TATIS SCHÜTZENFEST
Frankreich 1949. R: Jacques Tati. D: Jacques Tati, Guy Decomble, Paul Frankeur u.a. 79 Min. Universum.
Ein anderer ganz großer französischer Komiker ist Jacques Tati, 1909 als Jacques Tatischeff geboren, und vor allem ein Vertreter der leisen, intellektuellen Komik. Nachdem Criterion in den Staaten bereits seine Filme LES VACANCES DE M. HULOT bzw. DIE FERIEN DES MONSIEUR HULOT (1953), MON ONCLE bzw. MEIN ONKEL (1958) und PLAYTIME bzw. TATIS HERRLICHE ZEITEN (1967) auf DVD veröffentlichte, die auch schon wieder vergriffen sind, gibt es alle drei Filme auch in Deutschland von Universum auf DVD, plus sein Frühwerk JOUR DE FÊTE bzw. TATIS SCHÜTZENFEST (1949) ? Kinowelt lieferte dann die DVD seines Spätwerks TRAFFIC (1971) nach. Jacques Tati gehört zum Basiswissen eines Filmfans wie die Milch in den Kaffee ? zumindest was meinen Kaffee betrifft. Tatis ersten beiden Langfilme TATIS SCHÜTZENFEST und DIE FERIEN DES MONSIEUR HULOT scheinen mit ihrer wortlosen Situationskomik direkte Nachkommen von Charlie Chaplin and Buster Keaton zu sein. Während Tati in JOUR DE FÊTE einen Postboten auf dem Land spielt, erschafft er in DIE FERIEN DES MONSIEUR HULOT seine persönliche Filmfigur Monsieur Hulot, der unbeholfen im Storchengang durch die Gegend tapst, in diesem Fall ein Ferienort an der Küste. Tati präsentiert sich dabei als guter Beobachter, dessen Komik überspitzten aber nie wirklich übertriebenen Situationen entspringt, Tati nimmt die Welt wie sie ist, das richtige Leben, wenn man so will, und hebt die Sachen hervor, die ihm eigenartig und bizarr erscheinen, auch wenn sie im ersten Moment vielleicht völlig normal sein sollten. Tatis Humor ist menschenfreundlicher, liebevoller Natur und verzichtet auf die brutalen Zerstörungsorgien von Laurel & Hardy. Noch viel stärker als in DIE FERIEN DES MONSIEUR HULOT erweist sich Tati in MON ONCLE als jemand, der technischen Fortschritt mit äußerster Skepsis betrachtet. Er ist dabei sicher kein Maschinenstürmer, aber jemand, der wachsam ist, so wie er hier die modernen Zeiten seiner eigenen Idealvorstellung von Gesellschaft gegenüberstellt, was nicht weit entfernt von Chaplins MODERNE ZEITEN ist. Und so wird das moderne Stadthaus des besagten Onkels zu einem absurden Lebensraum, wo sich die Technik gegen den Menschen verschwört und eher stört als hilfreich ist. Das führt einen direkt zu PLAYTIME, Tatis größtem Film, eine faszinierende, skeptische Großstadt-Vision, ohne wirkliche Handlung, die aber wie so viele große Filme zuerst nur auf Unverständnis stieß und Tati in den finanziellen Ruin trieb. Für den Film ließ er seine eigene kleine Stadt in der Nähe von Paris bauen, die zum Schauplatz seiner zeitlosen Satire über den Modernisierungswahn unserer Zivilisation wurde, ein Film, in dem eine wundervolle Szene die nächste jagt. Alleine die lange Szene in dem neu eröffneten Restaurant, wo allerdings nichts wirklich funktioniert und Stück für Stück das Chaos ausbricht. PLAYTIME war ein totaler Flop, denn mit dieser Form filmischer Revolution wollte sich damals niemand auseinandersetzen, und erst fünf Jahre vor seinem Tod berappelte sich Tati in finanzieller Hinsicht wieder. Wo die 30 Minuten abgeblieben sind, die vor der Fertigstellung des Films entfernt wurden, ist immer noch ein Rätsel. Sein vorletzter Film TRAFFIC, vor der uninteressanten TV-Produktion PARADE (1974), wirkt dagegen äußerst schwach, und kann Tatis Werk nicht wirklich etwas hinzufügen. Ein hektischer, unharmonischer Film, in dem Hulot wie ein aufgescheuchtes Huhn kopflos durch die Gegend rennt. Vielleicht liegt es auch am etwas bemühten Thema, denn Tati hat es dabei auf den Individualverkehr abgesehen. Ein neues Automodell soll darin zur Automobilausstellung nach Belgien gebracht werden, was sich als äußerst schwierig entpuppt. TRAFFIC ist durchaus amüsant und besitzt einige schöne Einzelszenen, ist aber genauso chaotisch wie das Verkehrsgeschehen, das im Mittelpunkt steht. Was bleibt sind ein paar zeitlose filmische Kunstwerke, die nichts von ihrem Charme verloren haben.
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