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Literaturkolumne #76

Literaturkolumne #76

Einleitungen, die eigentlich überhaupt nichts zu sagen haben, sind überflüssig und vor allem langweilig. Und da ich gerade das Gefühl hab, Euch außer dem folgenden Geschreibsel gar nichts zu sagen zu haben, halte ich mich hier diesmal einfach mal kurz. Alex Strucken (literatur@ox-fanzine.de)

Deutschland, Faschos, German Angst
Seine turbulente Jugend zwischen Pop, Montagsdemos und Westfantasien zeichnet Sascha Lange in "DJ Westradio"
(202 S.,16,95, www.aufbau-verlag.de) nach. Ein witziges, nachdenkliches Stück Zeitgeschichte. "Deutschlandwunder" (Hrsg.: Kittkritik, 240 S., 14,90 Euro, www.ventil-verlag.de) thematisiert die (moderne) Verarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Pop, Film, Kultur und Fernsehen und verbindet dies mit der Öffnung der Jugend Richtung "Nation", skizziert so ein Bild eines postnazistischen Nationalismus. "Einwanderung im deutschen Alltagsdiskurs" (300 S., 25 Euro, www.unrast-verlag.de) untersucht anhand von Interviews über Einwanderung und angrenzende Themen bürgerliche Meinungsbilder und zeig auf, wie sehr dies Streitthemen rassistisch geprägt sind. Das die Deutschen ein Volk von Schissern sind, ist nicht erst seit gestern klar. Sabine Bode bezieht in "Die deutsche Krankheit" (288 S., 8,95, piper-verlag.de, ersch. Juni 2008) eben jenen Begriff auf das aktuelle gesellschaftliche und politische Klima.

Sonderlinge
Was passiert, wenn sich ein kleiner Ganove nach einem schiefgegangenen Ding auf dem Dach seiner Freundin verschanzt und sich mit dem Sheriff anlegt, zeigt John Griesemer in "Roy auf dem Dach" (240 S., 8,95 Euro, www.fischerverlage.de), nämlich ein verdammt absurdes Duell. In Matt Ruffs neuem Roman "Bad Monkeys" (256 S., 19,90 Euro, www.hanser.de) schickt er eine Mörderin ins Rennen, die behauptet, Mitglied einer Geheimorganisation zu sein, die das Böse bekämpft. Ihre Aussagen werden im Laufe des Verhörs dann immer verstörender, bis der Begriff Wirklichkeit zu verschwimmen beginnt. Ein leidenschaftliches "Sittengemälde der heutigen Schweiz" (Verlagsinfo) ist "Der Bandoneonspieler" (272. S., 22 Euro, www.rotpunktverlag.ch) von Vincenzo Todisco, in dem ein in der Schweiz gestrandeter Tangotänzer die Hauptrolle spielt. Der umstrittene, menschenhassende Literatur-Badboy Louis-Ferdinand Céline war nicht nur einer der Helden von Bukowski, sondern auch ein verdammt guter, harter Autor. Rowohlt porträtiert ihn in der Monographie "Louis-Ferdinand Céline" (160 S., 8,50 Euro, www.rowohlt.de) von Ulf Geyersbach.

Knietief im Schlamassel
Eine verquere Ehe, der Griff zur Flasche als Rückfall und schließlich eine flüchtige Wiederbegegnung mit einem Jugendfreund reichen, um Richard Segal komplett aus der Bahn zu werfen. "Hard Feelings" (304 S., 6 Euro, www.diogenes.ch) schmeißt einen New Yorker Computer Verkäufer zurück in seine schwärzeste Vergangenheit. Bei Ingvar Ambjörnsen findet sich ein Hamburger Immobilienmakler plötzlich mitten in einem Entführungsfall wieder und stellt schnell fest, dass er der Hautverdächtige ist. "Innocentia Park" (224 S., 8,95, wwww.fischerverlage.de) lässt die Hauptperson schnell an der eigenen Glaubwürdigkeit zweifeln. In Buenos Aires 1978, am Vorabend eines WM-Spiels stellt ein Journalist fest, dass vor seinem Haus ein paar komische Typen warten. Antonio Del Masetto zeigt Ängste und Paranoia im Argentinien der Militärdiktatur und verwandelt die Haupstadt in "Unten sind ein paar Typen" (152 S., 16 Euro, www.rotpunktverlag.ch) immer mehr in einen Ort der Bedrohung. In T.C. Boyles neuem Storyband lässt er seine Protagonisten von Katastrophe in Katastrophe tappen. Der Mensch macht in "Zähne und Klauen" (320 S., 19,90 Euro, www.hanser.de) eine eher traurige Figur.

Korpulente Amis und andere Waffennarren
Michael Moore mag manchmal etwas platt sein, hat nicht desto trotz meist recht. Kay Sokolowsky würdigt den Autor und Filmemacher in seinem Buch "Michael Moore"
(205 S., 7,95 Euro, www.aufbau-verlag.de). Moore hat zu Waffen in den USA und im allgemeinen eine eher kritische Haltung. Kyle Cassidy dokumentiert in seinem Bildband "Bewaffnetes Amerika" (112 S., 19,90 Euro, www.schwarzkopf-schwarzkopf.de) das spezielle Verhältnis des Amerikaners und seiner Knarre - lustige, schockierende und teilweise Furcht einflössenden Bilder.

Stars, Stars und noch mal Stars
Nicht nur Rockabillies und andere Autonarren, sondern auch Filmfans dürfte "Stars & Cars"
(200 S., 29,90 Euro, www.schwarzkopf-schwarzkopf.de) interessieren. Ein Fotoband, der "die Eleganz der großen Hollywoodstars mit der Ästhetik schöner Autos" (Verlagsinfo) verbindet. Nicht nur der Aggro Berlin-Proll von nebenan, auch Rock- und Popstars können wunderbar übereinander herziehen. In "You Bitch! You Bastard" (220 S., 14,90 Euro, s.o.) von Susan Black versammelt die schönsten Läster- und Pöbelzitate und berühmte Streitigkeiten in Musikwelt. U.a. mit OASIS, den STONES, Johnny Rotten und Courtney Love. Der Engländer Gered Mankowitz zählt zu den berühmtesten Rockfotographen der Welt. "Retrospective" (320 S., 49,90 Euro, s.o.) ist sozusagen eine Werkschau und beinhaltet großformatige Bilder von AC/DC, THE JAM, Suzi Quatro , MADNESS u.a. Greil Marcus nennt Nick Tosches Jerry Lee Lewis Biographie einen "amerikanischen Klassiker". Jetzt ist "Hellfire" (288 S., 16 Euro, edition-tiamat.de) wieder auf deutsch erschienen, und man kann sich das skandalöse Leben des alten Punkrockers auch ohne Englischkenntnisse zu Gemüte führen.

Terrorismus und kein Ende
"Terrorismus - Der unerklärte Krieg"
(600 S., 10,95 Euro, www.fischerverlage.de) von Bruce Hoffman gilt als Standardwerk zum internationalen Terrorismus und lässt dabei auch die Rolle der Medien nicht außen vor. Bei Fischer erscheint jetzt eine vollständig überarbeitete, aktualisierte Auflage. Der lächerliche und zugleich menschenverachtende "Krieg gegen den Terror" wird in der Anthologie "War with no end" (div. Hrsg., www.akpress.org) dokumentiert und kommentiert. Reportagen, Fakten und Fiktion zeigen die Manipulation der öffentlichen Meinung, die Beschneidungen der Bürgerrechte und die Notwendigkeit auf, die Gründe und Konsequenzen dieses ideologischen Krieges zu reflektieren. Chris Abbott, Paul Rogers und John Sloboda stellen in "Jenseits des Terrors" (96 S., 10 Euro, www.edition-nautilus.de) klar, was die Welt wirklich bedroht. Nämlich vielmehr Klimawandel, Kampf um Ressourcen, Militarisierung und kranke Sicherheitspolitik. Der beschworene internationale Terrorismus ist für die Mächtigen eben vor allem auch ein guter Vorwand und willkommene Ablenkung.

Große Streiks und große Männer
Klassenkampf wäre mal wieder ganz schön. In Buchform befasst sich damit "Die großen Streiks
(280 S., 16,80 Euro, www.unrast-verlag.de) von Holger Marcks und Matthias Seiffert (Hrsg.). Beleuchtet wird der organisierte Arbeitskampf des 20. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Phasen und Formen. Auch das andauernde Spannungsverhältnis zwischen Basis und Gewerkschaftsführung kommt nicht zu kurz. Stuart Christie wurde wegen Sprengstoffschmuggel inhaftiert, die Bomben waren für einen Anschlag auf Francisco Franco gedacht, er war in Stadtguerillagruppen und Mitbegründer von Anarchist Black Cross und dem Black Flag Magazin. In "Granny Made Me An Anarchist" (19,95 Dollar, www.akpress.org)

Speed, Weed und Doping
Ob als Leistungssteigerung bei Soldaten oder einfach als Abgehdroge, Amphetamin ist allgegenwärtig und auch szeneintern bei einigen alles andere als unbeliebt. "Speed"
(192 S., 16 Euro, www.edition-nautilus.de) von Hans-Christian Dany beleuchtet die Geschichte der Droge, ihre Wirkungsweise, Verbreitung und den Einfluss auf Künstler wie Sartre oder Warhol. Auch gute Gründe nüchtern zu bleiben, werden nicht außen vor gelassen. Wer's drogentechnisch gern etwas langsamer mag, liest vielleicht "Rauschzeichen" (176 S., 7,95 Euro, www.kiwi-kolen.de) von Steffen Geyer und Georg Wurth. Sie behandeln Cannabis in allen Formen, Historik des Rauschmittels, Verwendung in der Medizin, die Frage der Legalisierung und selbstverständlich auch positive und negative Wirkungsweisen. Diedrich Diederichsen steht auf was anderes. Sein "Eigenblutdoping" (256 S., 9,95 Euro, www.kiwi-koeln.de) behandelt die letzten Jahrzehnte Gegenwartskunst und Popkultur, Underground und dessen Benutztwerden durch den Mainstream, Kunsthype und neoliberale Zwänge.

Der letzte Rest
Charlotte Roches Debütroman "Feuchtgebiete"
(220 S., 14,90 Euro, www.dumontliteraturundkunst.de) handelt von einer 18jährigen, die nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus landet und die Innere mit ihrer speziellen, humorvollen und offenen Art aufmischt. Roche schreibt gegen "Hygienehysterie und die sterile Ästhetik der Frauenzeitschriften, gegen den standardisierten Umgang mit dem weiblichen Körper und seiner Sexualität" (Verlagsinfo). Ramón Chao ist Vater des Sängers Mano Chao. In seinem Buch "Ein Zug aus Feuer und Eis" (240 S., 15,90 Euro, www,edition-nautilus.de) begleitet er seinen Sohn und dessen damalige Band Mano Negra in einem selbst aus Schrottteilen gebauten Zug (sic!) auf Kostenlos-Tour durch das ländliche Kolumbien - begleitet von Entgleisungen und Zusammentreffen mit Bauernfamilien, Drogendealern und Guerilleros. Ein A&R Manager einer großen englischen Plattenfirma, den statt der Musik vor allem der schnelle Hit interessiert, sieht sich im Blair-Zeitalter mit einer neuen Arbeitsmoral konfrontiert und schaltet eiskalt seine Konkurrenten aus - Drogen, Gewalt und tiefe Abgründe. "Kill Your Friends" (352 S., 12 Euro, www,randomhouse.de/heyne) bewegt sich in der Tradition von bspw. "American Psycho".

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