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Aus dem Tagebuch eines Gewinners #79

02.05.08: Ich lasse bei der Bank ein neues Konto einrichten. Als Selbständiger mit den Buchführungsqualiäten eines Primaten will ich nicht jedes Jahr die Fassung verlieren, wenn das Finanzamt nach der Umsatzsteuer verlangt. Die verfluchten 19%, die ich natürlich berechnen muss, bei Eingang des Geldes aber nicht auf ein seperates Konto leite, sondern einfach auf dem belasse, von dem ich meinen Lebensunterhalt und Ebay bestreite. Und verdammt, ich möchte nicht wissen, welchen prozentualen Anteil der jährliche Umsatzsteuerbescheid an meinen Neurosen und am Ausmaß meiner Speiseröhrenentzündung hat. Was folgt ist das alljährliche Gespräch mit meiner Oma: "Hallo Oma. Ich bin's, dein Lieblings-Enkel!" "Mensch Junge, dass du dich meldest (...) Wie geht's dir denn?", fragt sie aus ehrlichem Herzen, und ich antworte genauso offen: "Ach Oma, weisst ja ... könnte wie immer besser gehen." Die Spur von Wehklang in meiner Stimme ist nicht gespielt. "Was ist denn los?" fragt Oma, und ich sage einfach nur ,wie es ist. "Ach ja, das übliche. Sodbrennen halt, und das Finanzamt hat sich gemeldet und will wieder einmal Steuern haben." Das sage ich so nüchtern wie möglich und errege trotzdem Besorgnis am anderen Ende der Leitung. "Ja, und? Hast du denn Rücklagen? Ach, was frage ich ..." gibt Oma sich selbst die Antwort, die ihren Enkel seit nunmehr 42 Jahren kennt. "Nicht wirklich", bestätige ich sie, "aber das kriege ich schon hin." Der Rest des Gespräches verläuft wie immer, im Zeitraffer sinngemäß folgendermaßen. Oma: "Soll ich dir denn was geben?" Ich: "Nee, Oma, lass mal. Mit über 40 Jahren sollte ich schon selbst für mich sorgen können." Oma: "Du hättest nicht bei der Stadtverwaltung aufhören sollen. Das habe ich dir damals schon gesagt. Stattdessen dieser ganze Musik-Scheiss. Da kommt doch nichts bei rum." Ich: "Ja, Oma.? Oma: "Dann soll Mama dir jetzt nochmal was überweisen. Das Geld geb ich ihr dann wieder." Ich: "Ich weiss nicht, ob ich das will, Oma!" Oma: "Ich aber!" Wie sie das wohl meint ...
Jetzt sitze ich also bei Frau Pieper von der Stadtsparkasse Düsseldorf um mir endlich das kostenlose Konto einzurichten, auf dass ich bei jedem Rechnungseingang die entsprechenden 19% umleiten kann, damit ich das Geld, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon dem Finanzamt gehört, nicht in Erstpressungen, Martini, Camel Ohne, Fair Play Tabak und De Moriaan Zigarettenpapier von Aldi umsetzen werde. "Dann bräuchte ich bitte eben ihren Ausweis, Herr van Laak." Verflucht, der Ausweis. Ich hasse es, meinen Ausweis vorzulegen. Dieses Foto. Es ist nicht so schlimm wie das in meinem Führerschein, aber ich bin mir sicher, dass auch Frau Pieper kurz mit dem Mundwickel zuckt, als sie einen Blick auf den Typen mit dem aufstellten Fellkragen wirft, der in frühen Punkerjahren versucht, den albernen "Cheeeeeese!"- und "Wo sind ihre Zähne, Herr van Laak?"-Anfeuerungen des erschreckend aufgedrehten Fotografen in einem Fotoladen einer niederrheinischen Kleinstadt zu widerstehen. "Äh... Herr van Laak ... (Ach du Scheiße, was ist jetzt?) Wissen Sie eigentlich, dass ihr Ausweis im Juli letzten Jahres abgelaufen ist?" Upps. "Ach, ist wahr? Nein, dass wusste ich tatsächlich noch nicht. Naja, dann warte ich bis Juli und mach das Jahr noch voll." Ein Riesenbrüller, für den sie aber nur ein müdes "Ich sage es Ihnen nur, Herr van Laak" übrig hat. Wenige Minuten später habe ich ein weiteres Konto und die Gewissheit, dass ich seit knapp einem Jahr keinen gültigen Personalausweis mehr habe. Ich müsste noch irgendwo einen Reisepass haben ... glaube ich zumindest.

03.05.08: Einen Tag später geben die BOSS MARTIANS die letzte Show ihrer Europatour im Stone, dem ehemaligen Ratinger Hof in der Düsseldorf Altstadt. Grandios! Die anschliessende Aftershowparty in Voms frisch renovierter Bar erinnert an eine Bergankunft bei der Tour de France. bei der immer mehr Fahrer auf dem Weg zum letzten Gipfel abreißen lassen müssen, obwohl, oder vielmehr, gerade weil die Versorgung blendend funktioniert. Auch Vom wirkt erschöpft, als er von seinem Betreuer am frühen Morgen aus dem Rennen genommen wird, und als ich mich kurze Zeit später, nach der letzten Verpflegung durch den Mannschaftswagen, kaum noch auf den Beinen halten kann, verliere auch ich den Kontakt zu den Führenden, während komischerweise die Amis, nach sechs Wochen Tour, über 40 Shows und Tausenden von gefahrenen Kilometern, noch immer einen frischen Eindruck machen. Und während zwei BOSS MARTIANS freiwillig sogar noch weit über das Ziel hinaus fahren, bin ich längst mit dem Rad auf den letzten steigunslosen sechs Kilometern ins Basislager ...

04.05.08: ... wo mich der Trainer am nächsten Morgen im Gemeinschaftsraum findet. Wie erschöpfend solche Bergetappen doch immer wieder sein können, trotz umfangreichen Dopings. Ob es daran liegt, dass ich meiner Tochter am Nachmittag vorschlage, nicht immer so viel Chemie auf die wenigen kleinen Pickel zu schmieren, sondern es mal mit "Hand auflegen" zu probieren, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall wirkt sie irritiert und schaut etwas befremdlich, als ich versuche ihr zu erklären, wie sie vorgehen muss. "Pass auf, Schatz! Lass das ätzende Zeug mal ein eine Zeit lang weg, nimm dir mindestens einmal am Tag etwa zehn Minuten, setze oder lege dich ruhig irgendwo hin, lege die Hand auf die Stelle, konzentriere dich darauf, glaube an das, was du erreichen willst, und du wirst sehen, nach kurzer Zeit tritt schon Besserung ein. Dann sind die paar kleinen Pickelchen auf der Stirn Geschichte." Ich merke selbst, dass ich mich bei meinem kleinen Vortrag etwas in Rage rede und auf meine Tochter wie der Charles Manson der Naturheilkunde wirken muss. Kein Wunder also, dass sie mich kurzerhand aus dem Bad schmeißt. Ich habe das Gefühl, ich sollte mit dem Vorschlag, es ansonsten mit einer Eigenurinbehandlung zu versuchen, noch etwas warten.

07.05.08: Nach drei urlaubslosen Jahren gönnen Sonja und ich uns eine Übernachtung in einem sogenannten Studio in einer ruhigen Nebenstraße der Amsterdamer Innenstadt. Grund ist die Show der ANGRY SAMOANS, für die ich einige Konzerte in Europa gebucht habe, und es gilt die Jungs zu begrüßen, ein paar Dinge durchzusprechen, ihnen Merch zu bringen. Nach zehn Minuten vor dem Hotel haben wir das erste Falschparkenticket von mehr als 50,00. Der nächst gelegene, einigermaßen erschwingliche Parkplatz liegt etwa 10 km vor der Stadt und ist nur mit der Bahn zur erreichen. Aber uns bleibt keine Wahl. Der Parkplatzbeauftragte ist ein unfreundliches Arschloch und sollte besser Söldner werden. Das an sich schön eingerichtete Studio ist so hellhörig, dass man beim Toilettengang den Fernseher lauter stellen muss, damit der andere nicht jede Flatulenz im Detail mitbekommt. Zwei Falafel kosten acht Euro und sind nur unwesentlich größer als Fischbrötchen. Gemütliches Bummeln durch die Grachten ist kaum möglich, weil man ständig von Radfahrern attackiert wird, die scheinbar Kamikazekurse besucht haben. Ehrlich, Holland darf sich nicht wundern, dass man es nicht leiden kann.

08.05.08: Und es lässt mich nicht einmal ausschlafen. Ich habe das Gefühl, unser Studio liegt mitten im hellhörigsten Puff Amsterdams, weil ständig wiederkehrende Sexualgeräusche ab 5.30 morgens kaum einen anderen Schluss zulassen. Über mehrere Stunden umschwebt uns die Porno-Geräuschkulisse, nur unterbrochen vom laut plärrenden Fernseher, wenn einer von uns beiden auf Toilette muss. War das jetzt unser Urlaub 2008? Ich könnte heulen. Wir verlassen Holland früher als geplant.

10.05.08: Dabei merke ich von Tag zu Tag mehr, wie sehr ich Urlaub nötig habe. Es kann auf Dauer nicht gesund sein, wenn das Gefühl der Entspannung erst kurz vor Mitternacht, nach einer halben Flasche Wein und einem Spliff eintritt, während draußen die Welt langsam schlafen geht, um am nächsten Morgen ausgeruht den Tag zu begrüßen, ich aber versuche bei Film oder Musik den Moment so lange wie möglich festzuhalten. Der Speicher ist voll. Kein Platz mehr. Ich habe das Gefühl, an so viele Sachen denken zu müssen, dass es meine Kapazitäten überschreitet. Es macht mir Angst, wenn ich wie gestern an der Tankstelle aus dem Wagen steige und dermaßen mit anderen Dingen beschäftigt bin, dass ich nicht etwa erst tanke, sondern gleich zur Kasse laufe. Zum Glück gab es eine weitere Kundin vor mir, die mich vermutlich vor einer Peinlichkeit sondergleichen bewahrt hat, als sie dem Mann hinter der Theke die Nummer ihrer Zapfsäule sagt und mir im selben Augenblick mein Faux Pas bewusst wird. Wie oft ich mittlerweile in einem Zimmer unserer Wohnung stehe, ohne zunächst zu wissen, was ich dort überhaupt will, ist kaum noch zu zählen. Und ich bin mir sicher, dass Sonja es nicht mehr hören kann, mein "Äh, sorry Schatz, was hast du gerade gesagt?", weil ich ihr mit interessiertem Blick scheinbar zuhöre, mit den Gedanken aber längst wieder auf Reise bin, weil es noch so verdammt viel zu tun gibt. Seit drei Jahren kaufe ich mir mit gutem Vorsatz Planer, um Arbeit und Zeit besser zu strukturieren und sie im Endeffekt doch unbeschrieben zu lassen. Entspannungsübungen verlaufen im Sande, weil ich viel zu nervös dafür bin und schon zu Beginn längst bei den Dingen bin, die es danach zu erledigen gilt. Aber ich gebe nicht auf. Alles wird gut! Ich muss nur daran glauben ...

24.05.08: Wieder auflegen in Emsdetten. Vom kommt nicht mit, weil er das gesamte Wochenende mit den Hosen proben muss. Er weiss genau, wie eine Nacht im Plattendeck enden kann, und bleibt deshalb daheim. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, und es ist besser so. Wieder einmal ist Emsdetten auf voller Drehzahl, trinkt sich scheinbar um den Verstand und reisst mich mit. Zu später Stunde kommt ein Irrer mit wirrem Blick, wünscht sich "irgendwas von AC/DC" und erzählt mir dann, dass er gerne etwas erfinden würde, das ... aufgepasst ... "Kacke besser riechen lässt". Ich bin mir zu dem Zeitpunkt nicht mehr sicher, ob ich ihn wirklich richtig verstanden habe. "Was war das? Was willst du erfinden?" frage ich irritiert, während ich tatsächlich das AC/DC-Album raussuche, weil ich weiss, dass AC/DC um diese Uhrzeit in Emsdetten funktioniert. "Naja, irgendeine Pille oder ein Pulver, das du schluckst, damit deine Kacke besser duftet. Nach Basilikum zum Beispiel. Oder nach Kaffee. Ich rieche Basilikum und Kaffee total gerne. Du etwa nicht?" "Schon, aber ..." will ich gerade den Versuch starten ihn abzuwimmeln, weil es, nett gesagt, manchmal nicht einfach ist, solche Unterhaltungen zu führen, wenn man alle drei Minuten die Platte wechseln muss, aber diese Kandidaten sind grundsätzlich zäh. "Ich war grad hier auf Toilette. Alter, da muss vorher einer einen in die Schüssel gelegt haben ... das ging gar nicht ... Und da kam mir diese Idee. Oder bei mir auf dem Job, wenn da einer am Abend vorher gesoffen hat, zwischendurch noch einen Gyros Teller ... weisst du eigentlich wie das stinkt?" stammelt der noch junge Mann leicht wankend mit seinem Wodka-Red Bull vor mir und scheint überzeugt von sich und seiner Idee. Ich ziehe den letzten Trumpf. "Hört sich doch gut an. Das könnte klappen. Halt mich auf jeden Fall auf dem Laufenden, ok? Und jetzt für dich AC/DC!" Und es wirkt. Er kann AC/DC nicht widerstehen und steht Sekunden später auf der Tanzfläche, die freie Hand Richtung Himmel, den Wodka-Red Bull sicher in der anderen, den Kopf im Nacken. MOTÖRHEAD im Anschluss, um ihn auf der Tanzfläche zu halten, in der Hoffnung, dass er seine brilliante Idee ad acta legt. Er tut es nicht und wird im Verlaufe der Nacht so etwas wie mein ständiger Begleiter, und als wir beide in etwa auf dem gleichen Level sind, fängt die Sache sogar an Spaß zu machen.

25.05.08: Es regnet, als ich einige Stunden später in meinem Auto vor dem Plattendeck wach werde. Eine verregnete Kleinstadt am Tag danach kann so ungemein deprimierend sein. Und trotzdem muss ich auf dem langen und beschwerlichen Rückweg grinsen, als sich der junge Mann mit der brillanten Basikilum-Idee langsam wieder in mein Gedächtnis drängt. Der einzige Höhepunkt einer tristen Fahrt nach Hause. Wie gerne läge ich jetzt daheim im Bett, auf der Couch oder säße vorm Computer. Ich liebe Emsdetten, und ich liebe die Crew des Plattendeck, aber ich weiß nicht, wie lange wir das noch machen können. Es fühlt sich gerade an, als hätte mich letzte Nacht wieder Monate meines Lebens gekostet. Wundern würde es mich nicht ...

08.06.08: Rock am Ring. Nach dem letzten Hurricane-Desaster von vor drei oder vier Jahren wollte ich eigentlich kein Festival mehr besuchen, aber das VIP-Ticket, das ich von Vom bekomme und das mir ungehinderten Zugang zu Freibier, Schnittchen, Frikadellen und Tribüne sichert, lässt mich noch einmal mit Vorsätzen brechen, und so mache ich mich auf den Weg in die Eifel. Mit "Vielleicht bekomme ich dich sogar im Dorint-Hotel unter, das liegt direkt an der Strecke..." beseitigt Vom auch meine letzten Zweifel, und als ich (warum auch immer) ungehindert in das hoteleigene Parkhaus fahren kann (nachdem ich verzweifelt einen anderen Parkplatz im Umkreis von 5 km gesucht habe), beginne ich mich langsam zu entspannen.
Wie alle anderen Bands auf dem Festival haben auch die Hosen eine sogenannte Lounge auf bzw. in der Tribüne, die linker Hand von der Mainstage steht und bei Übertragungen vom Ring des öfteren im Bild erscheint und vom Publikum gerne mit "Scheiß Tribüne!"-Schlachtgesängen bedacht wird. Die Lounge an sich ist ein etwa 40 qm großer Raum mit eigener Theke, einem großen Fenster zur Rückseite bzw. zur Rennstrecke, einem Fernseher, sowie einer Herren- und einer Damentoilette. Perfekt, bis auf die Tatsache, dass es in dieser Lounge erwartungsgemäß nur Altbier gibt, daneben allerdings auch Wein, Sekt, Wodka und Red Bull. Das eigentliche Festivalgelände betrete ich nur einmal auf dem Weg zur "Suzuki Alternastage", um mir die EAGLES OF DEATH METAL anzusehen. Es ist eine Qual und macht mir schlagartig bewusst, warum ich diese Scheisse nicht mehr will. Es stinkt an manchen Stellen so unglaublich nach Urin, dass es in der Nase beißt. Der Untergrund am Rande des Geländes, der von vielen als öffentliche Toilette genutzt wird, ist durch Körperausscheidungen am mittlerweile dritten Tag des Festivals so aufgeweicht, dass man wie durch Morast waten muss. Es ist ekelhaft, wird aber noch durch die Tatsache getoppt, dass selbst die Abgrenzung der fast zentral gelegenen Alternastage als Toilette genutzt wird, obwohl sie nur unweit von zahlreichen Imbiss- und Merchandiseständen steht. Betrunkene Jugendliche mit dem Schamgefühl einer weidenden Kuh schiffen scheinbar rücksichtslos über das gesamte Areal verteilt, und bei genauem Hinsehen kann man an der Abgrenzung auch rektale Hinterlassenschaften entdecken, was mein Fass letztendlich zum Überlaufen bringt.
Es tut gut, zurück in der Lounge zu sein. Sie bietet Sicherheit, keines der Getränke geht bis zum Ende der Veranstaltung aus, und einzig die Frikadellen müssen gegen 20.00 Uhr von der Karte gestrichen werden. Das EM-Spiel Deutschland gegen Polen wird auf der Leinwand der Hauptbühne übertragen, und als die Hosen eben jene kurz nach dem Spiel betreten, kann weder der leicht einsetzende Regen, noch die vorgerückte Stunde am letzten Festivaltag die Stimmung auch nur ansatzweise trüben. Rein musikalisch mag es sicher nicht das beste Konzert der Düsseldorfer gewesen sein, aber was Campino an diesem Abend mit seinem gegipsten Bein vollbringt, ist unglaublich. Man will es kaum glauben, als er wieder mal das Gerüst der Bühne bis ganz nach oben in grob geschätze 25 Meter Höhe klettert, aber er als das Gerüst verlässt, um sich ungesichert über die nasse, schräg abfallende Plane des Bühnendaches bis zur Spitze zu robben, um dort bengalische Feuer zu zünden, ist jedem klar, dass er in dem Augenblick mit seinem Leben spielt. Ich bin mir sicher: hätte die Band in diesem Moment aufgehört zu spielen, man hätte bis auf ein leises "Ist der wahnsinnig?"-Geflüster nichts anderes gehört. Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Hosen noch einmal dermaßen unterhalten können, aber sie haben es getan. Dementsprechend ausgelassen ist die Stimmung auf der Aftershow-Party, die irgendwann am frühen Morgen in der Hotellobby endet, in der vor entsetztem Personal die Hausordnung teilweise außer Kraft gesetzt wird. Ich fühle mich außerstande in Einzelheiten nachzuvollziehen, wie und warum ich zum Schluss in ein Einzelzimmer dieses hervorragenden Hotels gekommen bin ...

09.06.08: ... aber ich weiß genau, wie ich mich am Morgen fühle, als mich der Lärm der angrenzenden Baustelle, die Sonne und der Kopfscherz schon um 7.50 Uhr wieder wecken. Es geht mir beschissen. Ich meine, natürlich geht es mir beschissen. Was will ich nach solch einem Tag, nach solch einer Nacht und vor allem nach Altbier auch anderes erwarten? Nichts! Ich weiß, dass ich ohnehin nicht mehr schlafen kann, also quäle ich mich aus dem Bett, schütte mir kurz kaltes Wasser ins Gesicht, ziehe mich an, und fahre auf direktem Weg mit dem gläsernen Fahrstuhl in die Tiefgarage. Schon auf der kurzen Fahrt auf dem Weg nach unten wird mir schlecht, und der Gedanke an den Weg aus der Eifel nach Düsseldorf macht mir Angst. Ich zittere leicht, als ich im Auto sitze, Schweiß steht mir auf der Stirn, und die Innenflächen meiner Hände sind so nass wie lange nicht mehr. Ich reibe sie noch einmal über die Hosenbeine, nehme einen Schluck Wasser aus der Flasche, die zum Glück noch im Wagen liegt, fahre in der Hoffnung auf eine schnelle Heimfahrt aus der Tiefgarage, um im nächsten Moment desillusioniert zu werden. In die Richtung, aus der ich gekommen bin, staut sich der Verkehr schon jetzt bis hier zum Festival und darüber hinaus. Verdammt, nicht das auch noch! Aber, hat mir nicht gestern jemand erzählt, er sei aus der anderen Richtung gekommen? Verdammt, ich bin mir nicht sicher, aber ich will mich zu diesem Zeitpunkt keinesfalls in den Stau einreihen, biege ab in die andere Richtung, fahre etwa 3 km, bis auch hier der Verkehr ins Stocken gerät, aber nur auf übersichtliche drei- oder vierhundert Meter bis ... OH SCHEISSE, WAS ZUM ... OH VERDAMMT ... OH VERDAMMTE SCHEISSE ...!
Eine Polizeikontrolle! Eine verfluchte Polizeikontrolle! Jetzt weiß ich, warum alle in die andere Richtung gefahren sind. Hahaha... Haha... Ha. Nein, es ist gar nicht witzig. Wo sind die verdammten Kaugummis? Ich habe das Gefühl, dass man selbst von dem Schweiss, der sich mittlerweile wieder in meinen Händen gesammelt hat, noch ein Kleinkind betrunken machen könnte. Und was die Eifeler Polizei an diesem Montag Morgen zur Kontrolle von Festivalbesuchern an Personal auffährt, würde vermutlich ausreichen, um die niederheinische Kleinstadt mit dem aufgedrehten Fotografen zu beschützen. Jeder vierte oder fünfte Wagen wird aus der Reihe gewunken, während ich beginne zu hyperventilieren und die Fassung zu verlieren. Dabei könnte der Fiesta vor mir meine Chance sein. Augenscheinlich älteres Baujahr, erweckt der kleine Wagen den Eindruck, dass die Karosserie nur durch die zahlreichen SLIPKNOT-Aufkleber zusammengehalten wird. SLIPKNOT, oh Mann ... Der Besitzer hätte es verdient rausgewunken zu werden. Nein, sorry, ich will kein Arsch sein, aber mir ist klar, dass ich geliefert bin, wenn mich das Schicksal ereilt. Noch vier Autos. Noch drei. Die letzten Meter bis zum Mann mit der Kelle nehme ich nur noch unterbewußt wahr. Es erscheint mir wie in einer kunstvoll gefilmten Zeitlupenszene, als der Fiesta tatsächlich rausgewunken wird, und ich kann fast das Knirschen der Hals- und Schulterknochen des Beamten hören, als er mir zur Durchfahrt nickt. Zur Durchfahrt! Danke, Universum!
Keinen Kilometer später stehe ich auf einem kleinen Waldparkplatz, um mich von den Strapazen zu erholen. Ich will so etwas nicht nochmal erleben. Auf keinen Fall. Ich gelobe mir wieder einmal Besserung, und irgendwie fühlt es sich anders an als sonst. Ja, das tut es. Es wird Zeit, nachhause zu fahren.
Tom van Laak

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