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MEIDE ZWEIGSTELLEN

"Was habe ich dir gesagt, meide Zweigstellen in wirtschaftlich schlechten Zeiten wie diesen", flüstere ich vor mich hin.

Es sind deine Worte, Max. Ich kann sogar deine Stimmlage imitieren. Leise allerdings, sehr leise. Es soll niemand mitbekommen.
Ich liege auf dem dunkelgestreiften Teppichbodenbelag einer Bankfiliale, nur zwei, drei Schritte vom Kontoauszugsdrucker entfernt. Um mich herum befinden sich noch vier weitere Kunden, zwei Männer und zwei Frauen, soweit ich das erkennen kann.
Es ist kaum drei Minuten her, dass die Bankräuber die Zweigstelle stürmten und mich und die anderen mit Waffengewalt auf den Boden zwangen. Alles ging rasend schnell, ich hatte nicht einmal genug Zeit, meine Kontokarte und die Auszüge aus dem Automaten zu nehmen.
Die Täter, das sind vier Personen mit Tiermasken. Ich glaube, es handelt sich um die Bremer Stadtmusikanten, also ein Esel, Hund, Katze und ein Hahn.
Obwohl sie Masken tragen, dürfen wir sie nicht ansehen, sollen mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen, uns nicht bewegen und die Augen geschlossen halten.
Ich habe die Augen nicht geschlossen. Tagsüber schließe ich die Augen nicht mehr. Seit der Geschichte mit dem Stechapfel. Ich tu also nur so, als hätte ich die Augen geschlossen.
Der Hahn und die Katze stehen am Schalter, der Hund bewacht die Tür und der Esel hat ein Auge auf uns, die wir bewegungslos auf dem Boden liegen.
Die ganze Zeit denke ich, egal, wie das hier ausgeht, du darfst auf keinen Fall vergessen, dass deine Kontokarte noch im Automaten steckt.
Dann passiert etwas, wo man im Nachhinein gern sagt, da hätte ich im Traum nicht mit gerechnet. Der Esel bückt sich, um seinen Schuh zuzubinden. Er hat die Schleife gerade fertig gebunden, da fällt ihm auf, dass ich die Augen nicht geschlossen habe. Augenblicklich drückt er mir den Lauf der Waffe in den Nacken und herrscht mich an, sofort die Augen zu schließen.
Ich kann ihm die Sache mit dem Stechapfel unmöglich erklären, soviel Zeit wird er mir nicht zubilligen. Sterben will ich allerdings noch weit weniger. Also mache ich die Augen zu.
"Na also", sagt der Esel, "geht doch."
Es geht los, wie ich es in Erinnerung habe. Mit asiatischen Klängen, ich meine diese fernöstlichen Plings, Plongs und Gongs. Auf dem Fuße folgen Naturgeräusche, Wasser tropft, ein Bach plätschert, Vögel singen und Reis fällt in eine Schüssel. Ich kenne den Ablauf, weiß genau, wohin das führt.
Der Esel hat natürlich keine Ahnung, ebenso wenig wie die Katze, der Hund und der Hahn.
Nach dem Auftakt der Klänge und Geräusche folgen die Gedanken. Ich beginne, die Gedanken der Leute wahrzunehmen, die sich in meiner Umgebung aufhalten.
Ruckzuck weiß ich, dass die Frau neben mir heute Geburtstag hat und fünfundvierzig Jahre alt geworden ist. Und ich erfahre außerdem, dass sie sich an den Vorfall mit ihrer Mutter erinnert, die ebenfalls an ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag in einen Banküberfall verwickelt war. Zwei Zähne wurden der Mutter dabei weggeschossen. Und so denkt die Frau - auch wenn es ziemlich unglaubwürdig klingt, dass jemand in solch einer Situation so etwas denken kann - hoffentlich schießen sie mir die zwei Backenzähne weg, die sowieso raus müssen.
Die anderen drei Kunden denken an den üblichen Kram: Wie lange es noch dauern wird, ob Geiseln genommen werden und ob man verhindern kann, als Geisel ausgewählt zu werden, indem man sich möglichst klein macht. Natürlich hoffen alle, dass nach dem Raub noch genug Geld übrig bleibt, um die eigene Transaktion vornehmen zu können.
Die beiden Schalterbeamten denken gar nicht. Sie haben alle Hände voll damit zu tun, das Geld in die Rucksäcke der Stadtmusikanten zu packen.
Der Esel denkt, dass ihm bei der vorabendlichen Anprobe die Hundemaske besser gestanden hat, und er hofft, dass sein Schuhband dieses Mal hält.
Der Hund erinnert sich an den Ausspruch seines Großvaters:
"Egal was du im Leben anfängst, Junge, meide Arbeitsplätze, an denen du übermäßig der Zugluft ausgesetzt bist."
Der Hahn fragt sich, ob ihm eine Nacht mit vier Frauen mehr bringen könnte als eine Nacht mit drei Frauen.
Die Katze heißt Rita.
Unvermittelt setzt der Zwang zur Bewegung ein. Erst zucken meine Füße, dann der Kopf und nach und nach fallen sämtliche Körperteile ein. Ich löse mich auf. Ich bin du. Bin jeder von euch.
"Meide Zweigstellen in wirtschaftlich schlechten Zeiten!", rufe ich mit all euren Stimmen.
Der Esel, die vier Kunden, der Hund, die Katze, der Hahn und die Schalterbeamten nicken und beginnen zu tanzen. Fingerschnippend reihe ich mich ein.
Rita tanzt vorne weg. Dahinter sind die Schalterbeamten, der Hahn, die beiden männlichen Kunden, der Esel und die beiden Kundinnen. Ich bin das Ende, der Polonaisenschwanz.
Es geht quer durch die Stadt, den Hügel hinauf, bis zur Glastür, die sich automatisch öffnet und schließt. Wir tanzen den Flur entlang an den weißgekachelten Wänden vorbei direkt in den Therapieraum.
"Wo ist die Kontokarte?", fragt der Therapeut.
Ich ziehe die Schultern hoch.
"Du wirst noch einmal zur Sparkasse gehen müssen, Max", sagt der Therapeut, "und zwar sofort."
Ich nicke, während Rita und die anderen immer noch tanzen und lachen.
Klaus Märkert

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