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KRAUTROCK: UNDERGROUND, LSD UND KOSMISCHE KURIERE

Henning Dedekind | Hannibal | www.hannibal-verlag.de | 312 S., 24,90 Euro

So richtig viel Literatur über Krautrock gibt es ja nicht, sieht man mal von Julian Copes "KrautRockSampler" ab, ein nicht ganz unumstrittenes Werk, höchst subjektiv und, wie böse Zungen behaupten, zum größten Teil geprägt vom früheren exzessiven Drogenkonsum des Autors und Musikers. Aber da Krautrock in letzter Zeit wieder in aller Munde ist, tut ein echtes Standardwerk Not, an dem sich jetzt Henning Dedekind versucht hat. Der ist kein Novize in Sachen Musik-Literatur, aber zu jung, um Krautrock selbst miterlebt zu haben, was manchmal ein Vorteil ist, denn so bleiben einem in seinem Buch drogenumnebelte Exkurse wie bei Herrn Cope erspart. Sein Buch ist allerdings weit davon entfernt, allumfassend zu sein, denn auch Dedekind kann Krautrock nur in Teilaspekten hinsichtlich der involvierten Musiker erfassen, und so wird jeder je nach persönlicher Ausrichtung ihm wichtige Personen vermissen, wie etwa Klaus Schulze, der nur ganz am Rande erwähnt wird, aber das ist bei solchen Werken ja keine Seltenheit. Dafür gelingt es Dedekind umso besser, die Entwicklung dieser originären Bewegung deutscher Rockmusik aufzuarbeiten, ebenso wie ihre sinnvolle Einordnung in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, was äußerst faszinierend ist, zumal Krautrock ja nicht nur musikalisch sondern auch vermarktungstechnisch eine starke Independent-Ausrichtung besaß, wodurch etwa ein Vertrieb wie EFA abseits der Großkonzerne überhaupt erst entstehen konnte. Hinzu kommen interessante technische Aspekte, denn in den späten 60ern und frühen 70ern veränderte sich populäre Musik durch Einsatz synthetischer Instrumente recht drastisch, die der Experimentierfreudigkeit vieler im Krautrock-Kontext auftauchenden Bands natürlich sehr entgegenkam, wenn sie nicht bereits ihre normale Instrumentierung selbst modifiziert hatten. Und damit das alles nicht zu trocken wird, gibt es auch immer wieder Originalzitate beteiligter Musiker, wobei man natürlich noch viel mehr Leute zu Wort kommen hätte lassen können. Hinzu kommt ein Anhang mit einer Auflistung der wichtigsten Bands und ihrer Platten - eine immer wieder beeindruckende Menge an Veröffentlichungen, wo es viel zu entdecken gibt, auch wenn manche Platten sicher nicht mehr als skurrile Fußnoten waren. Ein Index fehlt, was natürlich immer viel Arbeit ist, aber in so einer Veröffentlichung durchaus Sinn gemacht hätte, um bestimmte Aspekte leichter wiederzufinden zu können. Ein definitiv sehr lesenswertes Buch, denn leider wird deutsche Musik zu oft auf die Neue Deutsche Welle reduziert, die aber nicht mehr war als das kommerzielle Ausschlachten von kreativen Entwicklungen, die Bands wie CAN, KRAFTWERK, AMON DÜÜL, ASH RA TEMPEL, NEU!, CLUSTER, FAUST, GURU GURU, KRAAN und viele andere erst auf den Weg gebracht hatten. Irgendwie bedauerlich, dass ich 1968 noch nicht zu Konzerten durfte, denn dann hätte ich quasi vor der eigenen Haustür bei den Essener Songtagen die Geburtsstunde von Krautrock miterleben können ...
Thomas Kerpen

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