DIE REISE IM ZUG DER KONFUSION AUF DER STUCHE NACH MOZARTS 41. SINFONIE IN C-DUR Eines Nachts habe ich folgenden Traum: Zusammen mit meinem Freund Sven besuche ich eine mysteriöse, esoterisch anmutende Wunderheilerin.
Während sie mir zur Begrüßung die Hand reicht, verspüre ich ihre geradezu eindrucksvolle und zugleich verstörende Aura, die wie ein Stromstoß durch meinen gesamten Körper geleitet wird. Im Anschluss daran führt sie uns zu einer Glasvitrine. Sie ist gefüllt mit zahlreichen Figuren verschiedener Gattungen. Darunter Action- und Comic-Helden, sowie allerlei weiterer Plunder, durch welchen man sich an Setzkästen und Überraschungseier erinnert fühlt. Die Wunderheilerin fordert uns auf, nach jeweils einer Figur innerhalb der Vitrine Ausschau zu halten, mit der wir uns persönlich am ehesten identifizieren würden. Die Entscheidung sollte unter Berücksichtigung der folgenden drei Fragen erfolgen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wer bin ich? Mein Freund Sven tendiert spontan zu Iceman, entschließt sich letzten Endes aber lieber für den unglaublichen Hulk. Ich hingegen liebäugele einen Moment lang mit einem kleinen Pinguin aus Porzellan, fühle mich in Anbetracht der Auswahl jedoch verunsichert. Die Wunderheilerin versucht, mich zu ermutigen, und schlägt mir vor, ich solle den Pinguin doch einfach mal vorsichtig aus der Vitrine nehmen und ihn für eine Weile in den Händen halten, um beurteilen zu können, wie sich das anfühlt. Nachdem ich ihrem Vorschlag Folge geleistet habe, fühle ich mich noch willenloser und desorientierter als zuvor. Sie bemerkt meinen zunehmenden Wankelmut und nimmt mich an die Hand - wieder verspüre ich diese elektrisierende Wirkung ihrer Aura. Daraufhin setzt sie mir eine Mozart-Perücke auf und lässt mich einen Ausdruckstanz zu klassischer Musik aufführen. Nachdem ich, wie eine von Geisterhand gesteuerte Marionette, zu Mozarts Sinfonie Nr. 41 in C-Dur, mein Bestes gegeben habe, betrachtet es mein Unterbewusstsein vermutlich als eine Genugtuung oder vermeintlich bestandene Lektion und entlässt mich zurück in die Realität. Februar 2008. Nach zwei Stunden Schlaf, wache ich Sonntagvormittags gegen 10:30 Uhr irgendwo in Köln auf der Couch eines fremden Irakers auf. Er kocht uns Rühreier und behauptet, dass er es seiner Freundin gönnen würde, wenn sie den Wunsch und Freude daran hätte, mit einem anderen Kerl, wie beispielsweise mit mir, ficken zu wollen. Zugegebenermaßen würde ihn diese Vorstellung sogar ein kleines bisschen antörnen. Mehr benommen als verlegen, weise ich ihn darauf hin, dass ich für 13:00 Uhr zum Geburtstag meiner Oma eingeladen sei. Infolgedessen bedanke ich mich für die Unterkunft zuzüglich Rühreier und verabschiede mich, um meine Heimreise anzutreten. Mittels Straßenbahn gelingt es mir, zum Kölner Hauptbahnhof zu gelangen - zu meiner eigenen Verwunderung erreiche ich diese erste Station ohne Umwege und Ausfallerscheinungen. Am Hauptbahnhof versuche ich, mir einen Überblick über die Abfahrtszeiten zu verschaffen, doch die Buchstaben und Zahlen des Fahrplans tanzen mir vor der Nase herum und es gelingt mir nicht, sie zu fokussieren, geschweige denn, sie zu einem wegweisenden Anagramm zusammenzuführen. Wie von einer fremden Macht getrieben, bewege ich mich zu einem beliebigen Bahnsteig und steige völlig wahllos in einen der kommenden Züge ein. Im weiteren Verlauf fahre ich dreimal in die falsche Richtung, steige mehrmals um, bis ich zwei Stunden später wieder an meiner Ausgangsposition angekommen bin. Meine stetige Begleiterin an diesem Sonntag, namens "Die Befürchtung, dass ich zum Geburtstag meiner Oma nicht pünktlich erscheinen werde" hat allmählich einen Status der Resignation erlangt und ergibt sich einer fatalistischen Ruhe. Bevor ich die Reise fortführe, beschließe ich, mir zur Abwechslung den Erwerb einer Fahrkarte zu genehmigen. Ich fühle mich wie ein Überlebender nach einer Schlacht, wie ein Psychopath, bei dem die Wirkung eines Nervenberuhigungsmittels angeschlagen hat. Kurz darauf steige ich tatsächlich in einen Zug, dessen Abfahrtsanzeige zweifellos in Richtung Heimat ausgeschildert ist. Allerdings erscheinen mir die ausschließlich komfortablen Ledersitzgelegenheiten dieser Eisenbahn weder in Relation zu meiner weniger glamourösen wie auch geistig minderbemittelten Erscheinung zu stehen noch in einem Verhältnis zu meinem zweitklassigen InterRegio-Fahrschein vom Automaten. Dennoch erbarmt sich die Schaffnerin und gestattet mir, den Aufschlag für diesen ICE nachzuzahlen. Ich verspüre unendliche Erleichterung, lasse mich in einem der luxuriösen Ledersessel nieder, lehne mich zurück und falle in den tiefen Schlaf der Selbstgerechten. Eine kaum gefühlte Zeit später wird mein Gemütszustand seligster Entspannung abrupt unterbrochen. Die Schaffnerin weckt mich mit der Anordnung, dass mein Nickerchen an diesem Ort mit sofortiger Wirkung zu beenden sei und ich den Zug an der nächsten Station zu verlassen habe, denn hinsichtlich meiner Fahrkarte hätte ich bereits vor einer Stunde aussteigen müssen. Es hat zwar eine Weile gedauert, doch allmählich erlangt das gesamte Szenario an diesem Tag selbst für mich einen absurden Beigeschmack. Es drängen sich mir die drei Fragen auf. Zentrale Fragen, denen man als Mensch in einer solchen Situation irgendwann nicht mehr entkommt, selbst dann nicht, oder insbesondere dann nicht, wenn man sich seit seinem Startschuss unentwegt um keinerlei Orientierung bemüht hat: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wer bin ich? Fragen, zu deren Beantwortung ich im Zuge meiner gegenwärtigen geistigen Verfassung weder im hypothetisch-philosophischen noch im pragmatisch-empirischen Kontext befähigt bin. Liebe Wunderheilerin, nimm mich an die Hand, führe mich heraus aus dieser Sinnwidrigkeit und bringe mich zum Licht. Wenn es dir beliebt, so nehme ich den kleinen Porzellanpinguin auch gerne als Krafttier an und tanze für dich mit Perücke sämtliche Sinfonien von Mozart rauf und runter (und ich werde mich davor hüten, zu fragen, was das alles soll). Nächster Halt, idyllischer Kurort. Ich steige aus dem Zug und verlasse das Gleis. Die Sonne scheint. Am liebsten würde ich hier auf ewig verweilen. Den Geburtstag meiner Oma habe ich längst versäumt. Ich rufe mir ein Taxi, lasse mich nach Hause fahren und bezahle dafür 110 Euro. Daheim angekommen, bestatte ich mich im Bällchenbad und beschließe, für einen unbestimmten Zeitraum begraben und unbeobachtet bleiben zu wollen. Ich nehme mir vor, nach der Wunderheilerin in meinen Träumen zu suchen, ebenso wie nach mir selbst, und erst dann wieder aufzutauchen, wenn ich die besagten drei Fragen allesamt und auf Abruf souverän und eloquent beantworten kann. Und wie steht es währenddessen um die Orientierung der Menschen, die mit mir im selben Haus leben? Ein junger Mieter, 19 Jahre, wohnt eine Etage unter mir und verprügelt seine 17-jährige Freundin, mit der er ein gemeinsames Kind hat. Nachdem Polizei, Ordnungs- und Jugendamt bereits abermals im Haus gewesen sind, bekommt er eine Anti-Aggressions-Therapie auferlegt. Inzwischen herrscht Ruhe im zweiten Stockwerk. Allerdings aufgrund der Tatsache, dass die Wohnung kürzlich geräumt wurde, da der Bursche nach einem Raubüberfall mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt. In der Familie nebenan hat die Mutter ein sexuelles Verhältnis mit dem Freund ihrer 16-jährigen Tochter. Der Vater sieht das gar nicht gerne und scheint in derlei Angelegenheiten weniger Toleranz aufzuweisen als der Iraker, auf dessen Couch ich zuletzt aufgewacht bin. Aufgrund dessen hat er es dem Nachwuchskriminellen von untendrunter gleichgetan. Infolge einer einstweiligen Verfügung darf er sich seiner Gattin nun bis zu einem Abstand von 50 Metern nicht mehr nähern, während sie sich mit dem Freund der gemeinsamen Tochter vergnügt. Davon abgesehen hausen Obdachlose in meinem Kellerbereich und klauen mir regelmäßig das Flaschenpfand, von dem ich inzwischen sicherlich für eine der nächsten 110-Euro-Taxifahrten hätte sparen können. Nichtsdestotrotz denke ich, dass ich auf dem hiesigen Abstellgleis für eine Weile ganz gut aufgehoben sein werde. Der kleine Porzellanpinguin ist mein Freund und wird mich behüten. Alex Gräbeldinger |