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LIEBLING, DER ABFLUSS IST VERSTOPFT

Die meisten erwachsenen Menschen dieser Welt gehen einer geregelten Arbeit nach oder streben dies zumindest an. Arbeit ist ja auch eine wichtige Sache, schließlich wollen Rechnungen bezahlt, Mägen gefüllt werden, Vermieter nicht ihre Schergen zum Armebrechen holen müssen.

Wenn man nun also schon Arbeiten gehen muss, sollte das auch Spaß bereiten, Freude, im Idealfall wird sogar das Hobby zum Beruf und zur Berufung sowieso.
Schon im zarten Kindesalter wird man auf die Notwendigkeit einer geregelten Stelle vorbereitet, so richtig mit Arbeitsvertrag, Krankenversicherung, und Weihnachtsgeld. So wird man etwa in der dritten Klasse Grundschule von der Frau Oberlehrerin gefragt, was denn der Papa von Beruf sei (Mama ist wahrscheinlich Hausfrau) und was man denn selber einmal werden will. "Pilot", heißt es dann oft, "Kinderärztin" oder "Landwirt", weil die Tiere so süß sind. Ich selbst wollte, glaube ich, im Kindergartenalter Räuber und später in der Schule Detektiv werden. Mein eigenes Kind hingegen wird solche Fragen hoffentlich mit "Tourmanager" beantworten oder "Leadgitarrist", meinetwegen auch mit "Backliner" oder "Lichttechniker".
Der Grund, warum ich das hier alles schreibe, euch mit Überlegungen zum Thema Berufsleben langweile, basiert auf einer Begebenheit vor einigen Wochen, welche sich auf jener Autobahn zutrug, die mich an meinen - im Sozialbereich anzusiedelnden - sich etwas außerhalb der Stadt Graz befindenden Arbeitsplatz bringen sollte. Ich saß da so in meinem Auto, war mal wieder zu spät dran, setzte gerade zum Überholen an und staunte nicht schlecht, als plötzlich ein kleiner weißer Lieferwagen an mir vorbei raste, noch dazu auf der falschen Spur. Auf allen Seiten dieses Lieferwagens, hinten wie vorne, standen in großen, dicken Lettern Worte, welche mich zum Grübeln, welche mein Weltbild ins Schwanken brachten, mich vieles neu überdenken, anderes in Frage stellen ließen: "ABFLUSSREINIGUNG" und sagen wir mal, weil mir wohl der richtige Name entfallen ist: "BÖSEONKELS & SÖHNE".
Na klar, Abflüsse gehören gereinigt, vor allem dann wenn sie verstopft sind. Und da wo es Abflüsse gibt, da müssen auch Abflussreiniger her, mit samt all ihrer Abflussreinigungsfirmen (googlet mal "Abflussreinigung", ihr werdet staunen; es gibt im Internet sogar ein "Abflussreinigung Firmenportal"). So weit, so logisch, alles kein Grund, wertvollen Kolumnenplatz dafür herzugeben, werdet ihr sagen. Das, was mich aber so aus der Bahn geworfen, mich ins Grübeln gebracht hat, ist die große, mir rätselhafte Frage, wie zum Teufel jemand auf die Idee kommen kann, eine Abflussreinigungsfirma zu gründen, sich selbstständig zu machen in dieser so weitläufigen, aber mir doch so fernen Branche. Es kann und will mir nicht in den Kopf gehen, warum jemand sein Leben verstopften (durch Essensreste vielleicht, Ratten oder anderes Kleingetier) Abflüssen widmen möchte. Wenn ich mich dazu entschließen würde selbstständig zu werden, ein Unternehmen zu gründen, würden mir tausend andere Sachen einfallen: Plattenladen, vegetarische Pizzeria, Punkrock-Fanzine.
Ich kann es auch noch verstehen, wenn jemand auf Schuhe steht und einen Schuhladen eröffnet, Frisörsalon, meinetwegen sogar noch eine Fleischerei (Splatter-Freaks mit schlimmer Kindheit zum Beispiel). Fußpflege lasse ich zwar noch durchgehen, nagt aber schon sehr an meinem Verständnis. Warum möchte bloß jemand sein Geld damit verdienen, Hornhäute von blauen Füßen zu schrubben?
Was gar nicht geht, ist übrigens Polizei- oder Bankbeamter. Da macht man sich aber auch nicht selbstständig, eher noch so mit Randbezug: Securityfirma aufmachen und unbescholtene Konzertbesucher verprügeln, Finanzberatungsinstitut eröffnen und Häuslebauer bescheißen.
Aber Abflussreinigung? Macht man das wirklich, weil man es gerne macht? Weil es Erfüllung bringt? Weil man später am Totenbett einmal sagen will: "Geil, Frau Schmidt hatte dank mir einen sauberen Abfluss"?
Für wohlgemeinte Erklärungen eurerseits und Hasspost der Abflussreinigungsgemeinde wendet ihr euch bitte dorthin: myspace.com/hcroth.
H.C. Roth

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