Literatur-Kolumne #75?Es gibt keine Polizei ohne Zuträger.?
Wer einmal verdammt gute, düstere europäische Gangsterfilme sehen will, der sollte sich mal die von Jean-Pierre Melville besorgen. Die Cinemathek der SZ macht in ihrer Série Noire nun endlich einmal zwei Melville Filme auch dem deutschen Markt auf DVD zugänglich, als da wären ?Vier im roten Kreis? und ?Der Teufel mit der weißen Weste?. Auch wenn das jetzt eigentlich nicht in die Einleitung zu einer Literaturkolumne gehört, musste diese Werbung jetzt einfach sein, da ich a) ?Le Cercle Rouge? gestern Abend noch bei einer leckeren Flasche Weißwein gesehen hab und immer noch gefesselt von der Atmosphäre und besonders einem großen Alain Delon bin und b) Melvilles Charaktere in ihrer bewussten gesellschaftlichen Außenseiterrolle sowieso die passende Ergänzung zum Punkrockerleben sind. Und um jetzt eine Verbindung herzustellen, merke ich einfach mal an, dass der deutsche Schriftsteller Jörg Fauser bekennender Melville-Junkie war ... Alex Strucken literatur@ox-fanzine.de
Berichterstattung
Wer einmal wissen will, wie gut, pointiert und bissig deutscher Jounrnalismus sein kann, der besorge sich die Neusausgabe von Jörg Fausers ?Strand der Städte? ( 900 S., 39,90 Euro, alexander-verlag.com). Darin versammelt sind eben solche journalistischen Arbeiten von 1959-1987. Jessy Mehlfeldt berichtet in ?Harte (Be)Währung? (246 S., 11,95 Euro, teamofdestruction.de) von ihren Erlebnissen in der Fremde. Auf ihrem Zehnjahres Trip durch die Fremde lernte sie nicht nur zu sich selbst zu finden. In ?DanebenLeben? (160 S., 9,95 Euro, dtv.de) führt uns Jess Jochimsen auf einen Streifzug durchs städtische Hinterland (Verlagsinfo). In Fotografien und Kurzgeschichten zeigt er die Welt hinter den Hochglanzseiten auf, Storys aus Puffs, Kleingärten, Trinkhallen und Autohäusern. Der Verbraucher ist in Deutschland nicht sonderlich geschützt oder gut informiert. Dass dies besonders bei der Ernährung der Fall ist, weiß Thilo Bode und zeigt in ?Abgespeist? (256 S., 14,90 Euro, fischerverlage.de) auf, wie Konsumenten systematisch von der Lebensmittelindustrie betrogen werden und lässt auch die politischen Hintergründe dieser Zustände nicht außen vor.
Dylan, Cash und andere Mythen
Bob Dylan ist nicht nur Musikfans ein Begriff, auch die Literaten scheinen sich für ihn und seine Texte zu interessieren. So fand 2006 sogar ein Kongress statt, der dies zum Thema hatte. In ?Bob Dylan? (Hrsg.: Axel Honneth, 345 S., 12 Euro, suhrkamp.de) versammeln sich Vorträge, Plattentipps und eine Abschlussdiskussion. Jede Menge Informationen und Storys zur Musik Johnny Cashs bietet ?Johnny Cash - Story und Songs kompakt? (Peter Hogan, 9,95 Euro, bosworth.de). Laut Verlag der ?ultimative CD-Guide im Taschenbuchformat?. Ebenfalls bei Bosworth ist der zweite Teil der umfassenden Elvis-Biographie erschienen. ?Elvis Presley - Careless Love 1958-1977? (936 S., 24,95 Euro) von Peter Guralnick thematisiert seine Zeit nach der Army bis hin zu seinem Tod 1977. Tommasco Pincio dokumentiert einen anderen amerikanischen Mythos. In ?Die Außerirdischen? (264 S., 17,90 Euro, rogner-bernhard.de) erklärt er dem Leser, wie es zum Ufo-und-Alien-Wahn in den USA kommen konnte und führt ihn durch die kollektiven Illusionen der US-Nachkriegszeit.
Der blanke Horror
Mit der vermeintlich schönsten Zeit des Jahres beschäftigt sich das Hörbuch ?Holy Horror Christmas? (78 Min., 12,50 Euro, konkret-verlage.de). Versammelt sind die besten Geschichten aus der gleichnamigen Anthologie, die die kuriosen, lustigen und dramatischen Seiten des beliebten Fests thematisieren. Sarah Schmidt lässt uns in ?Bad Dates? (176 S., 12 Euro, verbrecherei.de) an eben diesen teilhaben und zeigt ein tragikomisches Panorama des (Neuköllner-) Alltags. Jetzt wird auch IRON MAIDEN die Ehre zuteil, einen großformatigen Bildband bei Schwarzkopf spendiert zu bekommen. ?IRON MAIDEN? (256 S., 49,90 Euro, schwarzkopf-schwarzkopf.de) von Ross Halfin beinhaltet ca. 500 Fotos der Gruppe, eine Einführung des Fotografen sowie ein Vorwort vom Bassisten der Band.
Punk und immer wieder Punk
Frank Apunkt Schneiders ?Als die Welt noch unterging? (384 S., 17,90 Euro, ventil-verlag.de) zeichnet die Entwicklung von deutschem Punk und Wave von 1978-1985 nach und beleuchtet dabei auch die verschiedenen Regional-, Fanzine- und Tapeszenen. Neben Klassikern wie DAF oder FEHLFARBEN treten auch diverse Underground-Acts auf. Sven Augsteins Roman ?Nachkriegsjugend? (338 S., 14,95 Euro, teamofdestruction.de) erzählt die Geschichte eines Punkrockers und Politaktivisten namens Ernesto Weiler, berichtet von Aktivitäten rund um ein AJZ, Konzerten, Faschisten und Besäufnissen. Jugendliche Fehltritte und fehlende Altersweisheit kommen auch noch vor. So mancher wird sich wiedererkennen. In ?Keep Your Eyes Open? (112 S., 30 Dollar, ak-press.org) versammeln sich die schönsten Fotos die Glen Friedman von FUGAZI schoss. Die knapp 200 Bilder dokumentieren die Karriere der Band auf und neben der Bühne zwischen 1986 und dem (vorerst) letzten US-Konzert 2002.
Häuserkampf, G8 und Anarchie in Mexiko
Räumung und Abriss des Kopenhagener JuZe ?Ungdomshus? zog weltweite Proteste nach sich und war nur ein Teil der versuchten Normalisierung der ?freien Stadt? Christiania. Vor diesem Hintergrund versuchen Peter Birke und Chris Larsen in ?Besetze deine Stadt!? (160 S., 14 Euro, assoziation-a.de) die Perspektiven von Freiräumen und Autonomie in modernen Boom-Towns zu beleuchten und zeigen die Strategien von Wirtschaft und Politik auf, diese Bestreben im Keim zu ersticken. Der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein versucht seit der Gründung, die Rechte von Protestbewegungen und DemonstrantInnen zu schützen und zu verteidigen. So auch beim vergangenen G8-Gipfel, der schon im Vorfeld mit Razzien, Verboten und genereller Kriminalisierung der Gegner einher ging. In ?Feindbild Demonstrant? (176 S., 10 Euro, s.o.) zieht der Anwaltliche Notdienst eine erste Bilanz der Gipfeltage und ihrer rechtlichen Konsequenzen. ?Oaxaca: Der lange Sommer der Anarchie? (160 S., 14 Euro, s.o.) von Gerold Schmidt thematisiert die Ereignisse um den Gouverneur Ulises Ruiz im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Hier entstand eine beispiellose soziale Massenbewegung gegen den Despoten, die sich in der anarchistischen Volksversammlung APPO aus verschiedensten Sektoren bündelte. Der Autor dokumentiert die Ereignisse und zeigt Verbindungen, Chancen und Nachwirkungen auf.
Medienfrauen und Popfeminismus
Herausgeberin Sonja Eisman versammelt in ?Hot Topic? (304 S., 14,90 Euro, ventil-verlag.de) Texte zu heutigem Feminismus in Pop, Boheme, Kultur und Gesellschaft. Die Autorinnen porträtieren Lebensrealitäten zwischen Abtreibung, Mutterschaft, Schönheitsterror und Exotinnendasein. In ihrem Roman ?Glasauge? (256 S., 19,80 Euro, tropen-verlag.de) erzählt Johanna Sinisalo die Geschichte einer Daily-Soap Autorin, die schnell Privates in ihre Figuren hineinbringt, was nicht nur tödliche Folgen hat. ?Zugleich das mitreißende Porträt unserer Mediengesellschaft, ein Roman über die verführerische und destruktive Kraft der Fiktion.? (Verlagsinfo).
Zwischen Comic, Wahn und Wirklichkeit
Guy Helmingers Erzählungen in ?Etwas fehlt immer? (268 S., 9 Euro, suhrkamp.de) berichten mit viel schwarzem, trockenem Humor von brutalen und komischen Abgründigkeiten. Die taz meint, eine Mischung aus Raymond Carver und Franz Kafka. Vier russische, fernsehhörige Losertypen spielen die Hauptrollen in ?Tötet den Schiedsrichter? 298 S., 8,95 Euro, kiwi-koeln.de) der Brüder Presnjakow und jobben als Parkplatzwächter, Scharfschütze im Atomkraftwerk oder Heiratsvermittler. Als eines Tages die russische Fußballnationalmannschaft im Finale der Europameisterschaft (sic!) steht und der Ausgleich durch den Schiri verhindert wird, beschließen die vier kurzerhand dessen Tod. Das aberwitzige Unheil nimmt seinen Lauf. Christian Gasser benutzt für seine Geschichten über Antihelden den Hintergrund des Comics. ?Blam! Blam! Und du bist tot!? (304 S., 16 Euro, edition-tiamat.de) handelt von Männern und Frauen, kleinen Jungs und Comic-Figuren die alle irgendwie mit der Realität hadern. Was passiert, wenn ein Trendforscher beschließt, nur noch die Wahrheit zu sagen, zeigt James P. Othmer in seinem Roman ?No Future? (368 S., 16 Euro, randomhouse.de). Futurologe Yates blendet seine Kunden, wo er nur kann ist Scharlatan und Fähnchen im Wind, bis er eines Tages die Schnauze voll hat und zu seinen Kunden gnadenlos ehrlich ist. Eine bissige Mediensatire.
Sünden und Illegale
Der Roman ?Geständnisse eines ungeübten Sünders? (256 S., 9 Euro, dtv.de) von Charles Simmons erzählt von einem jungen Protagonisten, der alle Lebensangebote der US-Gesellschaft auseinander nimmt. Da er Schriftsteller werden will, nimmt er lieber lausige Jobs an und vergnügt sich mit dem anderen Geschlecht. Bei Erscheinen schockierte der Roman die US-Bürger durch unverblümte Sexbeschreibungen und v.a. der Abrechnung mit der Religion. Hamid Skif thematisiert in ?Geografie der Angst? (128 S., 16 Euro, edition-nautilus.de) die Ängste, Nöte und Strategien eines illegalen Einwanderers, der sich in einer großen europäischen Stadt in einer Dachkammer versteckt hält. Die Netze der Einwanderungsbehörde und der Polizei ziehen sich immer mehr zu. Ein wegen seiner guten Tat selbstherrlicher und schließlich skrupelloser Helfer versorgt ihn mit Lebensmitteln, bis sich die Situation zwischen den beiden zuspitzt. Wie eine Vorhersage für die Festung Europa. |