GEGEN DIE WAND
Deutschland 2004. R: Fatih Akin. D: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Cem Akin, Catrin Striebeck u.a. 121 Minuten. Universal.
Dass bei der Rezeption von Fatih Akin Films GEGEN DIE WAND ? dessen ersten Film KURZ UND SCHMERZLOS mag ich ja gar nicht ? etwas schief gelaufen ist, merkt man an folgender Frage: "Does someone know where I can order the adult-dvd's of Sibel Kekilli? Thanx!" Yes, I know, but I don't really care! Man fragt sich da mal ganz kurz, ob Regisseur Akin, der davon vorher wusste, hier das kleine Skandälchen in Kauf genommen hat, das seiner Hauptdarstellerin Sibel Kekilli jede Menge Presse bescherte, allerdings auch jede Menge familiäre Probleme, die durchaus an die ihrer Figur aus GEGEN DIE WAND erinnern. Sie war halt jung und brauchte das Geld, und nahm "Rollen" in drittklassiger Pornoware wie HOTEL FICKMICHGUT, DIE MEGAGEILE KÜKEN-FARM oder DIE VERFICKTE PRAXIS an, wo sie allerdings den Künstlernamen Dilara verwendete. Ganz groß auch Scherze wie "Für welchen Bären würdest du dich entscheiden?", da drunter zwei Bilder, eines vom Goldenen Bären, den GEGEN DIE WAND auf der Berlinale gewonnen hatte, und auf dem anderen halt ... Man kann es sich ungefähr denken.
Auch wenn diese eher mal redundante Geschichte keine wirkliche Bedeutung für GEGEN DIE WAND besitzt, sieht man Sibel Kekilli als Zuschauer mit einem etwas weniger unschuldigen Blick, was nichts daran ändert, dass man es hier mit einer wirklich tollen Darstellerin zu tun hat. Und auch wenn GEGEN DIE WAND sicherlich voller Klischees und Ungereimtheiten steckt, habe ich in einem "deutschen" Film schon lange nicht mehr zwei so starke Schauspieler wie Sibel Kekilli und Birol Ünel gesehen. Wobei Akin Film sicherlich nicht mehr wäre, als eine der üblichen exzessiven, selbstzerstörerischen Liebesgeschichten, wenn er dabei nicht wieder das Leben von Türken in Deutschland thematisieren würde, zwischen Verleugnung der Abstammung und Hochhaltung der Tradition, was in GEGEN DIE WAND zwischen Melodramatik und humorvoller Aufarbeitung schwankt. Man spürt dabei die Leidenschaft aller Beteiligten für dieses Thema, wodurch man dem Film auch verzeiht, wenn seine merkwürdigen Figuren merkwürdige Dinge tun, die alles andere als glaubwürdig sind. Auch die Geschichte vom versoffenen Loser, der zu Beginn versucht Selbstmord zu begehen, und dort auf eine selbstmordgefährdete junge Türkin trifft, die ihn heiraten will, um endlich ihre Familie zufrieden zu stellen. Zwei extreme Charaktere, die dann wirklich heiraten, aber dennoch ihre eigenes Leben weiterleben, woraus sich dann aber doch mehr entwickelt. Eine wirklich beschissene Geschichte, vor allem wenn sie in einem amerikanischen Film auftauchen würde, aber Akin macht daraus einen packenden Multi-Kulti-Liebesfilm über zwei entwurzelte Menschen, die schließlich doch noch ihre Wurzeln finden, nachdem ihr Drang nach Selbstzerstörung, den man in dieser Form auch in den Geschichten Bukowskis finden kann ? zumal Birol Ünel wirklich wie ein junger Bukowski aussieht ?, sie beinahe schon ruiniert hätte.
Dominique Derudderes (SUITE 16, EVERYBODY'S FAMOUS) Spielfilmdebüt CRAZY LOVE, u.a. basierend auf Bukowskis Geschichte "The Copulating Mermaid of Venice, CA.", entstand im selben Jahr wie Barbet Schroeders BARFLY, mit Mickey Rourke and Faye Dunaway, ein biografisch angehauchter, alkoholgetränkter Versuch, Charles Bukowski für die Leinwand aufzuarbeiten, und ein Film, der mir noch die wirklich gefiel, aber auch Marco Ferreris TALES OF ORDINARY MADNESS ist nur unwesentlich besser. CRAZY LOVE war erst als Kurzfilm geplant, wurde aber mit dem Segen Bukowskis ein Langfilm, der in drei Episoden das Heranwachsen von Harry Voss zeigt. Zuerst als 9-Jähriger, der die ersten sexuellen Erfahrungen sammelt, dann als Teenager mit schwerer Akne, der dadurch natürlich auch nicht gerade zum Mädchenschwarm wird. Schließlich als Erwachsener, der in Bars abhängt, und seine wahre Liebe dann in einer Leiche findet. Auch wenn sich die drei Teile nicht richtig verbinden, gelingt Deruddere ein flotter, poetischer und schön fotografierter "Liebesfilm", der weniger depressiv ist, als diese Beschreibung es erahnen lässt, der aber durchaus seine abstoßenden und verstörenden Momente besitzt, sei es der letzte Teil mit seinem Nekrophilie-Thema oder auch die extreme Akne im Mittelteil, der sowieso am gelungensten und intensivsten ist. CRAZY LOVE ist dabei auch ein recht bizarrer Film, der mit Horror-Elementen spielt, die aber ähnlich wie bei David Cronenberg einen realeren Hintergrund haben. Bei uns kam der Film nie heraus, ich hatte irgendwann mal ein Tape aus England in die Finger bekommen, aber Mondo Macabro beschert uns jetzt eine DVD mit einer qualitativ sehr guten Fassung des Films, ergänzt noch durch Interview mit Deruddere und ein interessantes "Making of". Von Kultfilm möchte ich bei CRAZY LOVE nicht unbedingt sprechen, aber er gehört sicherlich zu den besten Filmen, die Motive von Bukowski verwendet haben.
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