BLUTIGE SEIDEItalien, 1964
Es gibt zwei alte Schwarz-Weiß-Horrorfilme, die für mich nach wie vor nichts von ihrer Faszination eingebüsst haben, einmal Jacques Tourneurs DER FLUCH DES DÄMONEN und DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT von Mario Bava. Der 1914 geborene und 1980 verstorbene Mario Bava, Sohn von Kameramann Eugenio Bava und Vater von Regisseur Lamberto Bava, war bis 1960 selbst Kameramann und sehr geschickt bezüglich des Einsatzes optischer Tricks und gilt als einer der legendärsten Genre-Regisseure des italienischen Kinos, und als Wegbereiter für Leute wie Argento, vor allem in der Hinsicht dass bei ihm auch oftmals Stil über Inhalt regierte. DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (LA MASCHERA DEL DEMONIO) ist nach wie vor einer seiner besten Filme und startete die Horrorfilmkarriere von Hauptdarstellerin Barbara Steele, die hier in einer Doppelrolle zu sehen ist. Einmal als Prinzessin Asa, die als Hexe im 17. Jahrhundert verbrannt wird und zwei Jahrhunderte später durch einen dusseligen Professor wieder zum Leben erweckt wird. Bei ihrer Hinrichtung hatte sie ihren Nachfahren Rache geschworen und setzt jetzt alles daran, die Familie von Prinzessin Katia zu vernichten, die ihre Zwillingsschwester sein könnte. Der Film lebt natürlich von Steeles exotischer Schönheit, ebenso wie vom artifiziellen Gothic-Look der Studiokulissen, wo sich deutlich Bavas Gespür für atmosphärische Bildkompositionen zeigt. Was den Film aber von den zur selben Zeit populären Hammer-Filmen unterschied, war seiner morbide Verbindung von Horror und Erotik, wenn sich zum Beispiel die von der Gesichtsmaske entstellte Hexe in ihrem zerstörten Steinsarg windet und sich ihre Brüste dabei wollüstig heben und senken. Aber auch noch einige Gewaltdarstellungen führten dazu, dass der Film hierzulande nie komplett gezeigt wurde. Ein Klassiker des italienischen Horrorfilms, der jetzt auf DVD in exzellenter Qualität ungeschnitten vorliegt, versehen mit einem Audiokommentar von Bava-Spezialist Tim Lucas und einem Interview mit Barbara Steele. Die ganze ?The Films of Mario Bava?-Reihe ist sowieso sehr schick mit Schuber aufgemacht, den komischen Comic hätte man sich in diesem Fall allerdings sparen können, denn der ist unglaublich schlecht gezeichnet und unterbietet noch die ganzen billigen Porno-Comics, die man an italienischen Zeitschriftenständen kaufen kann.
DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU (LA FRUSTA E IL CORPO) war dann ein Farbfilm und wartete mit Christopher Lee und Daliah Lavi in den Hauptrollen auf. Eine bizarre Familiengeschichte, in der Lee einen gewissen Kurt Menliff spielt, der nach Jahren in den Schoß seiner Familie zurückkehrt. Damals hatte sich ein Mädchen wegen ihm das Leben genommen und jetzt macht er sich scheinbar an die Frau seines Bruders heran, mit der er früher eine Affäre hatte. Doch Kurt wird auf mysteriöse Weise umgebracht, kehrt aber als Geist zurück, um Rache zu nehmen. DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU erinnert dabei sehr an die Poe-Verfilmungen von Roger Corman, weist aber natürlich die typische Bildsprache Bavas auf, vor allem was die tolle surreale Ausleuchtung der Szenerie angeht. Auch dieser Film war in Deutschland bisher immer geschnitten, was an seiner für die damalige Zeit explizite S&M-Thematik lag, denn es gibt einige provokante Szenen, wo Kurt seine Geliebte deftig auspeitscht und ihr das offensichtlich auch gefällt. Das führte zu einer Obszönitätsklage in Italien, denn DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU ging in dieser Hinsicht wohl damals etwas zu weit. Heute sieht man das zwar anders, aber Lees diabolische Performance macht immer noch Eindruck und diesen Film zu einem wichtigen Werk in Bavas Schaffen.
Mit BLUTIGE SEIDE (SEI DONNE PER L?ASSASSINO) legte Bava dann vier Jahre nach Hitchcocks PSYCHO den Grundstein für den italienischen Giallo (fünf Jahre danach drehte Dario Argento erst seinen BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE) und den Slasher an sich, denn auch John Carpenter hatte sich hier einiges für die Mordszenen in HALLOWEEN abgeguckt. Und so hat es hier ein Mörder in Schwarz auf die Mitarbeiterinnen eines Modesalons abgesehen. Wie jeder guter Krimi steuert auch BLUTIGE SEIDE auf die Entlarvung des Mörders zu. Interessant ist vor allem, was dazwischen passiert, denn Bavas Film besticht wieder durch seine fantastische, surreale Beleuchtung und einige wirklich faszinierende Kamerafahrten, die eben viele der heutigen, lieblos hingerotzten Slasher nicht mehr besitzen. Auch wenn die Handlung für den Katholischen Filmdienst nur ein fadenscheiniger Vorwand war, in möglichst expliziter Form die Ermordung einiger Frauen zu zeigen, tut das Bava mit einer stilistischen Raffinesse, die früher noch provokanter als heute wirkte. Deshalb wurde auch dieser Film hierzulande stark geschnitten. BLUTIGE SEIDE ist allerdings nicht Teil der ?The Films of Mario Bava?-Reihe, sondern es handelt sich um die abgespeckte Version der mittlerweile vergriffenen, edel aufgemachten Hände Weg!-Edition.
Bava war ja nicht nur im Horrorfilm zu Hause, sondern auch in anderen Genres und so ist EINE HANDVOLL BLANKER MESSER (I COLTELLI DEL VENDICATORE) ein Wikinger-Film. Allerdings einer, der bis auf die Klamotten eine wenig authentische Wikinger-Atmosphäre besitzt und auch ein Italowestern mit klassischer Rachegeschichte sein könnte. Darin spielt Cameron Mitchell aus BLUTIGE SEIDE den Messer werfenden Rurik, der der Frau eines Wikingerkönigs gegen Thronräuber beisteht, obwohl er genau diese Familie einmal komplett auslöschen wollte. EINE HANDVOLL BLANKER MESSER ist ein weniger wichtiger Film Bavas, der zwar auch einige schöne visuelle Momente besitzt und durchaus unterhält, aber nicht das atmosphärische Potential von Klassikern wie DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT besitzt.
Im Jahr 1971 drehte Bava seinen hierzulande beschlagnahmten Slasher IM BLUTRAUSCH DES SATANS, dem man schon anmerkte, dass seine besten Zeiten vorbei waren. Das gilt auch für BARON BLOOD, der eher cheesy als wirklich erschreckend ist, auch wenn Bava immer noch zu visuellen Meisterleistungen fähig ist, siehe die epische Verfolgungsjagd im Nebel. Ansonsten ist die Story, in der zwei Studenten den früheren berüchtigten Besitzer eines Schlosses wieder auferstehen lassen, der im 16. Jahrhundert viele Menschen gefoltert hatte, eher mal dämlich. Vor allem Elke Sommer kann man in dieser Rolle nicht so recht ernstnehmen. Jedenfalls ist der Folterkeller schnell wieder in Betrieb und der Blutbaron treibt erneut sein Unwesen. Bavas Bemühungen, seine stilistischen Errungenschaften aus den 60ern hier mit dem Splatter der 70er zu vermischen, tragen nur begrenzt Früchte. BARON BLOOD, der hier endlich mal ungeschnitten vorliegt, ist dennoch einer der interessanteren späteren Filme Bavas und gerade aufgrund seiner unfreiwilligen Komik schwer unterhaltsam. Zusätzlich gibt es ein Interview mit Elke Sommer, leider geführt von Oberpsychopath Uwe Huber, den man wirklich keine fünf Minuten ertragen kann, auf jeden Fall geht mir das so. So oder so lohnt es, sich mit Bava auseinander zu setzen, und diese schönen Releases bieten genug Anlass dazu. Mal sehen, ob hierzulande auch noch mal jemand GEFAHR: DIABOLIK herausbringt, mein heimlicher Favorit dieses Regisseurs. (e-m-s)
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