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LIEDER ÜBER STROH IM KOPF

Graz ist keine große Stadt, die zweitgrößte Österreichs zwar, im internationalen Durchschnitt, aber nicht wirklich erwähnenswert.

Wenn also in diesem Nest mit seinen 200.000 Wahlberechtigten der Gemeinderat gewählt wird, so ist das vielleicht für jene 200.000 Wahlberechtigten und alle anderen, die dort leben, von Bedeutung. Zumindest sollte es das sein - die Wahlbeteiligung erzählt leider anderes - für den Rest der Welt sollte dies aber kein Thema darstellen.
Es sei denn, eine blonde Zahnarztgattin in den Fünfzigern findet einmal mehr den Schalter zu ihrem Hirn nicht und lässt zwei, drei Ansagen vom Stapel, die nicht nur die ohnehin schon seit Wochen mit ihrem geistigem Abfall zugemüllten Grazer und Grazerinnen aufhorchen lassen, sondern auch das Interesse der Weltöffentlichkeit mitsamt all ihrer Pressevertreter weckt. Da wird mal eben Mohammed als Kinderschänder bezeichnet. Ihm unterstellt, den Koran unter epileptischen Anfällen geschrieben zu haben, und schon ist der Name der Zahnarztgattin in aller Munde; ihr weißes Lächeln auf sämtlichen Titelseiten zu sehen.
Ein hirnloser Ausrutscher? Oder doch ein grandioser Geniestreich der parteiinternen Chefdenker? Seien wir doch ehrlich, ohne diese Redner wäre Frau Zahnarzt so schnell wieder aus der Politik verschwunden, wie sie wenige Wochen vor der Wahl aufgetaucht ist. Ihren nicht minder dämlichen Nazisohn hätte sie dann gleich mitnehmen können. Nun aber richten Kameramänner aller Nationen ihre Linsen auf sie, und eines der dümmsten Subjekte der Grazer Regionalpolitik ist plötzlich zum viel diskutierten, omnipräsenten Weltstar geworden .Da werden die paar Morddrohungen und die vor der Villa parkende Polizeieskorte doch gerne in Kauf genommen.
Warum so etwas passieren kann, lautet die Frage, die man sich stellen muss. Weil die Welt sensationsgeil ist, die einfache Antwort. Weil die Menschheit Nachrichten braucht, die erschüttern, die uns mit der Wucht eines Hurrikans aus unserem eigenen, öden Alltagstrott reißen, je brisanter, um so geiler. Wenn irgendwo ein Zug entgleist und es gibt nur drei Tote, dann wird dem Ganzen in der Zeitung eine Viertelseite gewidmet und die Sache ist gegessen. Gibt es dreihundert Tote, ist die Titelseite gesichert. Für die nächsten drei Wochen sind den Zeitungen dieser Welt volle Seiten garantiert, volle Bankkonten sowieso, weil das Blatt weggeht, wie das Koks beim ROLLING STONES-Konzert. Wird dann vielleicht auch noch der Bahnbetreiber verklagt, weil der Lokführer betrunken war, gibt es selbst in drei Jahren noch genügend Stoff, an dem man sich laben kann.
In der Politik läuft das genauso, hier gilt eben nicht das Motto "Nur Blut ist gut", sondern es heißt viel mehr: "Je dümmer desto besser!" Je blöder die Aussagen, desto größer das (Medien-)Interesse. Wer würde denn schon über George W. Bush reden, wenn der etwas im Kopf hätte und tolle Politik machen würde? Hätte ich Arnold Schwarzenegger eine ganze Kolumne gewidmet, wäre sein Verstand wenigstens halb so groß wie sein Muskelumfang?
Ummünzen lässt sich all das natürlich auch auf die Musik. Man erinnere sich nur an den "Fuck Chirac"-Sampler oder an all die "Fuck Bush"-Compilations. Jede deutsche Punkband, die in den 80ern etwas auf sich hielt, hatte zumindest einen Song über Helmut Kohl im Programm.
Daher spricht es auch für sich, dass gerade mein "Dr. Susi Winter"-Song, also mein Anti-Frau-Zahnarzt-Song, der eigentlich nicht mehr sein sollte als ein Scherz während des Line-Checks, jedoch unerwartet den vielumjubelten Höhepunkt meines letzten Auftritts darstellte.
Aber ist es nicht auch irgendwie bedenklich, wenn gerade linke Protestmusikanten davon profitieren, wenn rechte Dummschwätzer den Mund zu weit aufreißen und sich zu weit über den Tellerrand hinauswagen? Aber ich für meinen Teil kann halt nicht anders, wenn Scheiße aus dem Mund von PolitikerInnen kommt, dann muss ich halt darüber singen. Wenn wieder irgend so etwas in der Zeitung steht, dann juckt es halt schon in den Fingern, dann liegt die Gitarre schon auf dem Schoß. Außerdem stehen die Leute da draußen doch gerade auf solche Lieder, solche "Lieder über Stroh im Kopf".
H.C. Roth

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