DEUTSCHLANDWUNDERkittkritik (Hg.) Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur Buch | Ventil-Verlag | www.ventil-verlag.de/kittkritik.net | 240 S., 14,9 Euro || "Wir halten daran fest, dass es nach Auschwitz keine gemeinsame Geschichte für die Landsleute und die von ihren Altvorderen Geschundenen gibt." Mit dieser klaren Setzung endet die reichlich (kritische) Theorie beladene Einleitung dieses Bandes der achtköpfigen Herausgeberinnengruppe kittkritik, um in den folgenden zwölf Beiträgen "radikal gegen den Zeitgeist nationaler Schmusestimmung zu verstoßen", indem aktuelle Erinnerungsdiskurse zur neueren deutschen Geschichte in der (Pop-)Kultur auf den sonderbaren Begriff der "Vergangenheitsbewältigung" hin abgeklopft werden. Dafür bietet sich natürlich besonders eine Auseinandersetzung mit dem um das "Sommermärchen" von der WM 2006 neu erstarkte "Wir"-Gefühl an, das "gute Maß an Patriotismus bei aller Beachtung dessen, was in der Vergangenheit passierte", wie es der Innenverteidiger Metzelder so unsäglich dumm formulierte. Desweiteren wird der Selbstilisierung der Deutschen als Opfer in der Film- und Fernsehlandschaft nachgegangen, also mit Blick auf Filme wie "Der Untergang" oder "Dresden", die Jugendhörspiele TKKG werden genüsslich auf ihren reaktionären und allen Ressentiments dienenden Gehalt hin auseinander genommen und in der Gegenüberstellung des Aufsatzes zu Günter Grass' Autobiografie und dem zur Holocaustliteratur von Edgar Hilsenrath und Imre Kertész zeigt sich nachgerade, dass nahezu alle relevante deutschsprachige Literatur zum Holocaust, sei es Peter Weiss, Jurek Becker, Paul Celan, Nelly Sachs oder eben der unumgängliche, weil großartige Edgar Hilsenrath, die sich in der Tätersprache mit dem Täter- und Opferstatus sinnfällig auseinandersetzt, von jüdischen AutorInnen stammt und nicht von Waffen-SS-Angehörigen wie Günter Grass. Besonders interessant ist auch noch die Auseinandersetzung mit der Umdeutung der Geschichte in dem Kriegsspiel "Silent Storm" am Ende des Bandes. Insgesamt ein unumgänglicher Beitrag zum "Traum vom Postfaschismus" in der deutschen Kulturindustrie und über weite Strecken auch weitaus leichter lesbar, als die Einleitung das bei mir suggerierte. Chris Wilpert
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