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JEDE MENGE KOHLE

Deutschland 1981

Ende der 70er, Anfang der 80er sah es nach Filmen wie DIE ABFAHRER und JEDE MENGE KOHLE tatsächlich kurz mal so aus, als ob Adolf Winkelmann so eine Art Ruhrgebiets-Kultfilmer hätte werden können. Dummerweise lockten danach größere Projekte wie SUPER (1984) mit Udo Lindenberg und Inga Humpe oder PENG! DU BIST TOT! (1987) mit Ingolf Lück, beides grausame Filme, ebenso wie WASCHEN, SCHNEIDEN, LEGEN (1999) mit dem irre lustigen Guildo Horn. Zumindest gelang ihm dazwischen mit NORDKURVE noch ein wirklich bemerkenswerter Film. Bereits seit 1979 ist Winkelmann Professor für Film an der Fachhochschule für Kunst und Design in Dortmund, dreht auch immer noch Filme, aber seine wirklich essentiellen Werke sind DIE ABFAHRER, JEDE MENGE KOHLE und NORDKURVE, die jetzt unter dem Titel ?Die Ruhrgebietstrilogie? von Turbine, die auch diverse Hallervorden-Filme rausgebracht haben, zusammen in wirklich exzellenter Qualität veröffentlicht wurden ? einzeln gibt es sie nicht. Vor allem JEDE MENGE KOHLE habe ich noch nie zuvor in so guter Qualität gesehen und auch, glaube ich, noch nie im tatsächlichen 2.35:1-Format. Die Extras halten sich in Grenzen, aber zu jedem Film gibt es einen Audiokommentar, und netten Bonuskram wie Winkelmanns Kurzfilm ADOLF WINKELMANN, KASSEL 9.12.67, 11.54 UHR. Es ist sowieso erstaunlich, wie gut sich gerade DIE ABFAHRER und JEDE MENGE KOHLE gehalten haben, die das Ruhrgebiet in ungewöhnlicher Weise portraitieren. Der in Dortmund aufgewachsene Winkelmann zeigt die Region durchaus in einem romantischen Licht, soweit man halt Industriegebiete und Arbeiterviertel ästhetisieren kann, gleichzeitig spricht er auch konkret Probleme wie die steigende Arbeitslosigkeit durch den Bedeutungsverlust der Kohleindustrie zu dieser Zeit im Ruhrgebiet an, nach dem deutschen Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre. Und so sind die Hauptfiguren in DIE ABFAHRER auch drei junge Arbeitslose aus Dortmund, die sich einen abgestellten Möbelwagen mit kaputter Handbremse für eine Spritztour ausleihen, woraus sich ein witziges, aber auch nachdenklich melancholisches, kleines Ruhrgebiets-Roadmovie entwickelt, das aufgrund seiner Authentizität wenig von seinem Charme verloren hat. Den trockenen Humor und die authentische Darstellung des Arbeitermilieus konnte er dann bei JEDE MENGE KOHLE perfektionieren, wo Detlev Quandt aus DIE ABFAHRER den Bergmann Katlewski aus Recklinghausen spielt, der eines Tages in einem Bergwerksschacht in Dortmund auftaucht, und von einem Tag auf den anderen sein komplettes Leben umkrempeln will. Ähnlich wie DIE ABFAHRER die melancholische wie witzige Geschichte eines Aussteigers, ein bissiges Manifest gegen das Spießertum, aber in gewisser Weise auch die verspätete Ruhrgebiets-Antwort auf den Italowestern: Ein geheimnisvoller Fremder taucht irgendwo auf, weil er noch ein paar wichtige Dinge zu regeln hat und verschwindet nach dieser Demontage seines bisherigen Lebens wieder genauso unspektakulär. Mit dem Unterschied, dass Katlewskis Showdown ein Duell zwischen seiner Motorsäge und dem Mobiliar einer Wohnung ist ? ?Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.? Nicht der einzige denkwürdige Satz, den uns Winkelmann in JEDE MENGE KOHLE präsentiert, einem nach wie vor wirklich großartigen Film, wo auch wieder Originale wie Hermann Lause und die unvergessliche Tana Schanzara auftauchen. Quandt verschwand aber nach nur zwei Filmen in der Versenkung, nichts genaues weiß man nicht. Dafür gab es dann in NORDKURVE ein Wiedersehen mit Lause, der da den verzweifelten Papa eines aufstrebenden Fußballers spielt. Ein erstaunlich clever aufgebauter Film über 24 Stunden Fußballalltag an einem Samstag, wo Winkelmann recht erfolgreich zwischen unterschiedlichen Ebenen hin und her springt, von den Fans zu Managern, Trainern und Fußballern, und dabei recht kritisch und ungeschönt alles anspricht, was zum Fußball dazu gehört, natürlich wieder mit dem typischen Ruhrpott-Aroma versehen. Auch wenn das Drehbuch gegen Ende vielleicht ein wenig schwächelt, ist der Film eine der besten, allgemeingültigsten Bestandsaufnahmen über eine bestimmte Sportart und ihre gesellschaftliche Bedeutung. (Turbine)

 
Beitrag von: erstellt am: Nachricht an:
Thomas Kerpen 18.06.2006 Thomas Kerpen
 
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