UNITED TRASHDeutschland 1996
Wer sich fragt, was denn Christoph Schlingensief, der unermüdliche Artist Provocateur und Enfant Terrible der deutschen Kulturlandschaft, gerade treibt, der drehte im letzten Jahr in Namibia in einem Wellblech-Slum nach acht Jahren mal wieder einen neuen Film namens AFRICAN TWIN TOWERS (african-twintowers.com), wo wohl der gewohnte Schlingensiefsche Wahnsinn auf Wagner und 9/11-Untergangsstimmung trifft. Damit ist Schlingensief fast wieder an die Wirkungsstätte seines 1995/96er Films UNITED TRASH zurückgekehrt, den er in Simbabwe gedreht hatte. Auch wenn ich äußerst selten das Bedürfnis habe, mal einen Film von Schlingensief herauszukramen, UNITED TRASH wäre die naheliegendste Wahl, den es inzwischen auch auf DVD gibt, ebenso wie MUTTERS MASKE, FREAKSTARS 3000, DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER oder 100 JAHRE ADOLF HITLER (filmgalerie451.de). Vielleicht liegt es daran, dass UNITED TRASH ? anscheinend das ungeliebte Kind Schlingensiefs ? wirklich witzig ist und einem nicht nur permanent auf die Nerven geht. Worum es in dem Film geht, lässt sich allerdings schwer in Worte fassen: eine Art Krippenspiel und Abrechnung mit dem Militarismus, bei dem die Frau eines schwulen, durchgeknallten UN-Generals den Messias gebärt, den schwarzhäutigen Peter Panne mit einer komischen Spalte im Kopf, den die Ureinwohner fortan vergöttern. In knapp 80 Minuten lässt sich jede Menge Wahnsinn packen, und das tut Schlingensief auch konsequent und hat mit Udo Kier, Kitten Natividad, Joachim Tomaschewsky oder Johnny Pfeiffer Leute dabei, die das auch bestens transportieren können. Ein chaotischer, derber und respektloser Spaß, dessen bösartige Hintergründigkeit man dabei aber nicht unterschätzen darf.
Ebenfalls im letzten Jahr erschien AUSLÄNDER RAUS! - SCHLINGENSIEFS CONTAINER (monitorpop.de), kein Film von Schlingensief, sondern eine Dokumentation über seine Containeraktion ?Bitte liebt Österreich? gegen Ausländerfeindlichkeit im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 von Paul Poet. Schlingensief stellte damals für eine Woche auf dem Gelände neben der Wiener Staatsoper ein rundum abgeschirmtes und kameraüberwachtes Containercamp für Asylanten auf, öffentlich und interaktiv beeinflussbar und betretbar, mit rassistischen Ansprachen des ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden Jörg Haider beschallt und mit dessen fremdenfeindlichen Wahlplakaten beklebt. Darin befanden sich zwölf vermeintliche Asylbewerber, von denen zwei im ?Big Brother?-Stil täglich per Telefon aus dem Container herausgewählt und damit abgeschoben werden konnten. Schlingensiefs lebensnahe Provo-Kunstaktion brachte die Volksseele aber in einer Form zum Kochen, die wohl selbst ihn überraschte, und deren Eigendynamik Poet mit seinem Film gut einfängt. Schlingensiefs im ersten Moment etwas zynisch anmutende Aktion führt hier recht erfolgreich die Blindheit des Großteils der Gesellschaft vor ? nicht nur die der Österreichischen, das lässt sich auch auf Deutschland übertragen ?, die scheinbar nicht mehr in der Lage ist, zwischen Inszenierung und realen Vorkommnissen zu unterscheiden, was so erschreckend wie amüsant ist. Insofern schön, dass es Schlingensief gibt, der einem in gewissen Abständen auf seine drastische wie intelligente Weise veranschaulicht, wie schlimm es doch um unsere Gesellschaft bestellt ist. Der DVD liegt übrigens ein Container-Bastelbogen inklusive Schlingensief zum Ausschneiden bei, um die Absurdität des Ganzen noch zu steigern.
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