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ROT-WEISS-ROT BIS IN DEN TOD

Heute ist Montag, der 30.06.2008. Gestern war Finale, Endspiel quasi, das Spiel um den Endsieg sozusagen. Deutschland hat verloren, Österreich jubelt. Ich auch.

Ich springe tanzend um das Haus, könnte Sektflaschen köpfen. Nicht, weil Spanien Europameister ist, und Deutschland nicht, nein, das ist mir eigentlich egal. Elf Schwachköpfe haben gegen elf andere Schwachköpfe ein schwachsinniges Spiel gewonnen, schön. Nein, ich freue mich darüber, dass die blöde Herrenfußballeuropameisterschaft endlich vorüber ist. Seit jenem Tag, als Österreich und die Schweiz als Austragungsländer dieses ach so wichtigen Sportereignisses bekannt gegeben wurden, wartete ich auf das Ende dieses ach so wichtigen Sportereignisses, zählte die Tage bis zum Schlusspfiff.
Ich mag keinen Fußball. Vielleicht, weil ich's selber nicht kann, auf jeden Fall aber, weil ich diesen Sport stinklangweilig finde, weil ich nicht verstehe, was daran interessant sein soll. Ich kann die Euphorie nicht nachempfinden, die diese Sportart in manchen Menschen auslöst. Kann nicht nachvollziehen, wie man sich da so reinsteigern, wie man bereits Monate davor an nichts anderes mehr denken, von nichts anderem mehr sprechen kann.
Die Spiele selbst waren mir egal, ich habe ich mir ja keines ansehen müssen, es hat mich niemand unter Androhung von Peitschenhieben dazu gezwungen. In Graz fanden glücklicherweise keine statt, Fan-Zonen, Public-Viewing-Areas ließen sich soweit auch meiden. Aber jedes Mal, wenn ich in den letzten Monaten eine Zeitung aufgeschlagen, den Fernseher eingeschalten habe, wurde ich mit der Euro und dem damit verbunden Wahn konfrontiert: Euro hier, Euro da. Hier ein Leitartikel, dort ein Werbespot. Euro-Rabatt im Supermarkt, Euro-Burger bei McDonalds, Panini-Aufkleber gratis zu jedem Einkauf. Werbung, Industrie und Handel lieben die Euro, sprechen von nichts anderem. Es gibt Fußballpizza und Fußballschokolade. Ein Pharmakonzern bewirbt sogar einen Hepatitis-B-Impfstoff mit besagtem Sport-Mega-Event.
Na gut, schalte ich halt den Fernseher nicht ein, darf ich eben zwölf Monate lang keine Zeitung lesen, steht eh immer dasselbe drinnen: Koalitionsstreit, Neuwahlen, mal wieder jemand in den Keller gesperrt worden. Die Plakatwände auf der Straße, auf denen sich beispielsweise Deutschland und Österreich - obwohl die sich ja gar nicht mögen - mit Zunge küssen, lernt man ebenso zu ignorieren.
Was ich aber nicht ignorieren und noch viel weniger nachvollziehen kann als all die euphorischen Fußballfreaks, die man da an jeder Straßenecke, in der Arbeit oder in der Nachbarschaft findet, und die aus genau jenen Menschen Kapital schlagenden Werbemacher, ist der dieser Tage ausufernde, bald schon bedenkliche Neo-Patriotismus, dieser neu erwachte Nationalstolz, der seit Monaten das Land verseucht. Die ersten zwei, drei Autos mit Österreichflagge an der Antenne fand ich noch amüsant, den ersten Fahnenmasten im schmucken Eigengarten ebenso. Doch je weiter sich das Land der Euro näherte, umso häufiger bekam man die zwei roten Streifen und den weißen dazwischen zu sehen. Plötzlich war alles stolz auf das Land und hatte das Bedürfnis, das auch zu zeigen.
Als dann die elf Ösi-Clowns gegen die elf Piefke-Clowns rausgeflogen sind, war man noch stolzer, stolz darauf, ein Ösi und eben kein Piefke zu sein. Ich hingegen verstehe das alles nicht, nicht den Neo-Patriotismus, nicht den rot-weiß-roten Stolz, nicht diese kindische Länderfeindschaft. Ist es nicht scheißegal, hinter welcher Grenzlinie man geboren ist, und ist es nicht völlig nebensächlich, hinter welchen Grenzlinien irgendwelche Fußballtalente das Licht der Welt beziehungsweise das Einbürgerungsformular (was für viele Menschen geknebelt am Flughafen endet, ist für Spitzensportler meist die leichteste Übung) erblickt haben? Den am gestrigen Finaltag oft gehörten Satz "Mir egal, wer gewinnt, Hauptsache Spanien" kann ich unter all diesen Gesichtspunkten nur belächeln, in den symbolischen Mülleimer werfen und durch ein von Herzen kommendes "Mir egal, wer gewinnt, Hauptsache endlich vorbei" ersetzen.
H.C. Roth

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