JA, JA, WIR PUNKROCKER WERDEN ÄLTER ... Oder hättet ihr es vor 10 Jahren für möglich gehalten, dass Unmengen von Ox-Lesern begeistert Toms Betrachtungen aus der proktologischen Praxis verfolgen?
(Obwohl ich zugeben muss, dass ich gerne mal das Tagebuch seiner Freundin lesen würde - den verzweifelten Ruf "Schatz, bring mir mal das Klooooopapier" kennt wohl jedes weibliche Wesen aus eigener Erfahrung.) So möchte auch ich euch nach erfolgreich abgeschlossener Kolumnistinnen-Reha in die wunderbare Welt der angewandten Medizin entführen. Eigentlich fing alles ganz harmlos an. So wollte ich vor Beginn des Sommers meine stöckelschuhgeplagten Füßchen in Form bringen. Eine harmlos-pedikürende Kosmetikerin war mir nicht genug, ich beschloss, mich in die Hände einer Fachkraft zu begeben. Ein kurzer Blick ins Telefonbuch unter dem Stichwort "Medizinische Fußpflege", ein kurzes Auswählen der nächstgelegenen Adresse ... so begann mein Verhängnis, denn ich landete in den podologisch zertifizierten Händen von Frau S. Frau S. ist eine energiegeladene Mittsechzigerin, die mit dem Wort "rüstig" nur unzureichend beschrieben werden kann. Laut eigener Aussage steht sie schon morgens um halb acht vor dem Fleischer-Großeinkauf ("Da ist es am billigsten."), anschließend geht es zu Aldi, um ja kein Schnäppchen zu verpassen. Aber ihre Hauptaufgabe ist es natürlich, die Frankfurter Bevölkerung unermüdlich von Hühneraugen & Co. zu erlösen. Wobei das neumodische Hätscheln ihrer Kundschaft nicht ihr Ding ist. Gegen Frau S. war Nostradamus ein unerschütterlicher Optimist. Jede Hornhautschwiele kündigt potenzielle Hühneraugen und beigefarbene Rentnertreter für den Rest des Lebens an, und während der Behandlung bekommt man nicht nur intime Details der restlichen Kunden sondern auch detailliert ausgemalte Horrorstorys erzählt. Jedem hartgesottenen Gruselfreund kann ich eine solche Behandlung nur empfehlen, nach den schaurigen Details dreht sich auch dem coolsten Horrorfilm-Fan der Magen um. Gratis dazu gibt es Lebensweisheiten wie "Wer Arbeit hat, hat zu viel, und die anderen stehen am Wasserhäuschen." (Für Nicht-Frankfurter: Wasserhäuschen = Trinkhalle = Kiosk, vor dem normalerweise mehrere ältere Herren in Jogginghosen alles andere außer Wasser trinken.) Diese Lebensweisheiten sind es auch, die mich immer wieder in das Fußpflegezentrum des Grauens treiben. Und natürlich die Neugier, wie Frau S. ihr Reich saisonal dekoriert - niedliche Osterküken im Frühjahr, meterhohe Bäumchen zu Weihnachten ... es gibt kein Fest, zu dem sie nicht exzessiv dekorieren könnte. Außerdem erzählt mir Frau S. auch immer gerne Geschichten von Kunden, die spontan Termine abgesagt oder womöglich fremdpedikürt haben. Da ich der festen Überzeugung bin, dass Frau S. neben der Fußreflexzonen auch sämtliche relevanten Voodoo-Einstichpunkte kennt, bin ich brav und warte darauf, dass sie mich mit einem "Gell, in sechs Wochen kommen Sie wieder" in die Freiheit entlässt ... Eure Erna Pfleiderer
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