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Hardcore-Punk als Lebensentwurf - Trust-Kolumnen 1986-2007

Dolf Hermannstädter , Buch, Mox & Maritz, www.moxundmaritz.de, 308 S., 15,80 Euro

Bis jetzt, da ich diese Zeilen in die Tastatur hämmere, bin ich mir noch nicht sicher, wie ich mit diesem Buch umgehen soll. Es handelt sich, soviel entnimmt man schon dem Untertitel, um alle Kolumnen, die Trust-Herausgeber Dolf seit der ersten Ausgabe geschrieben hat. Über 125 Ausgaben später ist da reichlich Text zusammengekommen, und heute, da jeder zu jedem Thema ein Buch herausbringt, macht auch dieses hier irgendwie Sinn. Das Trust, daraus mache ich kein Geheimnis, war neben dem Maximumrocknroll seinerzeit Hauptinspiration dafür, das Ox zu machen, und bis heute ist Dolf jemand, mit dem ich mich, so man sich denn mal trifft oder spricht, sehr interessant unterhalten kann - und ich habe den Eindruck, dass wir in sehr vieler Hinsicht übereinstimmen, eben was das "Musikgeschäft", die sogenannte Szene, Fußball, Vegetarismus und Religion anbelangt. Aber eines trennt uns: Dolf behauptet bis heute, nicht von seinem Fanzine zu leben, rühmt sich dieser "Unkommerzialität", lässt sich stattdessen von einem Mitarbeiter tausende Euro spenden (siehe S. 281), um knappe Zeiten zu überbrücken, ereifert sich ständig und seit über 20 Jahren (und oft auch zu Recht) über unangenehme Auswüchse der Punk/Hardcore-Kommerzialisierung, grämt sich, wie hier nachzulesen, über CD-Beilagen von Fanzines - und macht bis heute ein großes Geheimnis darum, wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Vor diesem Hintergrund, in Kenntnis von Dolfs Ideen und Ansprüchen und angesichts der Widersprüche, die das Trust als heute dienstältestes hiesiges Fanzine (auch durch seinen Herausgeber!) verkörpert, bleibt bei mir nach dem Lesen seiner gesammelten Werke (zum Heft selbst trägt Dolf lange schon keine Interviews und Reviews mehr bei) der Eindruck eines mit reichlich Steinen bewaffneten Glashausbewohners.
Was nun das Buch konkret betrifft: Das Vorwort sollte man schnell überblättern, da hätte man sich kundige Worte alter, früher Wegbegleiter gewünscht, und Ian MacKayes Interview mit Dolf,wohl per Chat geführt, lässt mehr Fragen offen als beantwortet werden - das hätte gut werden können, ist es aber nicht. Ein des Deutschen mächtiger, mit Dolfs Kolumne vertrauter Gesprächspartner wäre da sinniger gewesen. Und dann 300 Seiten lang Kolumnen. Nun, mich hat das interessiert, aber ich bin denkbar nah dran, auch an der Szene, aus der das Trust entstand, ich kenne den Kontext der Entstehung, doch ohne dieses Hintergrundwissen? Da bleibt nur ein Textkorpus für Studenten, die zur Geschichte des Hardcore in Deutschland eine Diplomarbeit schreiben, denn Dolf hat eines nicht getan, was unbedingt angebracht gewesen wäre: Er hätte seine Kolumnen (im besten Sinne über "Gott und die Welt", ein breites Themenspektrum abdeckend) kommentieren müssen, die Hintergründe erläutern, reflektieren! Dann wäre hieraus ein lesenswertes Buch geworden, denn es ist spannend, was sich aus der kleinen Szene von damals entwickelt hat, welche Entwicklungen angeschoben wurden, was wann wo schief lief, wie Dolf so manche Kolumne bzw. ihren Inhalt rückblickend sieht. Das fehlt, diese Chance wurde versäumt, und so ist dieses Buch rudimentär, interessant eigentlich nur für ehemalige und Noch-Leser/innen des Trust.
Joachim Hiller

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