DER SONNTAG ALS TAGESSTRUKTURENFRESSENDER MÖRDER DES AUTISTISCHEN "EINFALLSREICHTUMS" Mit dem ersten Augenaufschlag breitet sich in mir die Langeweile aus. Sonnenstrahlen blenden mich. Wie an jedem anderen Morgen kotzt es mich an, dass ich in meiner Wohnung immer noch keine Rollläden habe.
Genervt gucke ich aus zwei Schlitzen auf die Uhr. Es ist 12:30 Uhr. Lethargisch ziehe ich meinen rechten Arm unter der Bettdecke hervor, drehe die Kassette in meinem Rekorder um und drücke auf Play. "Asterix der Gallier" ertönt - mal wieder. In den letzten Wochen habe ich dieses Hörspiel mindestens zwanzig Mal gehört. Den Arm stecke ich unter das Kopfkissen. In Zeitlupe drehe ich mich herum, stöhne kurz und versuche krampfhaft wieder einzuschlafen - es geht nicht. Mein Magen knurrt. Die Blase drückt. Notgedrungen rolle ich mich von der Matratze und trete versehentlich auf das Telefon. Vor lauter Wut über mein Ungeschick schreie ich. Ein Nachbar hämmert gegen die Wand. Leck mich! Meine Blase ist entleert. Ich schmiere mir Nussetti Duo Creme auf eine vertrocknete Scheibe Brot. Dann lege ich mich wieder ins Bett. Tatsächlich schaffe ich es einzuschlafen. Wenig später erwache ich von dem Lärm, den Asterix fabriziert, als er einen Haufen Römer verprügelt. Es soll einfach nicht sein. Eigentlich müsste ich endlich meinen Arsch hochkriegen und die wenige freie Zeit, die mir derzeit zur Verfügung steht, kreativ nutzen. Vielleicht sollte ich endlich einmal wieder ein paar kluge Zeilen schreiben. Unmotiviert raffe ich mich auf. Der Computer läuft vom Vorabend noch. Voller Erwartungen rufe ich meine eMails ab. Keine neuen Nachrichten. Nicht einmal Spam. Auf badgirlsblog.com begebe ich mich auf die Suche nach neuen Inspirationen. Mehr als ein Ständer kommt dabei nicht herum. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, logge ich mich bei MySpace ein. Im nächsten Moment frage ich mich, was ich hier will. Ich logge mich aus und rufe erneut meine eMails ab. Immer noch keine Nachrichten. Den Computer fahre ich runter und fläze mich auf das Sofa. Ich schlage das Buch "Vom Nachteil geboren zu sein" auf und lese ein paar Seiten. Manche dieser darin veröffentlichten Aphorismen sind weise, manche nicht. Schon bald von Ciorans Klugscheißerei ermüdet, lege ich das Buch beiseite und mache mir Spiegeleier. Meine Freundin ruft an. Smalltalk. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Das Gespräch ist schnell vorbei. Die Eier brauchen noch etwas. Ich durchblättere mein relativ dickes Telefonbuch. Ohne eine Nummer herausgesucht zu haben, werfe ich es in die Ecke. Die Spiegeleier sind fertig. Lustlos stopfe ich die labbrigen Dinger ihn mich hinein. Der leichte, exquisite Nachgeschmack vom Ultra (Spülmittelkonzentrat) kann meinen Gaumen nicht wirklich erfreuen. Wieder fläze ich mich auf das Sofa und beginne in Jim Goads "Gigantic Book of Sex" zu lesen. Ohne mein - derzeit verliehenes - Englischwörterbuch macht es keinen Sinn weiterzulesen. Es erschreckt mich, wie sehr meine Englischkenntnisse in den letzten sechs Jahren verkümmert sind. Aus dem kleinen Stapel der Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, greife ich mir "Mephisto" von Klaus Mann heraus. Das Vorwort ermüdet mich. Ich lege auch dieses Buch beiseite und schaffe es endlich wieder einzuschlafen. Als ich aufwache ist es inzwischen 14 Uhr. Verärgert über meine Trägheit verschwende ich kurz einen Gedanken daran, vielleicht ins Fitnessstudio zu gehen. Dann fällt mir ein, dass das MaxGym sonntags um 16 Uhr schließt. Was für ein Stress! Infolgedessen entscheide ich mich für einen netten Videonachmittag mit mir ganz allein. Aus einer Kiste mit alten Videos krame ich "Cabal - Brut der Nacht" heraus. Die Tonqualität ist schlecht. Nach der Hälfte des Films fallen mir die Augen zu. Als ich aufwache, ist es inzwischen 19:15 Uhr. Verärgert über meine Trägheit, verschwende ich kurz einen Gedanken daran, vielleicht noch ins Kino zu gehen. Wirklich überwinden kann ich mich dafür nicht. Lieblos fülle ich für meinen derzeitigen Arbeitgeber die Arbeitsbescheinigung aus, die ich demnächst mitsamt meinem Arbeitslosengeldantrag bei der Bundesagentur vorlegen muss. Mein Magen knurrt schon wieder. Ich erwärme mir einen Reistopf mit Klößen. Nachdem ich den zweiten Teller ausgelöffelt habe, koche ich mir einen starken Instantkaffee und schmökere weiter in Ciorans Büchlein. Den Abend beende ich mit einer Runde badgirlsblog.com und der zweiten Hälfte von "Cabal". Dann lege ich mich endgültig ins Bett. Ich wälze mich umher und höre "Asterix der Gallier". Zweimal hintereinander. Und dann noch ein drittes Mal. Verdammt. Ich kann nicht einschlafen. Mit offenen Augen liege ich bis vier Uhr nachts im Bett. Um acht Uhr muss ich aufstehen. Ich könnte kotzen. Christoph Parkinson
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