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Das Netz vergisst nie.

Eines der seltsamsten Phänomene der letzten Zeit ist für mich die Lust am digitalen Exhibitionismus. Gibt es noch Menschen, die kein Profil bei MySpace, Facebook, Xing, StudiVz, Amazon oder eBay haben? Ist ein Leben ohne Mobiltelefon, IP-Adressen-Datenschleppe, Schufa-Biographie möglich? Ein Leben ohne Blog-Einträge, ohne auf ewig gespeicherte Login-Daten?

Ich behaupte nein - zumindest dann nicht, wenn man sich nicht der technischen Möglichkeiten und daraus resultierender Gefahren bewusst ist. Keine Sorge, ich bin kein Technik-Skeptiker, kein Maschinenstürmer, bin viel zu fasziniert von den Chancen, die sich bieten, schon alleine aus beruflichen Gründen darauf angewiesen. Jedoch weiß ich auch um die Gefahren (die aktuelle Debatte um die Vorratsdatenspeicherung hat ja jeder mitbekommen); lasse, wo es geht, Vorsicht walten, bin aber immer wieder erstaunt, wie sorglos die absolute Mehrzahl aller Menschen, gerade auch aus der ach so kritischen Punk- und Hardcore-Szene, mit dem Thema umgeht. Ein Vergleich: Jeder von uns fährt Auto, gerne auch mal schnell, 160, kein Problem. Aber wer hat schon mal ein Fahrsicherheitstraining mitgemacht, erlebt, wie machtlos man ist, wenn man bei 50 km/h ins Schleudern kommt? Danach sieht man 160 und was da passieren kann mit anderen Augen ...
Das Ganze auf die gespeicherten Daten bei Webshops, Internetprovidern, Mobilfunkkonzernen etc. übertragen bedeutet aber, dass man sich nicht mal ansatzweise bewusst ist, was man mit einem "Akzeptieren!"-Klick so zulässt. Die größte Lachnummer ist für mich immer noch MySpace: Ein erzreaktionärer Geschäftsmann namens Rupert Murdoch bekommt von wirklich jeder Band, jedem Label, jedem Musikfan auf diesem Planeten eine exakte, auf unabsehbare Zeit gespeicherte Auflistung seiner Freunde und Bekannten geliefert (Facebook lässt seit neuestem sogar diese Unterscheidung zu ...) - ob Polizei, Nazis, Eltern, zukünftiger Arbeitgeber, jeder kann, darf, soll wissen, wer wann mit wem? Wer nichts zu verbergen hat, blablabla ...? Ich lach' mich tot ... Die Stasi 2.0 wird sich darüber freuen, IMs sind von vorgestern.
Ich selbst brauche mir auch keinen Kopf darüber machen, was ich eines fernen Tages vielleicht mal in einem Leben nach dem Ox machen könnte. In die Politik gehen vielleicht? Hahaha, vergiss es: All mein Geschwätz der letzten 20 Jahre ist längst im Netz gesichert, für immer und ewig, mindestens im Google-Cache nachlesbar für jeden, der es wissen will. Nicht nur ein, zwei (Ex-)Ox-Schreiber haben mich schon gebeten, ob ich nicht diesen oder jenen Text von ihnen von der Ox-Website löschen könne (auch eine miese Schlagerkapelle hat dies schon anwaltlich wegen einer uralten Rezension verlangt), man sei gerade dabei sich zu bewerben, und beim Googeln des eigenen Namens: naja, dieser Festivalbericht damals, mit dem Saufexzess, das müsse ein möglicher zukünftiger Chef ja nicht gleich lesen. Klar, wird gelöscht, aber was von der Website verschwindet, bleibt dennoch bei Google im Cache, und es da rauszubekommen ist schwer.
Von daher: Viel Spaß mit dem StudiVz-Profil, Herr angehender Tiermediziner - wer heute noch veganer Tierrechtsaktivist ist, hat morgen eine Familie zu versorgen und fängt zähneknirschend bei Bayer an. Blöd nur, wenn der Job sicherheitsrelevant ist und der Werksschutz nach zehn Minuten Websurfen feststellt, dass du vor zwei Jahren drei gute Freunde hattest, die heute wegen Einbruchs in Tierversuchslabore vorbestraft sind ... Und dumm von dir, dass du vergessen hast, aus deinem Amazon-Profil diesen anarchistischen Klassiker zu löschen, wie auch die ganzen Tierrechtsbücher. Und ... warum hast du damals bei eBay eigentlich diesen Bolzenschneider ersteigert ...? Alles Gute für die Zukunft!
Joachim Hiller

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