SATAN, KANNST DU MIR NOCH MAL VERZEIHEN Anna Hahn/Frank Willmann, Buch, Ventil, www.ventilverlag.de, 176 S., 11.90 Euro
Dieter "Otze" Ehrlich war der Kopf der legendären DDR-Punkband SCHLEIMKEIM, die von 1979 bis 1996 aktiv war. Den Kultstatus, den Otze mit SCHLEIMKEIM erhielt, verdankte er der sagenumwobenen Split-LP mit der Band ZWITSCHERMASCHINE, veröffentlicht 1983 beim Westberliner Label Aggressive Rockproduktion. Diese Platte sollte Otzes Leben maßgeblich verändern. Auch wenn die produktive Schaffensphase von SCHLEIMKEIM bereits Ende der achtziger Jahre abgeschlossen war, wurden Otze & Band noch lange nach der Wiedervereinigung in Ost- und Westdeutschland gefeiert, auch wenn man nur zwei Mal in den alten Bundesländern aufgetreten ist. Seit Veröffentlichung der Split-LP wurde Otze immer wieder wochen- und monatelang von der Staatssicherheit in Untersuchungshaft genommen. Nach der Wende ging es mit Otze persönlich bergab. Zwar wurden jetzt die Aufnahmen von SCHLEIMKEIM auf CD und LP gewürdigt, jedoch fand Otze nicht mehr in seine frühe musikalische Form zurück, so dass er in eine schwere Krise geriet, die er mit allerlei Drogen zu kompensieren versuchte. Als dann auch noch seine Mutter starb, verlor er seinen letzten Fixpunkt. Wie und warum es 1999 zur Eskalation mit seinem Vater kam, der dadurch tödlich verletzt wurde, weiß niemand. Längst schwer polytoxisch abhängig wurde Otze bis zu seinem Tod am 23. April 2005 in einer geschlossenen forensischen Einrichtung untergebracht. Herzversagen lautet die amtliche Erklärung. Anne Hahn und Frank Willmann haben für ihr Buch "Satan, kannst du mir noch mal verzeihen" Zeitzeugen interviewt, deren Aussagen konträrer nicht hätten sein können. Selbst aus Stasiakten wurde recherchiert. Im zweiten Teil des Buches werden die einzelnen Rollen von Dieter "Otze" Ehrlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Ergänzt werden diese durch Originalzitate von Otze aus frühen Interviews. SCHLEIMKEIM bedeutete Anarchie, Arbeitsverweigerung, Leben, Rohheit, Poesie und totale Ablehnung dieser Gesellschaft, gleich ob DDR oder Bundesrepublik. Eine besondere Straßenromantik, die heute noch von vielen jungen Punks (phasenweise) gelebt wird, die sich mit dem SK-Logo schmücken, scheint Otze vererbt zu haben. Sein Zufluchtsort war seine Mutter in Stotternheim bei Erfurt. Von ihr ließ er sich immer wieder aufpäppeln. Hier konnte er sich von seinen exzessiven Phasen regenerieren. Otze war Vollblutpunk auf seine ganz eigene Art und Weise. Diese Biographie ermöglicht dem/r Leser/in einen Einblick in die Punkbewegung in der DDR. Selbst hier war die Staatssicherheit zugegen, um an Informationen über Punk und die offene kirchliche Arbeit, ohne die es Punk in dieser Form in der DDR sicher nicht gegeben hätte, zu gelangen. Im letzten Teil des Buches ist das letzte Interview mit Otze aus dem Jahr 1998 nebst Diskographie von SCHLEIMKEIM abgedruckt. Unterm Strich erhielt ich eine ernüchternde Bilanz über das gescheiterte Leben eines talentierten Künstlers, der sich durch Drogenmissbrauch selbst ausknipste. Simon Brunner
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