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DÉDALES - WÜRFEL UM DEIN LEBEN

Frankreich/Belgien 2003

Filme über Serienkiller hängen mir mittlerweile so was von zu Hals raus, ich kann es kaum noch in Worte fassen. Da hilft es auch nichts, wenn man es mit einer schizophrenen Serienkillerin mit multipler Persönlichkeit zu tun hat, die sich aus Charakteren der griechischen Mythologie zusammensetzt, wie in der belgisch-französischen Produktion DÉDALES von René Manzor aus dem Jahr 2003, zumal wir das auch schon irgendwo anders hatten, zum Beispiel vor kurzem in IDENTITÄT. Erzählt wird die Geschichte der 25-jährigen Claude, die für 27 Morde verantwortlich sein soll, was in einer psychiatrischen Abteilung untersucht wird. Parallel dazu wird die Story noch von einer anderen Seite aufgerollt und zeigt die Ermittlungen eines komischen Profilers in diesem Fall, der wie eine reichlich abgefuckte Version von Al Pacino in SERPICO aussieht und auch noch begeisterter Kunstmaler im Hieronymus Bosch-Stil ist. Das klingt vielleicht noch halbwegs interessant, ist aber letztendlich eine arg spannungsarme Angelegenheit mit Fernsehfilm-Ambiente, deren Finale zu deutlich bei IDENTITÄT abgekupfert wurde und bei der man höchstens noch die darstellerische Leistung von Sylvie Testud als Serienkillerin hervorheben könnte. (e-m-s)

Gerald Kargl war da Anfang der 80er mit seinem Film ANGST schon wesentlich weiter, bei dem der Untertitel ?Into the mind of a serial killer? tatsächlich passen würde. Basierend auf den Taten des real existierenden dreifachen Mörders Werner Kniesek beginnt ANGST mit der Freilassung eines Mannes (Erwin Leder aus DAS BOOT und UNDERWORLD), der einige Jahre wegen Mordes im Gefängnis saß. Er hat kaum das Gefängnistor durchschritten, als er wieder Mordgelüste verspürt. Eine Taxifahrerin kann ihm gerade noch entgehen, dafür muss eine Familie dran glauben, in deren Haus er einbricht. Ein Großteil der Handlung des gerade 80-minütigen Films spielt im Haus dieser Familie, wo der Zuschauer begleitet von den inneren Monologen des Mannes mit ansehen muss, wie er zwei Frauen und einen Mann auf mühselige Art abschlachtet und schließlich in deren Mercedes verstaut, zum Lokal fährt, wo er zuerst Halt gemacht hatte, und dort von der Polizei gestellt wird. Kargl zeigt hier minutiös und in extrem verstörender Weise die Tat des Mannes, die zum körperlichen Kraftakt wird, wobei der Zuschauer immer inmitten des Geschehens ist und nicht nur die nervöse Erregung des Täter erlebt, sondern auch die Angst und Verzweiflung der Opfer. Wer hier ein verklärtes Märchen wie bei SILENCE OF THE LAMBS erwartet, bekommt es hier mit einem wuchtigen filmischen Tritt in den Unterleib zu tun, denn ANGST ist ein eher unerfreulicher, schonungsloser Einblick in das Innenleben eines geistig verwirrten Mörders, der seine kranke Tat akribisch und ohne moralische Bedenken durchführt. Das Warum spielt hier keine Rolle, sondern das Wie, weshalb die verstörenden Bilder und die Darstellung ungeschönter Gewalt des Films auch noch lange im Kopf des Betrachters nachhallen. Eine vergleichbare Wirkung besitzen wohl nur John McNaughtons HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER oder Jörg Buttgereits SCHRAMM, die aber beide später entstanden, ebenso wie Michael Hanekes FUNNY GAMES. Was heute wie eine echte Pionierleistung erscheint, bedeutete für Kargl damals aufgrund der hohen Produktionskosten des völlig unkommerziellen Films eine schmerzhafte finanzielle Pleite, weshalb ANGST auch sein einziger Film blieb. Dafür machte der brillante polnische Kameramann Zbig Rybczynski Karriere im Filmbusiness, vor allem im Bereich Kurzfilm und Musikvideos, aber auch in technischer Hinsicht als Wegbereiter von High Definition Video. Rybczynskis innovative Kameraarbeit macht ANGST noch zusätzlich bemerkenswert und steigert seine Realitätsnähe, denn was der Pole hier bewerkstelligt, ist nicht nur für einen Film dieser Preisklasse erstaunlich, solche visuellen Kapriolen sieht man in diese Ballung selbst in viel kostspieligeren Filmen kaum. Auch nicht schlecht ist der ähnlich bedrohliche elektronische Score von Tangerine Dream-Mitglied Klaus Schulze. Die DVD von Epix präsentiert ANGST in unerwartet guter Qualität, dafür dass er bisher nie irgendwo erhältlich war, plus einer Einleitung von Jörg Buttgereit und zwei Trailern. (Epix)

 
Beitrag von: erstellt am: Nachricht an:
Thomas Kerpen 15.06.2006 Thomas Kerpen
 
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