Das Netz vergisst nie (3)Es gibt ja Leute, die halten Google für die tollste Erfindung, seit es das Internet gibt, die haben die Datenkrake als Startseite auf ihrem Rechner, inklusive Google-Toolbar zur Durchsuchung der Rechnerfestplatte, geben Webadressen darüber ein statt im Browserfenster, machen sich in Bezug auf ihr Surfverhalten komplett nackig.
Als kürzlich in einem Rechtsstreit mit YouTube bekannt wurde, dass Google Nutzerdaten bis hinab zur IP-Adresse (über die Nutzer im Zweifelsfall persönlich identifiziert werden können) über ein Jahr lang speichert, waren selbst Fachleute über diesen technisch unnötigen Speicher- und Sammeleifer verblüfft. Ich schätze, Innenminister Schäuble sabberte vor Begeisterung und war gleichzeitig grün vor Neid. Mit seinen Plänen für einen neuen Personalausweis, der neben Fingerabdrücken ("freiwillig" - macht man sich schon verdächtig, wenn man diese Option nicht nutzt, nach dem Motto "Wer nichts zu verbergen hat ..."?) auch verschlüsselte Daten zur Identifikation bei Online-Geschäften und Online-Behördengängen, ist der Mann ja technologisch ganz vorne mit dabei. Heute klagt man noch über geklaute oder ausgespähte EC-Card- oder Kreditkartendaten, aber was in Sachen "Identity Theft" in ein paar Jahren möglich sein wird, dürfte die von T.C. Boyle in seinem Buch "Talk Talk" beschriebene Szenerie weit übertreffen. Angeblich arbeitet Google auch an einem eigenen Browser. Natürlich steht nur die Userfriendlyness im Vordergrund, keinesfalls die vermutlich eingebaute Funktion, dass man anders als bei Firefox die Google-Cookies nicht mehr blocken kann. Wetten, dass wir in zehn Jahren über solche Kleinigkeiten lachen? Bis dahin hat Google den "Life Manager" entwickelt: Ausgehend vom Surfverhalten kennt Google das Leben seiner User besser als die selbst. Google kauft für dich ein, es kennt deine Lieblingsrestaurants und -rezepte, deine Schuh- und Kleidergröße, deinen Stil, deinen Geschmack, deinen Gesundheitszustand, beachtet also Diäten und Allergien, sucht dir einen neuen Job, wenn es merkt, dass du auf der Arbeit mal wieder zu viel auf entsprechenden Websites bist, achtet dabei auf das richtige Gehaltsniveau, denn es kennt ja dein Konsumverhalten, verwaltet auf Wunsch dein Geld, und die Partnersuche (deine Vorliebe für Gemüsesex ist nicht verborgen geblieben) wird auch erledigt- automatisiert, im Hintergrund, ohne aktives Zutun des Users. Du weißt nicht, wohin du eigentlich in den Urlaub fahren willst? Google erinnert sich an die Karibik-Websites, und ja, teuer ist es, aber ausgehend von deinem Gehaltsniveau und Konsumverhalten kann Google dir auch einen passenden Ratenvertrag anbieten. Und solltest du den nicht mehr bedienen können, gar den Job verloren haben (und die Freundin auch noch, siehe Partnersuche): Klick einfach auf einen der angebotenen, nach deinen Bedürfnissen ausgesuchten Links, etwa den zum Suizid-Forum. Big Google is watching you, ist doch schön. In Zeiten zunehmender Vereinzelung und Vereinsamung ist es gut zu wissen, dass da draußen etwas ist, das dich besser kennt als du selbst. Mögen sich die Japaner auch heute schon Haushalts- und Altenpflegeroboter halten, richtig interessant wird es erst in 20, 30 Jahren: Mittels einer jüngst (ja, 2008) entwickelten Software kann ein Computer jede beliebige Stimme perfekt nachbilden, und wenn wir dann alt, grau und einsam zuhause sitzen, unterhalten wir uns mit unserem virtuellen Gegenüber, das dich seit 25 Jahren kennt, in der Stimme deines verstorbenen oder geschiedenen Partners, über deinen Australienurlaub, über das HOT WATER MUSIC-Konzert damals, über deine Lieblingsplatten. Und einen individuell vergebbaren Namen hat dieses Etwas natürlich auch. Ich würde meines HAL nennen ... Themenwechsel: Schon mal darüber nachgedacht, warum dein Handyvertrag abgelehnt wurde, warum du für deinen Computer trotz Angebot des Elektronikmarktes keine Ratenzahlung genehmigt bekommen hast? Vielleicht, weil du auf der falschen Seite der Straße wohnst, nicht in der schnuckeligen Einfamilienhaussiedlung gegenüber mit den geraden Hausnummern, sondern im 12-stöckigen Wohnsilo mit der ungeraden Hausnummer, der ständig demolierten Haustür und den immer wieder aufgebrochenen Briefkästen? Tja, Pech, statistisch gesehen sind die Menschen auf deiner Straßenseite eben unsichere Zahler, da gibt's leider keinen Kredit, und selbst wenn, dann nur mit doppelt so hohem Zinssatz. Dank der Post, die exakte Adresszusatzinformationen an jeden verkauft, der sie haben will. Golfzubehörkataloge für die eine Straßenseite, Prospekte für den Billigtextildiscounter für die andere ... Dank der Datensätze von Inkasso- und Rating-Unternehmen, ohne deren Check so mancher Versandhändler keine Ware mehr rausschickt. Wohnen zu viele Asis in deinem Haus, in deinem Viertel, wirst du in deren Denke selbst einer. Bis zum nächsten Mal, Joachim Hiller |