IN DER EINEN HAND EINEN SCHLAGRING, IN DER ANDEREN EINE ZUCKERWATTEMeine ersten Schlägerei-Erfahrungen machte ich im Kindergarten.
Ein böser, mir körperlich überlegender Junge aus asozialem Elternhaus donnerte mich auf dem Spielplatz gegen ein Klettergerüst. Daraufhin pisste ich mir in die Hose und wurde weinend von den Kindergärtnerinnen nach Hause zu Mami und Papi gebracht. Ab der Grundschule begann ich zunehmend damit, mich für Kampfsportfilme zu interessieren. Rocky 1 bis 100, Karate Tiger 1 bis 1.000, Bruce Lee 1 bis 10.000, Chuck Norris 1 bis 100.000, scheißegal, Hauptsache auf die Fresse. Mein jüngerer Bruder teilte diese Leidenschaft mit mir. Das traf sich gut, denn jedes Mal, nachdem wir uns gemeinsam einen Prügelfilm angesehen hatten, hauten wir uns davon inspiriert völlig aufgedreht gegenseitig auf die Schnauze. Und zwar immer solange, bis einer weinte und es von Mutti obendrein noch die eine oder andere Ohrfeige gab und wir letzten Endes beide weinten. Dadurch ließen wir uns aber nicht aufhalten. Wir waren heranwachsende Männer, beherrschten den dazugehörigen geschlechtsspezifischen Spagat und hatten uns sämtliche Kampftechniken abgeguckt. Wir bestanden sogar beide einen Drehkick aus dem Sprung heraus. Unser Gang war aufrecht, unser Blick geschärft und stets um fünf Grad nach oben gerichtet. Und wenn uns jemand Unfriedliches in die Quere kam, so blieb er einen Moment später am Boden liegen. Zu Beginn der Realschulzeit wurde mein übersteigertes Bewusstsein an Selbstsicherheit dann allerdings gebrochen. Ich erinnere mich an folgende Begebenheit: Eines Mittags, nach Schulende, befinde ich mich in Begleitung eines Klassenkameraden auf dem Weg zur Bushaltestelle, um die Fahrt in Richtung trautes Heim anzutreten. Auf halber Strecke begegnen uns zwei türkische Altersgenossen und bauen sich provokant vor uns auf. Sie lassen uns wissen, dass sie Mitglieder der "Türkisch Powerboys" seien und konfrontieren uns im aggressiven Tonfall mit der Frage, ob wir uns darüber im Klaren wären, was das für uns bedeuten würde. Zeitgleich bemerke ich, dass der Winkel der nach oben gerichteten Blicke unserer Herausforderer meinem eigenen um circa zwanzig Grad überragt. Nach Verstärkung suchend schaue ich zu meinem Klassenkameraden und stelle fest, dass der Winkel seines Blickes inzwischen um neunzig Grad nach unten gesenkt ist. Meiner eigenen Interpretation nach in diesem Moment zweifellos eine Körperhaltung als Ausdruck von Kapitulation und Unterwürfigkeit. Ich bekomme Schiss. Und zwar zu Recht. Denn die Auslegung der Türkisch Powerboys spricht eine ganz andere Sprache: Sie stellen die Behauptung auf, dass mein Klassenkamerad einen von ihnen im Vorfeld verliebt angeguckt hätte, und aufgrund dessen nun verlegen in Richtung Boden blicken würde. "Dein Freund hat meinen Kumpel verliebt angeguckt und dafür hauen wir euch nun gemeinsam aufs Maul!" Eine verstörende, zweifellos absurde Unterstellung, die nichts daran ändert, dass wir im weiteren Verlauf die Schnauze blutig gekloppt bekommen. Im Anschluss daran fahren wir samt Nasenbluten und Tränen in den Augen mit dem Bus nach Hause zu Mami und Papi. Von diesem Tage an senkte ich meine Blickrichtung um zwanzig Grad nach unten. Ich kam buchstäblich zurück auf den Boden der Tatsachen und hielt ihn mir vor Augen. Mein Selbstbewusstsein war angeschlagen, ich spürte eine Last auf meinen Schultern und die Schwerkraft zwang mich in eine leptosome Opferhaltung. Etwa zwei Jahre später freundete ich mich dann mit einem anderen Klassenkameraden aus asozialem Elternhaus an. Ich möchte ihn an dieser Stelle Herbert nennen. Herbert musste bereits zum zweiten Mal eine Klasse wiederholen, war dementsprechend älter als ich und mir körperlich überlegen. Obwohl wir uns die meiste Zeit gut verstanden, überkam Herbert zwischendurch immer wieder das Bedürfnis, jene Überlegenheit mir gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Vermutlich, weil sein Papi stets sehr streng zu ihm gewesen ist und das Schmerzempfinden, welches durch Peitschenhiebe mit einem Gürtel ausgelöst werden kann, für Herbert kein Unvertrautes war. Ein solches Gefühl von Unterdrückung und Demütigung musste schließlich irgendwie kompensiert werden. Demzufolge erwies ich ihm aus Mitleid den Freundschaftsdienst und ließ mich in unregelmäßigen Abständen von ihm verprügeln. Auch aufgrund der Tatsache, dass ihn sonst niemand leiden konnte. Das stimmte mich sentimental. Einmal hatte er mir sogar Glaswolle durch den Kragen meines Pullovers zugesteckt - das fand ich ätzend. Nichtsdestotrotz zeigte er sich für meine Loyalität auch erkenntlich, indem er mich beispielsweise im Ein-Liter-Bier-auf-Ex-trinken trainierte und mir darüber hinaus Einblick in die Pornosammlung seiner Eltern gewährte - das fand ich cool. Als besonders beeindruckend empfand ich allerdings, dass Herbert trotz seiner überwiegend rüden Umgangsformen auch mit latent sanftmütigen und einfühlsamen Charaktereigenschaften ausgestattet zu sein schien. Ich erinnere mich an folgende Begebenheit: Eines Abends sind Herbert und ich im Dorf unterwegs, mit dem Vorhaben, einen Zigarettenautomaten knacken zu wollen. Bevor wir unsere Mission ausgeführt haben, begegnet uns auf halber Strecke der Freund von Herberts älterer Schwester. Eine zwielichtige, verlottere Gestalt von schroffer Natur, die bereits einige Jahre im Jugendstrafvollzug abgesessen hat. Seine Ausstrahlung erinnert an einen texanischen Automechaniker. Sein Erscheinungsbild personifiziert etwas Beängstigendes. Dazu gehören auch die zahlreichen selbst gestochenen Knast-Tattoos an seinen Armen und Händen. Darunter sogar Hakenkreuze, welche er wohl nachträglich zu kaschieren versuchte, indem er die gegenüberliegenden Enden der Haken ganz einfach mit Diagonalen verbunden hatte. Ein wahrhaft düsterer Anblick. Doch meine Befürchtung, dass er unseren Plan hinsichtlich einer kriminellen Abendgestaltung intuitiv bemerken und durchschauen könnte, erweist sich als Fehleinschätzung. Stattdessen scheinen ihn ganz andere Sorgen zu quälen. Er nimmt Herbert in den Arm und beginnt zu weinen. Geradezu melodramatisch offenbart er seinen Liebeskummer und berichtet von einem Streit, den er kurz zuvor mit Herberts Schwester gehabt habe. Herbert tröstet ihn fürsorglich und verweist ihn auf die Hoffnung, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Ein ergreifender Moment und kurios zugleich, wenn man bedenkt, dass Herbert im selben Augenblick ein riesiges Stemmeisen in einem Ärmel seiner Lederjacke versteckt hatte, um damit im weiteren Verlauf des Abends noch einen Zigarettenautomaten aufzubrechen. An diesem Tage lernte ich jedenfalls viel über die weichen Seiten harter Männer. Nach meinem Realschulabschluss entschied ich mich dann schließlich dazu, eine Nervenheilanstalt aufzusuchen. Ich hatte das Ziel vor Augen, meinen fortwährend gesenkten Blick wieder in eine aufrechte Position zu bringen. Ein bisschen Liebeskummer und Melodramatik taten vermutlich ihr Übriges. In der Nervenheilanstalt erfuhr ich Trost und Zuspruch. Nachdem mich ein trauriger Spielfilm sentimental gestimmt hatte, musste ich weinen. Eine demenzkranke Oma bemerkte meine Tränen, kam auf mich zu und kippte mir wortlos ein paar Topfblumen samt Erde über meinen Schoß, welche sie zuvor von einer Fensterband der Klinik entwendet hatte. Ich war gerührt und musste noch mehr weinen. Nachdem ich wieder eine aufrechte Haltung beherrschte, verabschiedete sich ein zwei Meter großer, älterer Herr bei mir, indem er mich ehrfürchtig anstarrte und sich im darauf folgenden Moment vor mir bekreuzigte. Ich war ein wenig irritiert, bekam aber dennoch einen Höhenflug, welcher mir im Anschluss an meine Entlassung ziemlich schnell zum Verhängnis werden sollte. Ich besuchte die asozialste Spelunke der Stadt, in der mich dann auch prompt ein Kokain-Scheißdreck-Prolet mit Hawaiihemd zu provozieren versuchte. Da ich vom Suff enthemmt seinem Dreißig-Grad-nach-oben-Blick standhalten konnte, haute er mich einen kurzen Augenblick später ganz einfach um. Ich blieb liegen, bis es hell wurde. Doch aufgrund meiner Folgeverletzungen, samt einer Verstauchung am Fuß, war mir ein aufrechter Gang immer noch nicht möglich. Also robbte ich über den gepflasterten Boden durch die Altstadt, bis ich schließlich bei einer Passantin Mitleid erweckt hatte. Die liebenswerte ältere Dame sammelte mich auf, tröstete mich, spendierte mir ein Mineralwasser und bestellte mir einen Krankenwagen. Nach meiner Genesung verspürte ich ein Bedürfnis nach Liebe, Frieden und Harmonie. Ich besann mich zurück, reflektierte über das Leben im Allgemeinen und über psychologische Verhaltensmuster. Ich dachte an Rocky, Karate Tiger, Bruce Lee und Chuck Norris, erinnerte mich an die weichen Seiten harter Männer und die Ausstrahlung texanischer Automechaniker. Eine Weile später ereignete sich dann folgende Begebenheit: An einem sonnigen Nachmittag zu Beginn des neuen Jahrtausends spaziere ich in Begleitung von zwei Saufkumpanen an den Rheinwiesen entlang. Wie gewöhnlich sind wir alkoholisiert, was für eine ebenso gewöhnliche, von Übermut getriebene Ausfallerscheinung bei einen meiner Begleiter sorgt. Ich möchte ihn an dieser Stelle Christian Destroy nennen, weil er sich bis heute auch selbst so nennt. Völlig unvermittelt, ohne ersichtlichen Grund und seinem Namen gerecht werdend, schnappt sich C. Destroy von irgendwoher einen Plastikstuhl, um ihn kurzerhand gegen die Windschutzscheibe eines geparkten Pkw zu schmeißen. Dabei geht die Scheibe zwar nicht zu Bruch, jedoch hat ein vorbeibrausender Motorradfahrer Christians Tatvorgang beobachten können. Er stoppt mit einer quietschenden Vollbremsung, springt von seiner Rennmaschine und kommt mit seiner Zwei-Meter-zwanzig-Statur, gepresst in eine geschmacklose gelb-weiße Lederrüstung, auf uns zu. Er wirkt äußerst erbost und droht C. Destroy damit, ihm seinen Motorradhelm durch die Fresse zu ziehen und ihn anschließend häuten zu wollen, mit den Furcht einflößenden Worten: "Ich reiß dir deine Tattoos ab!" Davon eingeschüchtert bittet ihn Christian um Gnade und gibt an, dass ihm sein Fehlverhalten Leid täte und er Respekt vor ihm und seiner Rennmaschine habe. Doch davon lässt sich der Angreifer mit Bürgerwehrambition nicht besänftigen. Sein Aggressionsbarometer pulsiert weiter auf höchster Stufe. Während ich den Ernst der Lage bereits realisiert habe, dreht sich der Dritte in unserem Bunde - den ich an dieser Stelle Karl-Heinz nennen möchte - stattdessen völlig unbeeindruckt und teilnahmslos eine Zigarette. Der Kerl im Lederblouson wütet weiter. C. Destroy wirkt hilflos und befindet sich inzwischen in einer geduckten Körperhaltung als Ausdruck seiner Unterwürfigkeit. Ich beginne, mir Sorgen zu machen, und suche in Gedanken nach einer Deeskalationsstrategie. Ich lasse sämtliche meiner bisherigen Erfahrungen noch einmal Revue passieren. Im Anschluss daran sehe ich keinen anderen Ausweg mehr und fasse den Entschluss, mein Leben zu riskieren: Ich erblicke einen Blumenkübel und gehe auf ihn zu. Vor dem Kübel bleibe ich stehen und pflücke ein besonders schönes Blümchen. Anschließend bewege ich mich zurück zum Motorradfahrer. Der Winkel meines Blickes ist dabei um neunzig Grad nach unten gerichtet. Mein Puls rast und meine Blase droht damit sich entleeren zu wollen. Ich nehme all meinen Mut zusammen, atme nochmals durch und überreiche dem Motorradfahrer das Blümchen als Versöhnungsgeschenk und Symbol unserer Demut. Währenddessen hoffe ich darauf, dass die Schläge mit einem Motorradhelm ein möglichst schnelles Ende herbeiführen würden, um somit einem allzu qualvollen, langsamen Tod zu entgehen. Doch entgegen meiner schlimmsten Befürchtung, schaut mich der Motorradfahrer einfach bloß verdutzt an. Er kommt zur Ruhe, lehnt das Blümchen kopfschüttelnd ab, schwingt sich wortlos zurück auf seine Rennmaschine und flieht in die Dunkelheit. Im Nachhinein frage ich mich, wie wohl damals die Türkisch Powerboys mit einer solchen Situation umgegangen wären ... Alex Gräbeldinger
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