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DAS ERSTE EVANGELIUM NACH MATTHÄUS


Frankreich/Italien 1964. R: Pier Paolo Pasolini. D: Enrique Irazoqui,
Margherita Caruso, Susanna Pasolini u.a. 131 Min. Kinowelt.


Halloooo Leuddde, willkommen zu "Sarah Kuttner - die Show". Bevor ich euch verrate, was ich wieder für tolle Gäste habe ? nachher schaltet ihr noch um, oder findet wohlmöglich den Ausschaltknopf an der Glotze, ihr wisst schon, das rechteckige flimmernde Ding, vor dem ihr hockt, und morgens eure behämmerten SMS-Botschaften sehen könnt, so was wie "cooler Boy aus 4 sucht geiles Girl aus 5 für 69 ..." ? mal was ganz anderes. Kennt ihr eigentlich die Bibel? Nee?! Dann erkläre ich euch das Mal mit meiner tollen und witzigen und abgefahren wortgewitzten Art, und ich kann euch versichern, dass ich nicht erst die gesamte Bordapotheke fressen musste, um dermaßen gut drauf zu sein. Also, die Bibel, das ist das Buch der Bücher, so was wie "Herr der Ringe", voll fett, kann man auch als Briefbeschwerer nehmen, aber viel bessere Spezialeffekte, Meer teilen, Heuschreckenplage oder die Speisung der 5000 durch Jesus. Abgefaaahren sage ich euch, "Herr der Ringe" ist ein Scheiß dagegen, ein Scheiß, sage ich euch ... Und die Bibel ist ja auch eines von fünf Büchern, die Xavier Naidoo gelesen hat, darunter das Telefonbuch von Rödelheim und die Anleitung für seinen Fön, und ganz sicher die Hauptinspirationsquelle für seine coolen spirituellen Messages. Und überhaupt Jesus, ganz wichtig, der Sohn Gottes, der für die Sünden von euch Pappnasen, überhöhte Handyrechnungen und so was, ins Gras beißen musste. Jesus, das ist so ein Pre-Grunge-Märtyrer gewesen, so wie später Kurt Kobain, allerdings ohne Gitarre und Schrotflinte, coole Texte hat er auch gehabt, müsst ihr echt mal lesen. Er hat's aber dann mit dem Kreuz gehabt. Mensch war der gut, ich schrei mich weg ... Krieg ich zwar immer vorzeitig meine Tage von, also von der Bibel, aber da muss man durch, auf dem Weg zur spirituellen Erleuchtung ... Und Jesus hat auch in Filmen mitspielt, also nicht er selber, ihr wisst schon. Einen hat so ein schräger Vogel namens Pier Paolo Pasolini gedreht. Nee, das ist kein Modefuzzi, der war Poet, und dann hat er Filme gemacht, aber schwul war er trotzdem. Und die Filme von dem waren immer voll blasphemisch, da war der Pabst echt stinksauer, kann ich euch sagen, der ist ja auch Italiener, da hat er glatt seine Pizza nicht mehr runterbekommen. Und im Knast war er auch, der Pasolini. Und dann plötzlich dreht der so einen voll heiligen Film mit dem Titel DAS ERSTE EVANGELIUM NACH MATTHÄUS, und da hat ihn der Pabst wieder voll lieb gehabt, piep, piep. Voll krass, sag ich eu... Kuttner, halt's Maul! Manno ...
Wer es nicht mehr Karfreitag abwarten kann, bekommt mit der DVD von DAS ERSTE EVANGELIUM NACH MATTHÄUS jetzt die Gelegenheit, sich Pasolinis Verfilmung des Matthäus-Evangeliums immer dann anzuschauen, wenn er das Gefühl hat, vom wahren Glauben abzufallen, was einem schon beim Blick aus dem Fenster nicht unbedingt schwer fällt. Ein Jahr zuvor hatte Pasolini nach dem Start des Films LA RICOTTA noch wegen Beleidigung der Staatsreligion vor Gericht gesessen, und dann DAS ERSTE EVANGELIUM NACH MATTHÄUS, auch noch mit einer Widmung für Papst Johannes XXIII. Mit kargen Bildern ist Pasolini hier bei seiner Version des ersten Evangeliums nach Matthäus um größtmögliche Klarheit und Reinheit bemüht, dazu tragen auch die Laiendarsteller bei, ebenso wie die steinige Kulisse Kalabriens, und zusammen ergibt sich ein Bild fernab von irgendwelchen Hollywood-Gigantomanien. Pasolinis Jesus wird übrigens von einem italienischen LKW-Fahrer gespielt, der hier als marxistisch angehauchter Revolutionär daherkommt, ein Volksheld, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt. Für gläubige Menschen dürfte Pasolinis Film wohl eine sehr befriedigende Erfahrung darstellen, aber wenn einem die Gleichnisse von Jesus, die hier einen großen Raum einnehmen, schon immer auf die Nerven gegangen sind, werden die 130 Minuten wirklich zur Qual, trotz durchaus faszinierender Bilder.
Ob dazu Mel Gibsons DIE PASSION CHRISTI eine wirkliche Alternative ist, bin ich mir auch nicht so sicher. Was Pasolini in seinem Film in 20 Minuten abhandelt, nämlich die Geschehnisse um die Kreuzigung von Jesus herum, dauert beim guten Christen Gibson über zwei Stunden. Es ist ja schon genug über Gibsons Film geschrieben worden, insofern mache ich es kurz. Eins kann man über DIE PASSION CHRISTI auf jeden Fall sagen, in wirtschaftlicher Hinsicht kann ein Film kaum besser funktionieren, der fast nichts gekostet hat, aber Unsummen wieder einspielte. Man muss nur einen kleinen Skandal inszenieren. Inwieweit man Gibson dabei Kalkül unterstellen kann, ist fraglich, sein Film macht schon den Eindruck, als ob er wirklich ernst gemeint sei, denn um Geld konnte es dem Hollywood-Großverdiener sicher nicht gehen. Und seine Idee, den Leidensweg von Jesus möglichst authentisch und lebensnah darzustellen, ist vielleicht nicht die dümmste, ebenso wie der Gimmick mit der hebräischen Sprache. Aber DIE PASSION CHRISTI ist natürlich auch so eine Art erstes Evangelium nach Mel, das auf der einen Seite recht fantastische Elemente besitzt, auf der anderen dann die Zerstörung menschlicher Körper in unangenehm realer Form festhält, was aber weniger schockierend ist, als alle Welt behauptet, denn dafür bleibt Jesus einfach zu sehr die Kunstfigur aus diesem großen Märchenbuch, das die Kultur des Abendlandes dermaßen geprägt hat. Dennoch fällt es schwer, diesen Film zu ignorieren, der bei der Visualisierung menschlichen Leidens sicher großes leistet, aber dabei wenig wirkliches Mitgefühl erzeugt, und eher zu einem Leidensweg für den Zuschauer wird.

 
Beitrag von: erstellt am: Nachricht an:
Thomas Kerpen 14.12.2004 Thomas Kerpen
 
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