DIE VERFLIXTE B-FRAGEJana kenne ich aus der Uni. Als ich als Studi-I-Männchen einst hilflos und verloren zwischen vielen fremden Menschen im Hörsaal saß und auf den Beginn meiner ersten Linguistik-Vorlesung ever wartete, erklang plötzlich eine zuckersüße Stimme aus dem Off: "Hi, ist der Platz hier noch frei?" Lovely. Meine erste Begegnung mit Jana.
Zunächst war ich skeptisch - trotz spontaner Sympathieattacke meinerseits beim Anblick der hübschen Dame. Denn Janas Haupt erstrahlte in einem leuchtenden Blond. Ich hingegen trage seit jeher voller Stolz meinen dunklen Schopf durch die Weltgeschichte. Während Jana neben mir Platz nahm, grübelte ich darüber nach, ob ein blondes und ein dunkelhaariges Mädchen tatsächlich Freunde sein können. Allen, die sich gerade am Kopf kratzen und sich fragen, wo bitte, liebes Matrosenmädchen, liegt denn nun wieder dein Problem?, sei gesagt, dass es um die B-Frage geht: Blond oder brünett? Darum, wer die Nase vorn hat im ewigen Kampf der Eitelkeiten: Der sexy-naive Schwedenhappen oder doch die melancholische Intellektuellenbraut? Weitere Klischees: Blondinen tragen Pastellfarben, pinseln sich Kirschgloss auf den Schmollmund und trinken in schicken Bars Martini, Cocktails mit schlüpfrigen Namen oder Prosecco. Dabei kichern sie dann und alle finden das sehr zauberhaft. Brünette Mädchen hingegen kleiden sich schwarz oder, total wild, in "Erdfarben", tragen traurige Lippenstiftnuancen und saufen auf abgefuckten Kellerpartys schnödes Pils, bis sie sich in einer Zimmerecke erbrechen. Dann schämen sie sich und alle finden das irre nervig. Ja, ich bin ein wenig verbittert und das nicht zu Unrecht. Denn es geht um viel mehr als nur um Haarfarben und Vorurteile. Es geht hier ums Prinzip, jawohl. Ich gestehe: Wir brünetten Mädchen haben ein Problem mit euch, ihr lieben blonden Frauen. Woran das nur liegt? An jahrelanger Diskriminierung liegt das. Beispiel Kino: Während sich sämtliche goldgelockten Filmheldinnen der letzten Jahre in zahllosen Komödien und Romantikstreifen ins Leben stürzen, leicht wie eine Sommerbrise in kurzen Leinenkleidchen durch Kornfelder hüpfen und dabei mit ihren Kulleraugen rollen, sind uns Dunkelhaarigen seit Jahr und Tag die fiesen Parts zugedacht, sei es die Rolle der bösen Intrigantin, der karrieregeilen Businesstrine oder die der manisch-depressiven Psychopathin. Im besten Fall reicht es gerade noch zum verruchten Vamp, der Männer zum Frühstück verspeist und dabei die ganze Zeit streng aus der Wäsche schaut. Zugegeben: Es mag ja sein, dass Jungs sich nach "rassigen" Frauen, die Dinge sagen wie "Ey Kleiner, warste denn auch brav?", alle zehn Finger lecken, aber wir nun mal nicht. Im Gegenteil. Wir wollen auch mal unschuldig-sexy sein. Und unbeschwert und süß. Immer streng gucken ist nämlich anstrengend. Wir wollen nicht ewig die doofen Problemfälle sein, mit denen niemand spielen will. Und genauso wenig wollen wir ständig auf unseren Intellekt reduziert werden. Das wird irgendwann schrecklich dröge. Gut, die einfachste Lösung für dieses Problem wäre vermutlich, sich das Haar zu bleichen. Das geht aber nicht. Weil es Verrat wäre. Und doch - einmal Sonnenschein statt Regenwolke sein, ach, das wäre schön. Leider ist die Umsetzung eines solchen Wunsches gar nicht so einfach. Nehmen wir zum Beispiel meine letzte Shoppingtour mit Jana, die sich übrigens trotz meines anfänglichen Widerstandes einen Für-immer-und-ewig-Stammplatz in meinem wild pochenden Matrosenliebchenherzen erkämpft hat. Ich gab mir die größte Mühe, möglichst drollig dreinzuschaun, hübsch zu lächeln und lauter so blöde Sachen. Nützte nichts. Die Jungs stierten ausschließlich meiner skandinavisch anmutenden Freundin nach, was mich sehr traurig machte. Irgendwann bemerkte ich, dass Jana nachdenklich vor sich hin starrte. "Was ist denn los?", fragte ich, ernsthaft besorgt. "Ach", sagte Jana, "ich will mich verändern. Ich wäre so gerne mal brünett, das wirkt so mysteriös und gebildet und verrucht. Meinst du, das steht mir?" Vor Schreck klappte mir der Unterkiefer runter. Das sah mal gar nicht niedlich aus. Mittlerweile ist Jana ins Reich der dunkelhaarigen Schönheiten übergewechselt und ich ... nun ja, ich überlege. Blond oder nicht blond ist die Frage, die ich mir seit Tagen stelle, Verrat hin oder er. Weil ich mich auch verändern möchte. Vielleicht könnten wir ja dann im Sommer leichtfüßig wie Rehe durch die Kornfelder joggen, die Jana und ich, uns an den Händen halten und uns schön fühlen. Jana in Lederkluft mit verwegen wallendem Haar, cool wie weiland Lara Croft, ich mit sanft gezwirbelten Goldlocken im kurzen Leinenkleidchen und Kirschgloss auf den Lippen. Oje, was soll ich denn nur tun? So eine verflixt schwierige Entscheidung aber auch. Jetzt gönne ich mir aber erstmal ein Gute-Nacht-Bier. Und sag was Nettes zu dem Kellner, der schon die ganze Zeit um mich herumflitzt. So etwas wie "Ey Kleiner, warste denn auch brav?" Funktioniert immer. Anika Glatzel
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