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HOW WILL I SING TOMORROW, IF I CAN'T SPEAK TODAY?

Vielleicht sollte ich mal Barney von NAPALM DEATH anrufen. Der dürfte mit entzündeten Kehlen aufgrund seiner langjährigen Grunzpraxis bestimmt einige Erfahrung haben. Vielleicht ist er nebenbei auch Logopäde, wer weiß?

Der Grund für solche Gedanken ist, dass ich meine Stimme verloren habe. Es muss im Februar gewesen sein, vielleicht auf dem Weg nach Hause vom Köpi-Fest nach Friedrichshain. Bisher ist sie noch nicht wieder aufgetaucht, dabei habe ich ausgiebig gesucht. Die ersten Wochen habe ich versucht, sie mit den typischen Hausmittelchen wie Tee beziehungsweise Milch und Honig wieder zu finden. Kein Erfolg. Erste Zeichen der Nervosität stellen sich ein. Schließlich mache ich mich auf zur HNO-Ärztin meines Vertrauens, doch die hat leider ihre Praxis geschlossen. Bei einem zufällig auserwählten Ersatz-HNOler klappe ich den Mund auf, krächze "Aaaah!" und fühle mich wie beim Kfz-Mechaniker, als ich nach fünf Minuten mit einem Antibiotika-Rezept vor die Tür gesetzt werde. Wenn die Antibiotika etwas gebracht hätten, wäre die Kolumne hier zu Ende. Aber die Stimme bleibt verschwunden, manchmal frage ich mich, ob ich sie auf der Oberbaumbrücke in die Spree geschmissen habe. Der nächste Arzt wird mir von meiner Ex-Freundin empfohlen, weil "da die ganzen Opernsänger" hingehen. Ein Fachmann für Stimmruinen, der sollte es wissen. Ich bin gespannt. Zumindest was die Patienten-Referenzen angeht, stimmt alles. An der Wand hängen schön eingerahmt Autogrammkarten von René Kollo und Konsorten, aber so richtig Vertrauen fasse ich nicht. Der Mann probiert einiges, wieder Tablettchen, dann eine Vermutung, dass mir Magensäure nachts bis in die Kehle läuft und dort alles entzündet und am Ende ein Abstrich, der jedoch auch nichts ergibt.
Da ich eh nicht sprechen kann, beginne ich ganz zu schweigen. Da wird mir zum ersten Mal bewusst, dass in dieser Stadt ohne verbale Kommunikation fast nichts, oder wenn, dann doch einiges anders geht. Beim Arbeiten nuschle ich mich durch den Tag und auch mit Freunden bei Tee und Bier kommuniziere ich nur noch schriftlich. Eine seltsame Situation, wenn man zur Stimmschonung nichts mehr sagt. Silence, all sides.
Zwischendurch frage ich mich, wie es wäre, wenn ich den Rest meines Lebens nicht mehr sprechen könnte. Da läuft es mir kalt den Rücken runter. Keine Radiosendung mehr, keine lustigen Interviews und nie mehr Singen in Trashbands. Kein Mitgrölen von AVAIL-Songs am Morgen, kein Schmettern von Screamin' Jay Hawkins-Hits am Abend, keine blöden Sprüche für Freunde, Feinde und Verwandte. Wahrscheinlich kämen völlig neue Aspekte meiner Persönlichkeit ans Licht. Ich könnte mich Tim Schweiger nennen und gut bezahlter Pantomime werden. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt, denn eigentlich kann ich ja noch sprechen, es tut nur bei jedem Wort weh, aber laut reden geht gar nicht mehr und lange sowieso nicht. Vielleicht sollte ich mich schon langsam mal mit Gebärdensprache vertraut machen, aber da ich niemanden kenne, der die beherrscht, hilft das bei der Verständigung wenig.
Nun ja, sage ich mir innerlich, es gibt schlimmere Handicaps. Es dürfte sich ein Job finden lassen, in dem Reden nicht nötig ist (der aber bestimmt sehr langweilig ist) und stumm wie ich bin, kann ich immer noch auf Konzerte gehen und Partys besuchen. Dass man bei so was aber schnell mal als seltsamer Kauz angesehen wird, wenn man ein Gespräch aufgezwungen bekommt und nicht antwortet, hat sich schneller rausgestellt, als ich dachte.
Beim Skalls & Crossbones-Festival-Konzert stehe ich am Tresen, warte auf meinen Drink und schaue kurz, wer neben mir steht. Es ist einfach nur ein Typ. Als ich wieder nach vorn zu der wesentlich netteren Bedienung gucke, fragt er mich: "Alter, was guckste denn so?" Ich gestikuliere und versuche ihm klarzumachen, dass ich nicht explizit nach ihm geguckt habe. "Ach so, jetzt haste nicht nur nicht geguckt, jetzt kannste auch nicht mit mir reden, oder was?" Zustimmendes Nicken. Dann diese blöde pseudo-revolutionäre Kackantwort: "Du guckst nicht, du redest nicht, Alter, weißt du überhaupt, ob du noch lebst?" Wie gern hätte ich ihm für diesen aufmunternden Kommentar in schweren Zeiten gedankt. Aber was soll man sagen, wenn man nicht reden kann?
Timbob Kegler

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