugen versichert, dass ich eines der mehr oder weniger perfekten Dinner demnächst auch für sie machen werde?! Ich!! Haha ...
03.12.07: Montagmorgen. Mittlerweile strahlt die Last des Wochenendes bis in den Dienstag und auch der heutige Morgen ist eher fahrig und nervös. Die Haut ist noch immer dünn, und zu allem Überfluss muss ich eine Kritik am "Black & White" Album der HIVES in der neuen Ausgabe einer bekannten Musikmagazin ertragen, in der von Belanglosigkeit die Rede ist, während man "The Alchemy Index Vols. I & II" von THRICE zu den Schönheiten zählt. Mir ist schlecht und der Hintern brennt als ich auf der Sanitärkeramik sitzend lesen darf, dass THRICE "sich mit dem vierteiligen Konzeptwerk der Herausforderung stellen", die vier Grundstoffe Feuer, Wasser, Erde, Luft musikalisch zu vertonen. Ach du Scheiße! Und dass die Ankündigung der Band Bewunderung hervor rief. Unsinn! Die vier Elemente vertonen? Wer zum Teufel kommt auf eine solch selten dämliche Idee?! Ja ... klar ... THRICE. "Du Torben. Ich hab da eine total tolle Idee. Die kam mir gestern, als ich für Jan Hendrik einen neuen Gitarrengurt gestrickt habe. Was hälst du davon, wenn wir versuchen die vier Elemente zu vertonen? Ist das nicht eine tolle Idee, Torben? Wir könnten unsere Vorstellung wie Erde klingt nach außen tragen, wie sich Luft anhört, Feuer und Wasser. Torben, nun sag schon!" Und Torben war wohl auch dafür, genauso wie Jan Hendrik, Peer und Malte. Ein Traum für Musikjournalisten, die immer noch den Anspruch haben aus ihren Plattenbesprechungen philosophische Abhandlungen zu machen, die niemand versteht. Für mich eine Katastrophe. Ich bin ein friedlicher Mensch. Ich bin sensibel und tolerant. Aber so eine Scheiße macht mich aggressiv. Wo sind die Zeiten als Punk noch gegen Hippies gesungen hat? Warum sind Torben, Jan Hendrik, Peer und Malte nicht einfach mit ihrem Töpferkurs in die Esoterikdisco gegangen, um ihre Namen zu tanzen? Ein Brötchen mit Zwiebelmett ist jetzt genau das richtige.
07.12.07: Die Toxic Twins legen auf einer privaten Geburtstagsfeier auf und haben mit einer katastrophalen Anlage, Freibier und anderem Wahnsinn zu kämpfen, bis man Vom zuerst aus dem direkt am Rhein gelegenen Cafe des Löricker Strandbads stützen muss. Ich ahne sofort, dass ich den Rest der Nacht vermutlich alleine auflegen darf, als Vom in Marys Arm mit starrem Blick Richtung Ausgang wankt. Leider bin ich zu diesem Zeitpunkt selbst schon so weit von der Realität entfernt, dass ich im Verlauf der Nacht noch beim Ausdruckstanz hinter dem Mischpult stürze, später mit hoch gerissenen Armen "Highway to hell" mitsinge und noch später Nudelsalat mit den bloßen Händen esse. Es ist eine dieser Nächte, deren Peinlichkeit sich erst am darauf folgenden, verkaterten und somit besonders labilen Tag in seiner vollen Pracht entfaltet. Wie hat es ausgesehen, als es mich beim Rumhampeln von den Beinen geholt hat? Wie sieht es überhaupt aus, wenn DJs stürzen? Welchen Eindruck habe ich mit meinen Händen im Nudelsalat hinterlassen? Ach was soll's!?! So lange ich nicht "Schieb den Wal zurück ins Meer" oder THRICE mitsinge, kann es mir egal sein.
14.12.07: Ich treffe die ADOLESCENTS am frühen Nachmittag im Bandapartment auf der Lützowstrasse in der Kölner Innenstadt. Es ist ein verdammt gutes Gefühl, meine alten Helden auf Tour schicken zu können. Neben dem "Ententanz" und dem "Lied der Schlümpfe" war ein Song wie "Amoeba" nicht minder wichtig, und noch heute sammelt sich Freudenwasser am Gesäß, wenn ich an die Parties bei Meier im Keller denke, wie wir uns zu "Amoeba" fast nackich gemacht und unseren Gefühlen freien Lauf gelassen haben. Und jetzt sitze ich hier mit Tony Reflex, dem unglaublich übergewichtigen Steve Soto, mit Derek O'Brian, der auf der legendären "Another State of Mind" Tour noch für SOCIAL DISTORTION getrommelt hat, mit Warren, dem Mann für's Grobe und mit Joe, dem 17(!)-jährigen Ausnahmegitarristen. Er sieht aus wie ein Kind, als er auf dem Schlafsofa sitzend an der Colaflasche nippt und Tony mir seine Geschichte erzählt. Die Geschichte von dem 12- oder 13-jährigen Jungen, der seiner Lieblingsband immer wieder Briefe schreibt, und sie bittet ihm die Griffe ihrer Songs aufzuschreiben, weil er eine Gitarre geschenkt bekommen hat. Natürlich heisst die Band ADOLESCENTS und es ist sicher kein Zufall, dass Joe im Alter von 15 Jahren mit seiner ersten richtigen Band, die er WRECKING CREW nennt, im Studio von Steve landet. Sie kommen ins Gespräch, Joe erzählt, dass er fast alle Songs der ADOLESCENTS spielen kann, und nur wenige Wochen später fällt unseren Helden der Gitarrist für einige Shows aus und sie brauchen kurzfristig Ersatz. Steve erinnert sich an Joe, aber ... mein Gott ... der Kerl ist 15, fast noch ein Kind und knapp 30 Jahre jünger als der Rest der Band. 15 Jahre, das geht doch nicht. Und trotzdem lassen sie Joe vorspielen, erzählt Tony. "Tom, ehrlich, ich schwör dir, ich weiß zwar nicht mehr was wir gespielt haben, ich glaube es war ?Kids of the black hole?, aber ich weiß noch genau wie wir zur Hälfte des Songs aufgehört haben zu spielen, weil wir alle nur noch mit offenen Mündern staunen konnten. Der Typ hat uns mit seinen 15 Jahren mal eben an die Wand gespielt." Seitdem ist Joe fester Bestandteil der Band und am selben Abend einer der Garanten für eine der besten Shows, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Unglaublich! Von Beginn an rastet das Publikum im vollgestopfteen Underground aus, schwitzt, schreit und springt, um bei "Amoeba" am Ende des Sets und am Rande des Wahnsinns in den Refrain einzustimmen und mir eine Gänsehaut zu verschaffen, die an ein Noppenkondom erinnert. Irre! Im Juni mit WHITE FLAG auf Tour. Yes!
15.12.07: Nur einen Tag später sind die Toxic Twins wieder in Emsdetten, um im "Plattendeck" erneut über alle Stränge zu schlagen. Dieses mal sind die wahnsinnigen Gastgeber besonders kreativ und wollen uns mit Wackelpudding-Wodka, in Korn eingelegten Gummibärchen und mit Jägermeister gefüllten Früchten (!!) aus der Umlaufbahn schießen, was ihnen vortrefflich gelingt. Später in der Nacht fällt Vom von Trips Schultern in einen Kühlschrank, steht noch später halbnackt auf der Tanzfläche, um gegen 4.00 Uhr morgens mit mir auf den Schultern wie eine gefällte Eiche umzukippen ...
16.12.07: ... und als ich am kommenden Morgen des Sonntag auf dem Boden seines Kellers wach werde, sind es die Schmerzen am rechten Handgelenk, die eine dunkle Erinnerung an den Sturz wachrufen, während der Heimweg weder im herkömmlichen Speicher, noch im Papierkorb, noch im Cache zu finden ist. Es ist Sonntag morgen. Ich sollte mit meiner Tochter und meiner Freundin am Frühstückstisch vor frischen dampfenden Backofenbrötchen sitzen, anstatt hier auf der dünnen Schaumstoffmatratze in einem im Umbau befindlichen Partykeller, in dem der kalte Rauch steht wie der morgendliche Nebel über den Äckern und Wiesen vor der großen Stadt. Ich habe Angst vor dem aufkommenden Kopfschmerz, der folgenden Depression, und den ersten sozialen Kontakten. Ich werde mich jetzt aus dem Haus schleichen und hoffen, niemandem zu begegnen. Ich brauche keinen Spiegel um zu wissen, wie ich aussehe. Der Mann mit den drei Ringen im Gesicht. Haha ... Ich bin froh, den letzten DJ-Job des Jahres hinter mir zu haben. Der Rest des Jahres soll ruhiger werden.
23.12.07: Einen Tag vor Heiligabend nennt mich Sonja eine "Pissbirne", nur weil ich es mir einfach mache, nicht lange suche, und meinen Eltern die erst beste Weihnachtskarte schreiben will, die ich finden kann. Die Karte ist für Kinder. "Tom, ich glaube du verwechselst da etwas. Deine Eltern sind Renter, keine Kinder. Könntest du dir nicht wenigstens zu Weihnachten mal ein bisschen Mühe geben!? Was bist du doch für eine Pissbirne!" Haha ...
24.12.07: Heiligabend. Wie jedes Jahr ist Sonja bei ihren Eltern und Helen ist bei Oma Netta. Ich habe die Knusperente von Aldi, Backofen-Pommes, einen kompletten Blumenkohl, eine halbe Flasche Gin, eine Flasche Tonic, drei Flaschen Pils, Weihnachtsgras, SAW I - III, und mit den aktuellen Alben von ARCADE FIRE und den HIVES die beiden musikalischen Highlights 2007. Wie geil ist das denn?! Es ist süß, wenn sich Helen und Sonja Sorgen um mich machen, nur weil ich den Abend alleine verbringen muss. Ach, wenn sie wüssten... "Kein Thema, Mädels. Wirklich, überhaupt kein Thema."
25.12.07: Das nenne ich mal eine heilige Nacht. Aber es geht mir erstaunlich gut und nur der komplette (!!) Blumenkohl sorgt noch für Irritationen im Enddarm. In etwa einer Stunde beginnt der arbeitsreiche Teil Weihnachtens mit dem Besuch bei Oma Emmerich. Dann Oma Flüren, dann meine Eltern. Alles wie gehabt. Und jährlich grüßt das Murmeltier. Bis nächstes Jahr ...
22.01.08: ... das verhältnismäßig ruhig beginnt. Bis auf übliche Ping Pong-Sauereien und Voms typische Partykeller-Eskapaden startet 2008 verhältnismäßig unspektakulär. Vor allem die Konzertsaison kommt nur behäbig aus der Feiertagsruhe und erst die BABYSHAMBLES-Show mit den KILIANS als Support in der Kölner Live Music Hall könnte so etwas wie ein kleiner Höhepunkt werden. Wird es aber nicht. Im Gegenteil. Die BABYSHAMBLES langweilen trotz einer reinen Spielzeit von nicht mehr als 40 Minuten und werden locker von den KILIANS an die Wand genagelt, wobei auch die mir im kleinen Rahmen weitaus besser gefallen. Da mir allerdings jede Band im kleinen Rahmen besser gefällt, können wir diesen Einwand auch ohne weiteres aus dem Protokoll streichen. Mein emotionaler Höhepunkt des Abends ist sicherlich der Augenblick, als ich am völlig überfüllten Urinal der Herrentoilette stehe und meine Tochter in genau diesem Augenblick auf meinem Handy anruft. Eigentlich kein Problem, wenn ich das Handy wegen des Konzertes nicht auf brüllend laut gestellt und Helen es nicht so konfiguriert hätte, dass bei jedem ihrer Anrufe die Melodie von Bibi Blocksberg im Original erklingt. Also stehe ich da inmitten lauter männlicher Jugendkulturmodels, beide Hände im Schritt, meinen Blick krampfhaft nach unten auf das Wesentliche gerichtet, während sich Bibi Blocksberg und der Sprecher ihrer Geschichten gemeinsam in meiner Jackentasche die Seele aus dem Leib trällern. "Bibi Blocksberg ... die kleine Hexe ... kann so manches, wovon ihr träumt ... Sie wird euch immer helfen, denn sie ist euer bester Freund ... Ene mene 1, 2, 3, Borstenstiel und Fliegerei, komm herbei, Kartoffelbrei! ..." Kartoffelbrei ist Bibis Besen, auf dem ich in diesem Moment gerne außer Landes geritten wäre. Für Menschen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein sicher kein Problem, für mich allerdings, unter der gefühlten Beobachtung von mindestens 20 hippen Augenpaaren, durchaus eine Herausforderung. Oje ...
02.02.08: Der Ping Pong-Club im Februar ist eine Katastrophe. Es mag am Karneval liegen, an knapp 30 Parallelveranstaltungen in Dortmund, oder an arktischen Temperaturen, dass sich dieses mal nur wenige Leute in die Suite 23 verlieren. in der ich mir gemeinsam mit Ping den Abend trotz allem so schön trinke und rauche, dass man uns am frühen Morgen fast vom Mischpult weprügeln muss, als wir gemeinsam mit den letzten Gästen "Don't look back in anger" schmettern. Zu diesem Zeitpunkt kann mein Plan, nur drei Bier zu trinken und noch zu fahren, längst nicht mehr aufgehen. Und während Ping, euphorisiert und und noch immer "Don't look back in anger" schmetternd, Richtung Technoschuppen wankt, in dem er noch bis weit nach Mittag zucken wird, versuche ich es mir mit Schlafsack und Steppjacke im alten Nissan Micra gemütlich zu machen ...
03.02.08: ... und bin erstaunt, wie gut es mir zunächst geht, als ich nur drei Stunden später auf der Rückbank wach werde, weil ein Trupp Betrunkener in der Nähe des Autos "Puff von Barcelona" singt. Es ist acht Uhr am Sonntagmorgen, als Tom Pong im Zentrum Dortmunds die Innenseite der Frontscheibe freikratzen muss, an der sein Atem in der Nacht gefroren ist. Das körperliche Tief kommt kurz nach Mittag. Es will nicht klappen mit dem Schlaf, aber ich lasse mich nach einem ansonst ruhigen Tag am Abend trotzdem gerne von Petra und Daniel zu einem Whisky Sour einladen. Noch nie vorher getrunken und sofort für lecker empfunden. Petra macht die Cocktails so liebevoll, dass es nicht bei einem bleibt, und weil wir nach dem letzten noch auf Aldi Pils Gold umsteigen, kann ich dem Chili-Mann bei meinem Stammdöner später in der Nacht, als er mich fragt, ob er die dampfende Tasche scharf würzen soll, zum ersten Mal mutig und uneingeschränkt mit "Ja!" antworten. Ich habe auf die Frage des Ganzkörperbehaarten noch nie einfach mit "Ja!" geantwortet und ich werde es vermutlich nie wieder tun. Wenn man ihn lässt wie er will, kann es vielleicht sogar die Gesundheit gefährden. Mir schiessen vor lauter "Scharf" während der Übertragung des Superbowl Tränen in die Augen ...
04.02.08: ... und beim Toilettengang am Morgen des Rosenmontags habe ich nach dem ersten Schmerz das Gefühl, man hätte mich rektal betäubt. Kein Scherz. Unangenehm, aber doch faszinierend.
11.02.08: Kinotag im UFA-Palast und Sonja darf aussuchen. Für jeweils 5,50 Euro sehen wir "ps: ich liebe dich" und ich heule mir die Augen rot. Es ist mir immer noch etwas peinlich, wenn ich aus einem Frauenfilm komme und es unübersehbar ist, dass ich mindestens doppelt soviel geheult habe wie der Rest des größtenteils weiblichen Publikums. Als wir vor etwa zwei Wochen in "Unsere Erde" waren, wollte Sonja schon den Notarzt holen, als sich der Eisbär zum Sterben hingelegt hat. Und den sicher nicht für den Bären.
12.02.08: Und weil Sonja den Film aussuchen durfte, darf ich am darauf folgenden Tag zu Vom. Dieses Mal ist das Treffen nicht als "Business Meeting" getarnt, sondern als Spieleabend. Natürlich weiß auch Sonja, was von einem Spieleabend bei Vom zu halten ist und hätte sich vermutlich gewundert, dass Vom gegen Mitternacht tatsächlich Kniffelbecher und Würfel auf die Theke stellt - zu einem Zeitpunkt, an dem wir längst wieder Mützen, Helme, Masken und Perücken tragen. Es muss ein fantastisches Bild für Außenstehende sein, als Mary, Roman, Vom und ich versuchen, uns mit glasigen Augen, Wikingerhelm, Schweinemütze und Pipi Langstrumpf-Perücke verbissen auf das Spiel zu konzentrieren. Ich kniffel in der zweiten Runde mit fünf Sechsen, gewinne das Spiel und genieße den Augenblick. Und für einen kurzen Moment ist alles vergessen: THRICE, der Nudelsalat, Exorzisten, Frauenfilme ... Ja, so ein Leben kann manchmal gar nicht schlecht sein. Tom van Laak |