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PUNK PIONEERS: WHEN PUNK WAS FUN

Jenny Lens, Buch, Rizzoli Universe Publ., 208 S., $29.95, www.jennylens.com

Bebilderte Bände zur Geschichte verschiedener lokaler Entwicklungen des US-Punkrocks gibt es mittlerweile zu Hauf. Viele Fotos und die Anekdoten dazu wiederholen sich jedoch gelegentlich. Die Photographin Jenny Lens gehörte zu den ersten, die bereits 1976 alles, was damals unter dem Punk-Label die Gegend um Los Angeles betourt hat, mit ihrer Kamera einzufangen wusste. Erst jetzt ist ihr erstes Buch erschienen. "Punk Pioneers" enthält zwar einige bekannte, aber deutlich mehr neue und lebendige Beschreibungen aus der Anfangszeit insbesondere des US-Westküstenpunks. Ich denke, wenn man dieses Buch mit Bildbänden zum selben Thema vergleicht, die heute berechtigterweise als Klassiker gelten (z.B. "Hardcore California" oder "Punk '77"), dann setzt "Punk Pioneers" an Information und Bildmaterial noch einiges drauf. Es sind zum einen die noch nicht (zu oft) gehörten Geschichten und Zusammenhänge der (insbesondere) L.A. Szene von 1976-80, zum anderen auch die Alltagsphotos von Aktivisten und Bandmitgliedern, die dieses Buch anschaffenswert machen.
Wer also ein kleines bisschen das Als-ob-ich-dabei-gewesen-wäre-Gefühl für diese Zeit und diese Region kriegen will, der könnte beim Studium dieses Bandes fündig werden. Jenny Lens' Sammlung besticht dadurch, dass sie nicht nur viele unbekannte Photos von bekannten (und natürlich auch relativ unbekannten) Musikanten aus dem Punk-Umfeld und darüber hinaus vorstellt, sondern dass diese oft in scheinbar ganz unspektakulären Alttagssituationen eingefangen werden. Ich meine, VAN HALEN (ja, VAN HALEN), in deren Vorprogramm viele der frühen L.A. Punkbands zum ersten Mal auf die Bühne durften, selbst irgendwo auf offener Straße als Punker verkleidet (?), da kann einem schon mal ein bisschen zum Schmunzeln zu Mute werden. Punk in L.A. schien also ursprünglich eine ganz eigene Attraktivität für Vertreter verschiedenster Musikstile zu haben. Schade, dass davon so wenig übrig geblieben scheint.
Und Joey Ramone zu fotografieren, als er gerade pitschepatschenass aus dem Swimming Pool entstiegen ist aber weiterhin stoisch seinen Ich-gehör-hier-nicht-hin-Blick drauf hat, das sieht man sich doch gerne an. Oder hat schon mal jemand Johnny Ramone breit Lachen gesehen? Lens hat es festgehalten, nachdem die Ramones 1976 zum ersten Mal in L.A. gespielt hatten (angeblich besaß vor Veröffentlichung dieses Photos noch nicht mal die Witwe von Herrn Ramone ein Foto, auf dem er lacht).
Durch die Farbenpracht vieler Fotos wird zudem ein weiteres mal deutlich, dass die Westküstenvariante des Punks mit seinen einfallsreichen Bühnenshows und originellem Outfit (oft mit einfachsten Mitteln hergestellt) schnell einen eigenen Stil entwickelt hat, der sich angenehm von europäischen Vorbildern der Zeit absetzt. Schaut man sich allein auf den Fotos das erfrischend schrille Erscheinungsbild von Bands und Publikum an, dann fragt man sich schon, warum New York oder der uniforme Brit-Punk so bald für Punkklamotten und vieles, was danach kam, Vorbild waren. Zudem scheint Lens irgendwie alles fotografiert zu haben.
Dazu gehört z.B. der Moment als die GERMS ihren ersten Gig mit Kollegen eintüteten (genau, dieses unerträgliche Konzert vom Juni 1977, das in 100 verschiedenen Bootlegvarianten schon viel zu viele Zuhörer genervt hat). Dank Lens wissen wir auch, dass der wilde Darby Crash a.k.a. Bobby Pyn auch mal wie ein kleiner Junge unschuldig gähnend und offensichtlich frierend in der Gegend herumstehen konnte. Ist doch trivial, kann man da sagen. Klar, ist es, aber es sind genau solche Bilder, die einem dieses Gefühl vermitteln, dass man auch dabei hätte sein können und dass es vielleicht auch heute noch möglich sein sollte, mit einfachen Mitteln etwas loszutreten. Sicherlich, man muss solche Bilder und die Geschichten dazu mögen und darf sie nicht als irrelevante Rückwärtsgewandtheit für Punk-Opas betrachten (was eine legitime Sichtweise wäre). Aber wenn man z.B. nur mal ein bisschen wissen will, woher und wann eigentlich Madonna (ja, Madonna) ihre Ideen für Bühnendessous (und andere "Ur-Punk Etiquette") her hat, für den ist dieses Buch genau das richtige. Kurzum, "Punk Pioneers" gehört zum Besten, was bis jetzt über die Geschichte des US-Punks in Druckform erschienen ist.
Matthias Groß

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