CLUB 30 UND DIE KATZENSCHEISSMÄDCHEN
Vor kurzem war ich zu einem 30. Geburtstag eingeladen. Toll, dachte ich, eine wilde Party. Dummes Ding. Partys gehen jetzt anders.
In einer gemütlich-verrauchten Minibutze würden wir Bier trinken, so malte ich es mir aus, ich würde leckere Sachen in mich reinschaufeln, schöne Musik hören, tanzen vielleicht, betrunken Konversation mit netten, ebenfalls betrunkenen Menschen machen und mich amüsieren. Party halt. War aber anders. Niemand außer mir war auch nur annähernd betrunken, die Gespräche der Mädchen drehten sich um Katzenscheiße ("Ach, macht euer Maunzi auch immer daneben?") und die perfekte Zubereitung von Crème brûlée, die der Jungs um den letzten Surfurlaub. Die Minibutze war eine 3,5-Zimmer-Wohnung mit einem Garten, der gerne ein Park geworden wäre, rauchen strengstens verboten. "Das Laminat haben wir ganz neu verlegen lassen, nicht, dass mir da was drankommt", wurden die rauchenden Gäste von der Gastgeberin aufgeklärt und mit einem Lächeln, das keine Widerrede duldete, gebeten, doch auf dem Balkon zu rauchen. Na gut. Biertrinken war aber erlaubt. Und ich hätte erleichtert sein müssen. War ich aber nicht. Angst hatte ich. Weil ... was soll ich sagen? Kein Drumherumgerede, keine Schönfärberei. 2008 ist das Jahr, in dem ich 30 werde. Muss ich dann so werden wie die Katzenscheiße-Mädchen? Bin ich dann schon groß? Muss ich dann die ollen Chucks gegen schicke High Heels tauschen und meine tollen Kapuzenpullis gegen elegante Damenoberbekleidung in Pastellfarben? Ein bisschen beunruhigt bin ich schon, wenn ich mir die Mädchen so ansehe, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Es wird geheiratet, geworfen und fleißig fürs Eigenheim gespart, die berufliche Karriere, bisher 1a und mit Sternchen durchgezogen, ist durchgeplant bis ins Detail, Mutterschaftsurlaub eingeplant, klar, der Liebste hat einen gut bezahlten Job bei der Bank, mindestens einmal im Jahr fährt man in Urlaub und überhaupt ist alles dufte und voll toll. Sagen so Mädchen. Klingt nach Albtraum, sage ich. Es klingt, als würden all diese Menschen mit dem Eintritt in den Club 30 ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und sich nur zu bereitwillig neuen Vereinsregeln unterwerfen, die aus Rock'n'Roll-Nächten "Pärchenabende" machen, aus wilden Mädchen "Muddis", aus derben Jungs smarte Businesshengste, aus der dramatischsten amour fou Menschen, die voneinander sagen, dass "sie sich schon noch mögen und sich wirklich gut verstehen". Die Träume von einst werden bitter und schal, zu den Platten im Regal gesellen sich keine neuen mehr hinzu, läuft ja doch nur Kacke und so groß wie die RAMONES wird eh keiner mehr. Das alles irritiert mich. Warum diese Gleichgültigkeit, diese "Im Gleichschritt Marsch"-Attitüde, diese Bequemlichkeit, woher der Missmut? Ich finde mein Alter großartig und noch dazu bin ich gerne ich. Was manche Leute nicht davon abhält, mich mit mitleidigen Blicken zu bedenken oder mein "unstetes" Leben zu kommentieren. "Echt, du studierst immer noch?", "Du bist noch nicht verheiratet?", "Wie, du willst jetzt noch keine Kinder?", "Du hast nicht mal einen Bausparvertrag?!" Nein, nein, nein und nochmals nein! Dafür hab ich das schönste Leben. Keine Reichtümer, nein, keine Sicherheit. Nicht mal eine Katze, die neben das Miezeklo scheißt. Aber Liebe und Rock'n'Roll und Flausen im Kopf habe ich. Nicht falsch verstehen, bitte: Ich möchte keine 16 mehr sein oder 20 oder 23. Ich gehöre nicht der Peter-Pan-Front an, die nie erwachsen werden will. Irgendwann will ich bestimmt eine Mama sein, eine Wohnung haben, in der ich nicht wie ein Schneider friere und so viel Geld mein Eigen nennen, dass ich mir Chucks kaufen kann, bis mir schwindelig wird. Irgendwann will ich ein bisschen groß sein. Aber ich will's auf meine Art machen, lieber Club 30. Nicht auf eure. Und das mit uns ... wäre doch eh nie was geworden. Anika Glatzel |