ELEPHANT
USA 2003. R: Gus Van Sant. D: John Robinson, Alex Frost, Elias McConnell u.a. 81 Min. Kinowelt.
Serienkillerfilme und True Crime-Scheiße nervt in der Regel ganz unendlich, da es sowieso nur darum geht, irgendwelche realen Vorkommnisse auszuschlachten. In den seltensten Fällen steckt dahinter mehr als billige Exploitation, oder halt direkt ein Fantasieprodukt, mit dem es sich dann aber wesentlich besser leben lässt. Patty Jenkins' MONSTER war in dieser Hinsicht einer der interessantesten Filme dieses Jahres, für den die Australierin Charlize Theron den Oskar bekam. Einige Leute bemängelten zwar, dass man sich nur eine falsche Nase ankleben müsse, um für den Oskar nominiert zu werden, aber in diesem Fall war dieser Preis wohl mal gerechtfertigt, denn die nicht gerade hässliche Theron schlüpft in die Haut einer Frau, die 2002 hingerichtet wurde, weil sie sechs Männer umgebracht hatte. Patty Jenkins versucht dabei erst gar nicht, die komplette Lebensgeschichte von Aileen Wuornos zu erzählen, die Jenkins noch vor ihrer Hinrichtung hunderte von persönlichen Briefen zur Verfügung stellte. Es geht vielmehr um eine kurze zeitliche Spanne vor ihrer Festnahme, als die Highway-Prostituierte Wuornos Selby trifft, eine junge, lesbische Frau, die mit ihrer sexuellen Identität nicht zurecht kommt, und mit Aileen Wuornos ein seltsame Liebesbeziehung eingeht. Für Wuornos scheint das ein Hoffnungsschimmer zu sein, aber letztendlich führt dieser Weg wieder zurück in die Prostitution und resultiert schließlich in den Morden, der erste nach einer Vergewaltigung noch in Notwehr, später dann als krankhafte Verarbeitung der erlittenen Traumata.
MONSTER ist im ersten Moment ein sehr unangenehmer Film, da man sich mit einer Person identifizieren soll, deren Denken und Handeln einem völlig fremd ist. Aber Jenkins gelingt das Kunststück, dass man letztendlich doch Anteil an Wuornos Schicksal nimmt, die als menschliches Wesen gezeigt wird und als Opfer ihrer Lebensbedingungen. Das machte man dem Film auch durchaus zum Vorwurf, eine männermordende Killerin sympathisch wirken zu lassen, aber man kann sich einfach sehr schlecht der grundsätzlichen Tragik dieser Person entziehen, deren Hoffnungen und Wünsche nicht erfüllt werden. Und selbst, wenn man sich ständig vor Augen führt, wer hinter dieser Maske steckt, ist es beeindruckend, wie perfekt diese Verwandlung funktioniert. MONSTER verzichtet dabei auch auf die üblichen Klischees im Zusammenhang mit Serienkillerfilmen, die eigentlichen Morde spielen nur am Rande statt, sind aber ebenfalls unangenehm intensiv. Stattdessen zeigt der Film eine ihr Leben lang missbrauchte Frau auf ihrer verzweifelten Suche nach Liebe und Wärme, ohne dass die Regisseurin darin eine Entschuldigung für ihre Taten suchen würde, allenfalls eine Erklärung. MONSTER ist eine etwas ungewöhnliche Liebesgeschichte, allerdings ohne Happy End. Absolut sehenswert, vor allem in der "Deluxe Edition" mit drei DVDs, eine mit dem üblichen "Making of"-Kram, und die dritte mit zwei Dokus in Spielfilmlänge über Aileen Wuornos, die einem einen guten Eindruck davon vermitteln, wie nah an der Realität Jenkins' Film doch ist.
Im selben Jahr hat sich Gus Van Sant, dessen Gesamtwerk ja recht durchwachsen ist, eines Ereignisses angenommen, das Michael Moore auch zu BOWLING FOR COLUMBINE angeregt hat. In ELEPHANT stellt Van Sant quasi die letzten Stunden vor dem Massaker an einer Provinz-Highschool nach, in dem er sich auf einen fast dokumentarischen Standpunkt stellt. Ein knappes Dutzend Schüler werden über einen gewissen Zeitraum einfach nur dabei beobachtet, wie sie ganz banalen Handlungen nachgehen, dabei ist sehr viel Improvisation im Spiel. Auch die Täter tauchen dabei auf, wo Van Sant durchaus Hinweise auf die späteren Vorkommnisse einstreut. Der größte Teil von ELEPHANT besteht aus langen Kamerafahrten, die den Schülern folgen, was aber elegant montiert wurde, denn man sieht teilweise dieselben Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven, eine zeitliche Verschiebung, die durchaus an MEMENTO erinnert, auch wenn man das nicht wirklich vergleichen kann, aber es entsteht dadurch für den Zuschauer ein Gesamtbild, was sich erst langsam zusammensetzt. Dieser distanzierte Blick auf seine Darsteller, alles echte Schüler, erinnert ein wenig an die unterkühlte Attitüde von Michael Hanekes Filmen. Das überraschende an ELEPHANT ist, dass Van Sant diese distanzierte Position bis zum bitteren Ende, dem Massaker, unerbittlich durchzieht ? sieht man mal von kleinerren Szenen ab, in denen von einer Art Wertung sprechen kann ? und den Zuschauer mit einer Handvoll loser, gegen Ende immer brutaler werdender Bilder zurück lässt, für die es keine wirkliche Erklärung gibt. Eine experimentelle, aber die wahrscheinlich cleverste Möglichkeit, sich etwas Irrationalem wie dem besagten Schulmassaker an der Columbine Highschool zu nähern. Ohne die Szenen des Massakers wäre ELEPHANT eine fast poetische Betrachtung über den Alltag an einer Highschool, dessen Bilder einem noch lange im Kopf herumschwirren.
Interessant an der Special Edition-DVD von Kinowelt ist (die keine Jugendfreigabe hat), dass sich darauf auch noch der gleichnamige, 39-minütige Kurzfilm von Alan Clarke von 1989 befindet (womit meine Clarke-Sammlung fast komplett wäre), eine unkommentierte Aneinanderreihung von nachgestellten IRA-Morden. Ähnlich wie Van Sant den Schülern folgt, begleitet die Kamera bei Clarke die Killer der IRA zu ihren Opfern, womit er ein wirklich beklemmendes Bild irischer Realität zeichnet. So eine Art politischer Slasher-Film, der den Zuschauer auf eine harte Probe stellt, aber als provokantes Experiment ähnlich sehenswert ist wie Van Sants Film. Übrigens Harmony Korines (GUMMO) erklärter Lieblingsfilm, der Van Sant erst darauf aufmerksam machte.
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