KLARMANNS WELT (3) Meine Welt ist schlecht. Als Referent über die Neonazi-Szene.
Read Me 3.1. - Willkommen im Kalten Krieg des Jahres 2008: Ich soll auf der gemeinsamen Veranstaltung der Partei Die Linke und des örtlichen Autonomen Jugendzentrums über rechte Gefahren referieren. Doch da die ultrakonservative CDU und zwei bürgerlich-nationale Wählergemeinschaften dies als Tarnveranstaltung der Linken einordnen und schwadronieren, weder im Ort noch in der Region gebe es Probleme mit Neonazis, schießt sich alles auf die Linkspartei ein, die die Veranstaltung angeblich als Tarnung zur Gründung eines Ortsverbandes nutzen wolle. Der Bürgermeister diktiert der lokalpatriotisch-ultraorthodoxen Großdorfpresse in ihre Spatzenhirne alias Zeitungsspalten: "Wir haben in Wermelskirchen keine Rechten und brauchen auch keine Linken. Ich will hier in Wermelskirchen keinerlei politische Extreme haben." Alle Ratsfraktionen schließen sich laut Lokalpresse ihrem Führungskader an: "Das Nazi-Thema, mit dem ?Die Linke? offensichtlich [eineinhalb Jahre vor den nächsten Wahlen; mik] in den Wahlkampf ziehe, sei ?unverantwortlich, populistisch, unangemessen und gräulich stinkend?", gibt das Lokalblättchen einen Lokalpolitiker weltmännisch wieder. Als das örtliche AJZ in einer langen Stellungnahme die Lokalpresse und Lokalpolitik für ihre anti-antifaschistische Stimmungsmache kritisiert, sich aber angesichts dieser Stimmung in einem Nebensatz dazu bemüßigt sieht festzustellen, falls die Linke die Veranstaltung parteipolitisch missbrauche, distanziere man sich davon, freuen sich Lokalpresse und Bürgermeister spitzbübisch über ihren Sieg und das "Einlenken" des AJZ in Bezug auf die Linkspartei - verschwiegen wird in dem langen Zeitungstext darüber dessen ungeachtet völlig die Kritik des AJZs am konservativen Mainstream-Crossover aus Kleinstadtschmierer, Lokalpatriotismus und Kadavergehorsam dem Wermelspapst gegenüber. Eine freie Wählergemeinschaft hält am Tag der Veranstaltung überdies noch Flugblattaktionen vor dem Tagungsraum ab. Überschrift: "Linksruck in Wermelskirchen angekommen!" Und weiter: "?Die Linke? besteht größtenteils aus alten SED Kadern und westlichen Altkommunisten, die sich über verschiedene Namensänderungen, wie PDS oder WSAG [sic!] jetzt zu einer Gruppierung zusammengefunden hat, die Einzug in die Parlamente findet [und] KPD Mitglieder [sic!] zu Mandatträgern" mache. (Die KPD wurde 1956 verboten.) Obschon dann während der Veranstaltung Unbekannte eine Scheibe einwerfen und ein größeres Polizeiaufgebot mit Streifenwagen und Hundeführer hektisch im Ort nach den flüchtenden Tätern fahndet, schreibt die Polizei in ihrer Pressemitteilung, die Veranstaltung sei "störungsfrei" verlaufen. Realsatire darf in Deutschland auch im Jahre 2008 noch alles. Etwa unverantwortlich, populistisch, unangemessen und gräulich stinkend sein ... Read Me 3.2. - Laut Polizei hat die Stadt in NRW, in deren Rat zwei NPD-Leute sitzen, die dem militanten, radikalen "Kameradschafts"-Spektrum entstammen, keine Probleme mit Neonazis. Das muss dann auch der Grund sein, warum mich die örtliche "Christlich-jüdische Gesellschaft" zu einem Vortrag eingeladen hat. Vorbeugung wäre ja nach Lesart der Polizei viel besser als zu späte Nachsicht. Störend ist dabei nur, dass die Polizei den Veranstaltern davon abgeraten hat, meinen Vortrag öffentlich zu bewerben, denn sonst sei mit Störungen aus dem rechten Lager und einem großen Polizeieinsatz zu rechnen. Read Me 3.3. - Premiere: Ich referiere auf Einladung eines "Nazis" über die Gefahren von Neonazis. Besagter Einlader - Kenner in Sachen Esoterik und Spiritualität, zudem Grünen-Mitglied mit einer Nähe zur Linken, DKP und VVN-BdA - wird seit Jahren immer mal wieder aus dem antifaschistischen Karteileichensack gekramt, und steht dennoch bei Antifademos in seiner Heimat in der ersten Reihe. Noch 1998 schrieben die "Antifaschistischen Nachrichten", der Mann gelte "als Repräsentant der völkischen Richtung der Wicca-Bewegung [...]. Zeitweise versuchte er [...] Einfluß auf Politik und Ideologie der Grünen zu nehmen. Sein Name fand sich auch 1991 im Adressbuch von [dem bekannten Neonazi] Michael Kühnen. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ?Mescalito? durfte sich u.a. [eine] Vordenkerin des ariosophischen Armanenordens" ausbreiten. Heute vermutet der Mann, der in seiner Heimatstadt teils auf eigene Kosten im Zwei- bis Vier-Wochen-Takt Vorträge zu den Themen Rechtsextremismus, soziale Gerechtigkeit und Friedenspolitik organisiert, der 1991 verstorbene Kühnen habe sich wohl einst seine Adresse notiert wegen der damals publizierten Esoterikzeitung und den Arbeiten über dem bei Neonazis beliebten Thema "Indogermanentum". Aber selbst im Jahre 2007 sei er von einer Antifa-Initiative noch mal als "Nazi" geoutet worden. Read Me 3.4. - Vorträge verlangen ein hohes Maß an Konzentration und wenn man im Auftrag des Arbeitskreises Rechtsextremismusforschung am Institut für Politische Wissenschaften an der RWTH Aachen referiert, sollte man schon aufpassen - besonders dann, wenn neben den rund 80 Besuchern und Studis noch zwölf Neonazis im Raum hocken. Auf die Nachfrage eines Mannes, warum die NPD derzeit Wahlerfolge verbuche und Zuspruch erhalte, will ich antworten, dass rechte Parteien schon bei den ersten Bundestags- und Landtagswahlen Erfolge verbucht haben. Ich sage aber nach 60 Minuten hoch konzentriertem Vortrag in einem formsicheren Anfall geistiger Umnachtung, dass schon 1947 die NPD Wahlerfolge verzeichnen konnte. "Schon verblüffend, dass ein ?Experte? einer Partei etwa 18 Jahre vor ihrer Gründung einen Erfolg attestiert, geschweige denn nicht mal weiß, wann Wahlen in der 1949 gegründeten BRD stattfanden", lästert später einer der Neonazis aus dem Publikum in seinem Aktionsbericht auf einer Neonazi-Homepage. Denn die NPD wurde erst 1964 gegründet. (Rechtschreibung der Zitate immer wie Original.) Klar, Mann? [auch bloggend: klarmann.blogsport.de]
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