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BEHALTET EUREN SCHEISS!

Ich kann es nachvollziehen, dass eine Band oder vielmehr deren Label es vermeiden möchte, dass eine neue Platte noch vor der offiziellen Veröffentlichung über die einschlägigen Internet-Kanäle Verbreitung findet. Aber warum behalten sie sie nicht bis dahin unter Verschluss?

Ganz einfach: Sie wollen zwar zu Recht nicht, dass "der Markt" das Ding schon vor dem Verkaufsstart hört - und nicht dafür bezahlt -, aber darüber reden sollen so viele Menschen wie nur möglich. Insofern schicken sie oder beauftragte Promotion-Agenturen schon vorab Kopien der Platte in der Gegend herum, in der Hoffnung, Radiomoderaten, Journalisten (oder solche, die sich dafür halten) und ähnliche, sich am Ohr und Auge der kaufbereiten Masse bewegenden Menschen berichteten ausgiebig darüber. Jetzt besteht natürlich die Gefahr, dass nicht jeder der Empfänger vertrauensvoll ist, das brandheiße neue Stück Musik also plötzlich dort auftaucht, wo es die Labels nicht haben wollen: im Internet. Und so lassen sich die Plattenfirmen (groß und klein) ständig neue Varianten einfallen, mit denen sie genau das in dem Zeitraum, den sie für die Mundpropaganda sinnvoll halten (das können durchaus mal bis zu drei Monate sein) verhindern können - und weit darüber hinaus.
Ich habe somit vermehrt CDs auf meinem Schreibtisch liegen, die in irgendeiner Form so manipuliert sind, dass es mir gar nicht oder nur mit Einschränkungen möglich ist, diese so zu hören, wie ich es für eine vernünftige Besprechung für nötig befinde - von bloß im Internet in mit Passwort geschützten Bereichen anhörbaren Streams will ich hier gar nicht erst reden. In hundert einzelne, sekundenlange Tracks aufgeteilte CDs oder solche, die sich ums Verrecken nicht in einem Computerlaufwerk abspielen lassen, sind ärgerlich; CDs mit Voice-Over ("This recording belongs to ..." und ähnliche Ansagen alle paar Minuten), nicht vollständige Alben ("Song 3 and 6 are available on commercial versions only") oder lange vor dem Ende ausgeblendete Songs dagegen inakzeptabel. Wo man Ersteres noch zähneknirschend hinnimmt, werden letztere Exemplare im Ox-Büro aussortiert und landen dort, wo auch die CDs landen, die mit einem personifizierten digitalen Wasserzeichen versehen sind: im Müll. Diese "watermarked" CDs oder ihre direkten Verwandten, die ebenfalls gekennzeichneten mp3-Dateien, die man sich von speziellen Presse-Servern laden darf sind da der momentane Gipfel an Unverschämtheit. Wenn mir nicht vertraut wird, okay, drauf geschissen, aber ich lasse mich nicht verarschen mit Dateien, die durch zig Hände oder über zig Rechner gehen und für die ich dann haften soll.
Was regt der Penner sich auf, magst du dich fragen. Schleppt täglich CDs für lau nach Hause und beschwert sich dann noch? Nun sollte man nicht vergessen, dass ein Plattenlabel den Versand von kostenlosen Promo-Exemplaren nicht ganz uneigennützig macht, schließlich erwarten sie eine Besprechung dafür. Die wird ihnen zwar nicht garantiert (sie bekommen sie aber hier beim Ox ziemlich sicher, oder warum denkst du, ist unsere Reviewsektion so viel länger als bei anderen Heften?), aber ich verlange zumindest, dass ich für meine Arbeit - das Review - einen vernünftigen Gegenwert erhalte. Zudem habe ich sicher nichts daran auszusetzen, dass ein großer Teil der Promo-CDs in einer optisch abgespeckten Version wie einem mit Infos zum Album bedruckten Pappschuber verteilt wird (eine CD-R mit Infowisch dagegen ist an der Grenze des Zumutbaren), da erhalte ich zumindest etwas, was dem "finished product" nahe kommt und - noch wichtiger - ich bekomme die Musik in der Form, wie sie der Künstler veröffentlicht haben will. Auch mit einer Verkaufsversion mit gelochtem oder bekritzelten Barcode - was verhindern soll, dass das Ding bei eBay landet - habe ich kein Problem (das Booklet beschneiden oder ganz groß "Promo" übers Cover schmieren ist aber verachtenswert).
Aber mit verstümmelter Musik oder mit nackten Dateien, die mich unter Generalverdacht stellen, will ich mich nicht beschäftigen. Insofern, liebe Labels, schickt uns eure Platten entweder in vernünftiger Form zeitnah zum Veröffentlichungstermin oder behaltet den Scheiß einfach.
André Bohnensack

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