HIHODie abenteuerliche Flucht eines Ex-Terroristen Michael "Bommi" Baumann, Buch | Panama Publications | panama-publications.de | 224 S., 16,90
Bommi Baumanns erstes Buch "Wie alles anfing" wurde mir von meiner Mutter im Alter von 13 oder 14 auf einem Bücherbasar der katholischen Kirchengemeinde, deren Mitglied ich gezwungenermaßen war, gekauft. Ich weiß bis heute nicht, warum sie das tat, oder warum überhaupt da jemand ein Publikation des erzlinken Rotbuch-Verlags anbot. Keine Erinnerung habe ich daran, wie ich das Buch auffasste, aber seitdem steht es in meinem Bücherreal und der Name ist mir ein Begriff - und sollte es auch jedem anderen sein, der sich mit linker Politik in Deutschland beschäftigt. Baumann, heute über 60 und als Rentner in Berlin lebend, kam in den Sechzigern eben dort mit der Studentenbewegung und der Kommune I in Kontakt, wurde politisch immer radikaler, und nach der Erschießung von Benno Ohnesorg erschien ihm auch Gewalt gegen Sachen als Mittel der politischen Auseinandersetzung legitim. Baumann, der im Gegensatz zum Großteil seines Umfeldes kein Student war, sondern Bauarbeiter, schloss sich dem "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen" an (deren Flyer aussahen wie eine Vorwegnahme der Chaostage-Flugis zehn Jahre später) und schließlich der Bewegung 2. Juni, die sich später der RAF anschloss. Da war Baumann allerdings längst raus: 1972 floh er gen Syrien, Iran, Afghanistan und Indien, schrieb sein erstes Buch "Wie alles anfing" und in dem er seinen Werdegang zum Stadtguerillero beschreibt. Das bei Trikont erschienene Buch wird verboten und erst später wieder frei zugänglich, Baumann ist unterdessen weiter auf der Flucht und wird 1981 von BKA-Zielfahndern in London verhaftet. Fünf Jahren Knast sind die Folge, und einen Teil dieser Zeit nutzt er , um sein zweites Buch zu schreiben, vorliegendes "HiHo". Das erschien 1987 beim Hofmann und Campe, und 20 Jahre später gibt es nun eine Neuauflage, die im Doppelpack mit dem ersten Buch und dem heue umfangreichen Hintergrundwissen um die damalige Zeit äußerst lesenswert ist - auch vor dem Hintergrund der Entdeckung, dass der heldenhafte Baumann, als der er sich in seinen Büchern auf liebenswerte Weise darzustellen vermag, 1973 bei der Stasi umfangreich ausgepackt hat. Wie dem auch sei, Baumanns Buch darf man nicht allein im Lichte möglicherweise fragwürdiger Selbstdarstellung der Geschichte des bewaffneten, linken Kampfes sehen, interessant wird es vielmehr dadurch, dass es vor allem ein spannender Reisebericht ist. Wie schon eingangs erwähnt hielt sich Baumann damals sehr viel in Indien, Pakistan und Afghanistan auf, und was er dort beobachtete, Jahre später dann ganz subjektiv aufschrieb, finde ich höchst interessant im Hinblick auf den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, den Versuch des "Nation-Building" dort, den "Anti-Terror"-Kampf der USA in der Grenzregion zu Pakistan. Baumann bereiste diese Gegenden zu einer Zeit, als sie noch leidlich friedlich waren, als die Hippies und nicht die Taliban das Stadtbild von Kabul prägten, er lebte dort, und seine Beoachtungen des Verhaltens der Menschen dort half mir ungemein dabei zu verstehen, dass weder die afghanische noch die die pakistanische Regierung und schon gar nicht die US-Armee jene Gegend der Welt, in der sich Taliban und angeblich Bin-Laden verstecken, jemals unter Kontrolle bekommen werden. Baumann ist ein wirklich guter, unterhaltsamer Erzähler, die Welt der Kleingewerbe treibenden Aussteiger auf dem Hippie-Trail kannte er bestens, und man weiß nicht, ob man diese Aussteiger-Bohême oder die archaischen Clans im Bergland befremdlicher finden soll. Baumann schafft es dabei immer, sich als smartes Schlitzohr darzustellen, der sich in der Illegalität eingerichtet hat und sich durchzuschlagen weiß - und der Polizei immer wieder knapp entkommen kann. Nur am Schluss nicht, in London, wo er Zielfahndern des BKA in die Falle geht. Apropos London: Hier kommt die Punk-Relevanz des Buches ins Spiel, denn Baumann, obwohl ein ganzes Stück älter als die Punks, erkennt sich in denen wieder, verkehrt in entsprechenden Kreisen und trägt so auf ein paar Seiten des Buches auch zur Punkrock-Geschichtsschreibung bei. Ein spannendes, absolut lesenswertes Buch, dem man aber ruhig ein paar erläuternde, kritische Seiten hätte hinzufügen können. Joachim Hiller
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