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FÜR DAVE GROHL

Neulich im Berliner Magnet: Es ist Konzert, der Club ist zum Bersten voll.

Ich schwitze, hetze und renne. Zwischendrin immer wieder Künstlerbitten: "Du, äh ... unser Mischer und seine Freundin, also fast Frau, die stehen draußen und ... uhm ... also, ich sag's ganz frei heraus: Wir brauchen definitiv noch mindestens drei Backstage-Bändchen!"
"Aber du meintest doch euer Mischer und seine Freundin, also zwei Leute, nicht?", versuche ich den Backstage-Verkehr möglichst gering zu halten.
"Öhm, ja, aber tja, weißt du, seine Schwester, die wohnt in Berlin, und unter den gegebenen Umständen ... also, wäre es denn zu viel verlangt ... jetzt drück' doch mal ein Auge zu, Mensch!"
Zwischen Tür und Angel, mit Wodkaflaschen in der einen, frischen Handtüchern in der anderen Hand, tue ich das auch - die ersten zwanzig Mal. Dann ist der Backstage-Bereich zum Bersten voll, genauso wie die Tanzfläche unten. Es reicht - niemand kann mehr rein. Ich gebe zu: ich bin leicht genervt.

Ein betrunkener Sänger bettelt meine Freundin an, ein Foto von ihm zu machen, ein noch besoffenerer Typ versucht, mir mein Bier direkt aus der Hand zu klauen. Ein Mädchen, das nur Englisch spricht und meint, man müsse sie kennen, plappert ohne Punkt und Komma auf mich ein. Ich will nach Hause. Alle sind zu betrunken und aufdringlich. Ich schlendere rüber zum Backstage-Security-Mann und frage, was ich tun muss, um zu übergeben. Bis zur Sperrstunde um sechs oder sieben Uhr morgens mache ich es heute nicht. Wir unterhalten uns, da staksen uns zielstrebig zwei vollkommen identische Klone entgegen. Mit Terminator-3-Eisblick starren sie kollektiv den Sicherheitsmann vor mir nieder. Kurz vor ihm machen sie Halt und lächeln bedrohlich. Dann ihre Sprüche: "Die Julia hat gesagt, wir dürfen hier auch ohne Bändchen rein!" Sichtlich verwirrt blickt sich der Security nach mir um. Ich zucke mit den Schultern.
"Wie?", fragt er nach.
"Jetzt lass uns doch endlich rein", quäkt der Zwilling mit den kaum merklich dunkleren Haaren. "Die Julia meinte, das geht schon klar!"
Noch einmal Schulterblick-Check von Seiten des Securitys. Ich wiederhole meine Geste des Unverständnisses.
"Mönsch, jetzt lass' dich halt nicht bitten", mault die Blondere los. Sie ist sichtlich genervt.
Verschüchtert setzt der Security an: "Aber, das kann nicht sein ..." Weiter kommt er nicht. Sofort wird er unterbrochen von einem Keifen von der Dunkelhaarigen: "Aber die Julia hat das gesagt. Müssen wir die jetzt holen? Müssen wir? Willst du das?", zetert sie.
Der Securitymann steht mit offenem Mund da. Er schluckt. "Aber, aber ..." Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. Er streckt den Rücken durch, atmet einmal tief durch und sagt dann den Satz auf, den er sich seit etwa fünf Minuten schon in seinem Kopf zurecht gelegt hat: "Das hat sie nicht gesagt!" Die Augen der beiden funkeln wütend.
"Und warum niiicht?", keift die Dunkelhaarige.
Der Security grinst, dreht sich zu mir um und zeigt auf mich: "Weil das die Julia ist."
Ein, zwei verhaltene Schweigesekunden, man kann es fast in ihrem Gehirn rattern hören. Klick - es wird ein Schalter umgelegt und dann geht das Süßholzraspeln los: "Ooooh, also du bist die Julia!" Ich nicke grinsend. Erst jetzt erkenne ich die beiden: Es sind diese beiden Schreiberinnen. Die, die in dieser Kolumne Ende der Neunziger über ihre Groupie-Dasein schrieben, die alle mitlesen ließen, wie sie diverse Rockmusiker in Berlin stalkten; die, die englische Wörter wie "awesome" und "awful" miteinander vertauschen. Die, die immer mehr über sich als über die Künstler schreiben, die vor kurzem erst grundlos die FOO FIGHTERS in einem Interview beschimpften. Die, für die man sich immer fremdschämt, bei deren Artikeln man sich fast schon schämt, eine Frau zu sein.
Nun flöten die beiden auf mich ein: "Ach, der Tü-ü-ü-p an der Kasse sagte, wir brauchen uns nur bei dir zu melden und gibst du uns dann ein Bändchen!" Siegessicher grinsen mich die beiden an.
"Sorry, aber hier ist voll", sage ich nüchtern. "Ich kann leider niemanden mehr reinlassen. Ich lasse nicht einmal mehr Freunde der Band rein."
Sie versuchen es erneut. Sie seien doch Freunde der Band, sehr intime Freunde, blablabla. Ich bleibe hart. Da drehen sie sich beide zur Seite, funkeln mich böse an, tuscheln kurz miteinander und beschimpfen mich dann als alte Kuh, blöde Ziege und anderes Hofgetier. Bei so viel Kindergarten muss ich lachen. "Ha! Nehmt das! Für die FOO FIGHTERS. Für Dave Grohl. Für die englische Sprache!"
Kurz darauf stehen sie noch einmal vor mir, einen schwer schwankenden Musiker im Schlepptau. Er meint, er habe noch zwei neue Freunde dabei. Die beiden Klone grinsen schelmisch hinter ihm hervor und klimpern mit den Wimpern. Ich erkläre ihm, dass der Backstage-Bereich voll ist, er sich doch nur einmal umzusehen braucht. Ihn interessiert das alles nicht sonderlich. Er latscht durch zu seinen Kumpels und lässt die beiden Mädchen stehen. Erneutes Gezeter, Beschimpfungen, Beschwerdedrohungen. "Wenn du bei unserem Magazin arbeitest, dann schämen wir uns, dafür zu schreiben", wird mir entgegen gespuckt und durch eine Kündigungsdrohung untermalt. Ich muss lachen, drehe mich um, und gehe zu meiner Gruppe von Kollegen zurück. Als ich ihnen die Story erzähle, klopfen sie mir auf die Schulter und sagen: "Gut gemacht." Und "High-Fives" machen die Runde, Fäuste werden theatralisch in die Luft gereckt und die wildesten Drohungen ausgesprochen.
Wir erheben unsere Schnapsgläser auf Dave Grohl und darauf, dass es noch richtige Gutmenschen unter den Rockstars gibt, die es nicht nötig haben, sich provozieren zu lassen.
Und dann: gehe ich endlich heim.
Julia Gudzent

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