PILLE, PALLE, ALLE PRALLE! Wie so oft in den letzten Jahren endet der Sonntag mit depressiven Schüben, Übelkeit und einer gewaltigen Matschbirne. Die Schleimhäute scheinen sich mit dem letzten Nasenbluten nun endgültig verabschiedet zu haben. Der Magen rumort beängstigend. Klare Gedankengänge fallen schwer. Schweißausbrüche und Kreislaufbeschwerden nerven. Die neuen Pickel machen unattraktiv. Der Dispo wurde mit dem 34. Wodka-Mischgetränk gesprengt.
So beginnt der Start in die Woche zunächst mit den gewohnten psychischen und physischen Beeinträchtigungen. Aber was soll es, bis zum kommenden Wochenende strotzt der Körper wieder nur so vor Energie! "Selbstzerstörung" in all seinen Facetten ist schon immer ein großes Thema im Punk gewesen. Die Nachtschicht des revolutionären Größenwahns macht nicht erst seit letztem Jahr kontinuierlich die Übergabe mit der Frühschicht der nihilistischen Apathie. Alkohol und ritualisiertes Komasaufen begleitet Punk schon seit seinem Ursprung. Illegale Drogen von Gras über Amphetamine bis hin zu LSD, Kokain oder Heroin inspirierten die Musik mehrerer großer Bands und verhalfen dem einen oder anderen Mitglied zu einem "ehrwürdigen" Abgang. Die Abspaltung der Straight-Edge-Jünger von der ursprünglichen Szene entstand letztendlich nicht nur, weil sich ein paar Punks zum Abendmahl ein paar Gläschen Rotwein zu viel gegönnt hatten. Aggressive oder/und verpeilte, unkoordiniert herumfliegende und Nonsens schwafelnde Wichtigtuer mit glasigen Augen und Mundgeruch konnten einfach keine Gleichgesinnten sein. Mitte der Neunziger, also zu Beginn meines niedlichen Punkerdaseins, war mir die Verbindung "Drogen & Punk" nicht geläufig. Ich behaupte auch, dass der Konsum illegaler Drogen in Deutschlands Punkwelt, außer bei sämtlichen schmerzfreien Irokesenjunkies in verschiedenen Großstädten, zu dieser Zeit nicht unbedingt spürbar verbreitet war. In meinem gesamten Umfeld, sowie auf sämtlichen Konzerten oder Treffen, floss gewiss der Alkohol häufig in Strömen und mancher Joint machte die Runde. Aber andere Drogen schienen eher verpönt zu sein. Experimente mit anderen Betäubungsmitteln kamen bei manchen Punks zwar vor, aber diese waren eher selten und wurden vom restlichen Umfeld meist weniger gut geheißen. Die niedere Akzeptanz des Partydrogenkonsums korrelierte mit der Selbstzerstörungsart an sich, sowie mit dem oftmals notgedrungenen Kontakt zu Mittelsmännern anderer Szenen, wie beispielsweise zu den der "German Rave"-Primaten. Diese Bonobos wurden insbesondere verschmäht, weil sie eine andere Einstellung vom Leben, Politik und vom Konsum als wir hatten. Männer und Frauen, die sich mit Chemie tagelang wach hielten, zu inhaltsloser Musik herumzappelten, scheiße aussahen und lieber mal die Weisheit als MDMA mit Löffeln gefressen hätten, waren der wahre, inhaltslose und damit ungefährliche Pöbel der Gesellschaft. Bei Punk ging es nicht ums Feiern, sondern um wichtigere Dinge, wie beispielsweise um die Zerstörung Deutschlands, Homophobie in den eigenen Reihen, Volksküchennachmittage oder rotzige handgemachte Musik mit Hirn - alles gerne begleitet von ein wenig "flüssig Brot". Zumindest kam es mir so vor. Dass einige Punks Ende der 90er Jahre anfingen, Pillen zu schmeißen und mit anderen Affen auf Techno zu tanzen, war ein Skandal, der zunächst für Aufsehen und dann für eine Spaltung in der Szene sorgte. Dieses Phänomen ließ Zeigefinger der vermeintlichen "Oldschool-Hasen" erheben. "Get cut of my life, leave me alone. Stay out, eat shit and die! Go fuck yourself, stay out!" sangen beispielsweise die Neuwieder ANGRY NERDS, die sich mit dem Song "Leave me alone" öffentlich dazu bekannten, dass sie mit solchen Opfern in ihrer Punk-Szene nichts zu tun haben wollten. "No drugs in this house - oder raus!" war mehrfach an besetzten Veranstaltungsbunkern zu finden. Acht Jahre später scheinen sich die heißen Gemüter abgekühlt zu haben. Drogen haben inzwischen bei einem Großteil der Szene beziehungsweise bei Leuten, die darin ihre Wurzeln sehen, an erheblicher Relevanz gewonnen. Der Alkohol fließt nach wie vor überall. Die Präsenz von auf Veranstaltungen herumgehenden Joints hat sich nicht groß verändert. Aber die Partydrogen, sprich Speed, XTC und Kokain, scheinen sich generell einer größeren Beliebtheit zu erfreuen. Pillenschmeißende, inhaltslose Raver mit Wattegehirnen werden nicht mehr ganz so sehr wie früher belächelt. Nein, inzwischen trifft man sich sogar hin und wieder auf den selben Veranstaltungen oder beim selben Dealer. Das mag gewiss mit dem Aufschwung der elektronischen Musik in Punk-Kreisen zusammenhängen. Eine allgemeiner gehaltene These ist, dass für den Anstieg des Partydrogenkonsums grundsätzlich das Feiern für viele Punks inzwischen eine größere Rolle als früher spielt. Die Woche über fleißig studieren oder verrückte, heftige Jobs ausüben und am Wochenende von Freitag bis Sonntag druff, druff, druff, druff, druff. Endlich frei. Schnell das Gehirn ausschalten. Partyspaß von Anfang bis Ende. Alles rein. Die Musik und das Umfeld sind egal. Hauptsache, es gibt genug zu ballern und genug zu saufen. Für D.I.Y. und die gelegentlich daraus resultierende, alles rechtfertigende Karriere als Rockstar, Stardesigner oder Hobbyanarchist, genügen Zeit und Verstand schließlich immer noch - und das ist die Hauptsache. Irgendwie lassen sich das destruktive Lotterleben und der langsame, damit einhergehende Zerfall immer entschuldigen. Und außerdem ist in ein paar Jahren sowie mit dem ganzen exzessiven Genacke Schluss. Denn Kinder, der 30. Geburtstag, das Berufsleben als frischer Akademiker oder sonst irgendetwas wartet, was das Leben bald maßgeblich verändern und einen zur Abstinenz bestimmt zwingen wird. Mal unabhängig von dem Aspekt, druff intensiver feiern zu können, erfüllen oben genannte Betäubungsmittel auch Funktionen, derer sich nicht nur der Standard-Mayday-Baumschüler gerne schnell und einfach bedient. Das Selbstwertgefühl steigt und in einem damit die Kontaktfähigkeit oder auch die Kreativität. Eine neue, aufregendere (sexuelle) Identität formt sich. Sinn und Werte werden klarer oder unwichtiger. Gefühle werden spürbarer oder ausgeschaltet. Ängste und Stress werden kurzzeitig verdrängt. Man fühlt sich sicherer, zeigt Risikobereitschaft und man wirkt plötzlich unglaublich lässig. Dies sind alles Funktionen, die für viele, mehr oder weniger unbewusst, derart reizvoll sind, dass sie die Langzeitnebenwirkungen gerne ignorieren. Langsam aber sicher nimmt somit der lang vermisste Feind wieder Gestalt an - dummerweise nun in der eigenen Person und in der eigenen Szene. Mit Revolution ist nichts mehr. Punk gibt's für viele nur noch im Plattenregal, im Proberaum oder in der Bibliothek. Das Geld geht für das Wochenende drauf. Und irgendwie stinkt das alles total. Und irgendwie widert mich die momentane Entwicklung der Szene, die sich dem Punk zugehörig fühlt, an. "Straight Edge"-Jünger belächle ich nach wie vor gerne. Dennoch muss ich mir eingestehen, dass sie im Prinzip mit ihrer Sache gar nicht so falsch liegen. Oh weia ... Christoph Parkinson |