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Literaturkolumne #79

Neue Wohnung, neue Bücher

Seit ich in diesem Hinterhof wohne, ist alles Idylle. Zumindest immer öfter mal in meinem Kopf. Ich habe vergessen, in welcher Stadt ich wohne. Ich sitze täglich draußen, esse, trinke, rauche, lese draußen. Irritiere fast alle Nachbarn, die es bis jetzt wohl nicht gewohnt waren, dass sich so viel Leben im Freien abspielt und sich plötzlich kahlrasierte Frauen auf Decken vor den Anwohnerautos sonnen oder ihre Unterwäsche nach dem spontanen Baggerseebesuch zum Trocknen in die Sonne hängen. Ich kann nur über die irritierten Blicke grinsen und lehne mich zurück. Auch von dem Wohnheim für Suchtkranke direkt gegenüber habe ich bisher nicht viel mitgekriegt. Ich habe mal wieder gelernt: Es geht nicht darum, wie du stirbst, sondern wie du dein Leben lebst.
Alex Strucken (literatur@ox-fanzine.de)


Hartgekocht in Crimecity
Um politische Intrigen, Verstrickungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen und einem Wahlkampfmanager, der gemeinsam mit einem Starreporter auf das alles stößt, geht es in dem wiederaufgelegten "Teufels Küche" von Thomas Ross (356 S., 12,90 Euro, www.alexander-verlag.com). Auch Herausgeber Gary Phillips hat für "Politics Noir" (16,95 Dollar, www.akpress.org) Stories rund um Korruption, Gier und Mord in den höchsten Etagen versammelt. Pulp Masters neues Pferd im Stall heißt Thor Kunkel. Sein "Kuhls Kosmos" (13,80 Euro, www.pulpmaster.de) dreht sich um einen mysteriösen 19jährigen, der sich eine Villa in Nassau anmietet - laut Verlag eine "bitterböse Comig-Of-Age Story.". In der Hardcase Crime-Reihe ist soeben der letzte, bisher unveröffentlichte Roman vom alten Bad Boy Mickey Spillane erschienen. "Das Ende der Straße" (228 S., 9,90 Euro, www.hardcasecrime.de) schickt einen Ex-Cop ins Rennen, der seit 20 Jahren den Tod einer Freundin erforscht und mehr Fragen als Antworten findet.

Festival-Leben
"Join Together" (296 S., 24,95 Dollar, www.backbeatbooks.com) von Marley Brant dokumentiert 40 Jahre Rockfestivals, ob das verlauste Woodstock, Liveaid oder die Warped Tour. Es geht um Schlamm, Drogen und Musik und auch mal hinter die Kulissen. Neben einer guten Portion Undergroundschreibe diverser Autoren sind in "Grind The Nazi Scum - Das Buch" (190 S., 11,95 Euro, www.teamofdestruction.de) auch jede Menge Fotos des gleichnamigen Festivals enthalten.

Biographien und Fotografien
Der olle G'n'R Gitarrenheld Slash verewigt sich jetzt also auch mit einer Autobiographie. Das fantasievoll betitelte "Slash" (500 S., 24,90 Euro, www.rockbuch.de) verspricht jede Menge Rockklischees, Selbstzerstörung und Insiderinfos. "Bob Dylan -Real Moments" (160 S., 49,90 Euro, www.schwarzkopf-schwarzkopf.de) ehrt, wie nicht unschwer zu erkennen, den alten Folkbarden und zwar in Form eines großformatigen Bildbandes mit über hundert Fotos. Kay Sokolowsy zeichnet in "Michael Moore" (205 S., 7,95 Euro, www.aufbau-verlag.de) den Werdegang des (fast) allseits beliebten amerikanischen Filmemachers nach. In "Die vielen Leben des Tom Waits" (24,95 Euro, www.bosworth.de) versucht Patrock Humphries Licht in das von Legenden umwobene Leben des grummeligen Poeten zu bringen. Ergänzt wird der Überblick über Leben und Musik durch eine vollständige Disko- und Filmographie.

Punk, Rock und noch mehr Musik
Dass die Musikszene des Ostens durchaus sehr lebendig war und die Bands nicht nur als Ersatz für Westgruppen angesehen wurden, zeigt Joachim Bornschein in "Es brennt der Wald - Die Rockszene im Ostblock" (256 S., 19,90 Euro, www.rotbuch.de). Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann liefern in dem zweiteiligen "Rocklexikon" (je ca. 1100 S., 16,95 Euro, www.rowohlt.de) Fakten, Daten und Hintergründe zu 50 Jahren Rockmusik: Von Blues bis Grunge, Jazz bis Hypes, von LoFi bis hin zu den dazugehörigen Szenen. Frank Wonneberg hat sich bemüht, mit "Labelkunde Vinyl" (520 S., 99 Euro, www.schwarzkopf-schwarzkopf.de) ein Standardwerk für den Plattenliebhaber rauszubringen, der allerdings über einen dicken Geldbeutel verfügen muß, um sich das Ganze leisten zu können. Dann erfährt er aber jede Menge über Schallplattenfirmen und ihre Marken, zugehörige Stammbäume und Lizenzvereinbarungen, Matrizen und Schallplatten. "Subversive Zeiten - Die Crass Story" (24,95 Euro, www.bosworth.de) von George Berger erzählt die Geschichte der einflussreichsten Anarchopunkband. Nicht nur die Mitglieder kommen zu Wort, auch viele der verwendeten Bilder sind erstmals veröffentlicht. Bryan Ray Turcotte dokumentiert in "Punk Is Dead:Punk Is Everything" (39,95 Dollar, www.akpress.org) den weltweiten Einfluss von Punk auf die visuelle Kultur. Neben über 1500 Abbildungen von Flyern, Fotos oder Setlists kommen auch Autoren wie Kid Kongo, Duane Peters oder Pat Smear zu Wort. "Psychotische Reaktionen und heiße Luft" (Hrsg.: Greil Marcus, 340 S., 18 Euro, www.edition-tiamat.de) schließlich versammelt die besten Reportagen und Kritiken des US-Rockkritikers Lester Bangs über Elvis, die TROGGS, Richard Hell oder SHAM 69.

Guevara en masse
Über Guevara ist ja schon eine Menge geschrieben worden. Gerd Koenen versucht nun in "Traumpfade der Weltrevolution" (450 S., 24,95 Euro, www.kiwi-koeln.de) die kubanische Revolution und das Wirken von Che im allgemeinen in das damals aktuelle weltpolitische Klima einzuordnen und vernachlässigt auch nicht das heutige Verhältnis der USA zum Rest der Welt. Passend dazu auch bei Kiwi neu aufgelegt, sind die Tagebücher Guevaras, die er während seiner Aufenthalte auf Kuba und in Bolivien schrieb (je ca. 250 Seiten, 8,95 Euro).

Jede Menge Tipps
Eine Art Werkzeugkoffer für den geneigten Politaktivisten stellt "Reproduce and Revolt!" (19,95 Dollar, www.akpress.org) von Favianna Rodriguez und Josh MacPhee dar. Enthalten sind über 300 Vorlagen für Schablonen, Plakate oder Flyer. Ergänzt wird das Buch durch eine kurze Geschichte der Politgrafik und ein kleines Archiv mit Flyer- und Posterabdrucken. "Tipps und Tricks für Antifas - reloaded" (Hrsg.: Autorenkollektiv, 80 S., 4 Euro, www.unrast-verlag.de) informiert übers Zeitungsmachen, Demos, Organisation von Veranstaltungen und alles weitere, was einen in der täglichen Antifa-Arbeit begegnet. Das "Handbuch der Lebenskunst" (320 S., 19,90 Euro, www.edition-tiamat.de) von Raoul Vaneigem zählt als Klassiker der Politliteratur. Radikal und subjektiv kritisiert er darin Entfremdung in Politik, Kultur und Alltagsleben und setzt dem eine Perspektive aus Selbstbestimmung und Kreativität entgegen.

Bittersüße Heimat Türkei
Izzet Celasins "Schwarzer Himmel, weißes Meer" (336 S., 19,95 Euro, www.kiwi-koeln.de) erzählt die Geschichte eines jungen Türken, der Ende der 70er in Istanbul in die politischen Wirren und die Studentenbewegung gerät und aus dem vorgefertigten Leben ausbricht. Für "Bittersüße Heimat" (176 S., 16,95 Euro, www.kiwi-koeln) ist Necla Kelek weit durch die Türkei gereist und zeigt ein Land voller zerrissener Mentalitäten und politischer Widersprüchen, Schönheit und Geschichtsträchtigkeit.

Illegale Einwanderer und Neokonservative
Gerda Heck zeigt in "Illegale Einwanderung" (ca. 280 S., 24, Euro, www.unrast-verlag.de) die Konstruktion dieses Begriffes und die Mechanismen, die dahinter stecken. Im Mittelpunkt stehen dabei die staatlichen Akteure, Kritiker wie "Kein Mensch ist illegal" und natürlich die Migranten selbst. Herausgeber Simon Geissbühler lässt in "Der amerikanische Neokonservatismus und die Außenpolitik der USA" (216 S., 24,90 Euro, www.lit-verlag.de) fünf Experten zu Worte kommen, die Versuchen diese Strömung und ihren Einfluss zu erklären und zu analysieren. Ebenso kommen fünf neokonservative Publizisten zu Wort, die ihre kontroversen Thesen in die Diskussion einbringen.

Diverse Jugendliche
Einen letzten Sommer hat Art noch, bevor er laut seinem Vater erwachsen werden soll. Doch vorher schliddert er in Michael Chabons "Die Geheimnisse von Pittsburgh" (304 S., 8,95 Euro, www.kiwi-koeln.de) nicht nur in eine Dreiecksecksbeziehung und diverse Feste, da ist auch noch ein ständig besoffener Biker, der etwas mehr über Art weiß als seine exzentrischen Freunde. In "Dog Star" (220 S., 19,90 Euro, www.lilienfeld-verlag.de) schickt Donald Windham im Atlanta der 30er Jahre einen vom Leben gebeutelten 15jährigen Jugendlichen durch Erziehungsanstalten, die heißen Straßen des amerikanischen Südens und schließlich bis in die Selbstauslöschung.

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