LE FILS(Belgien/Frankreich, 2002)
Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind ja schon seit einigen Jahren die Lieblinge der Filmfestspiele von Cannes, genauer gesagt seit ROSETTA von 1999, der ihnen die Goldene Palme einbrachte, wie es auch bei ihrem neusten Film L?ENFANT (DAS KIND) der Fall war. In der Regel bin ich eher mal ein Verächter europäischen Kunstkinos, aber den Filmen der Brüder Dardenne aus Belgien, die lange Zeit Dokumentarfilme gedreht haben, kann man sich trotz ihrer reduzierten ästhetischen Mittel und überschaubaren Figurenkonstellationen nur schwer entziehen, denn ihre unter die Haut gehenden menschlichen Dramen besitzen ein erstaunliches Einfühlungsvermögen und eine Realitätsnähe, die man nicht überall in dieser vollendeten Form findet. In L?ENFANT, der jetzt bei Kinowelt auf DVD erschienen ist und u.a. ein Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne enthält, geht es um das Pärchen Bruno und Sonia. Bruno (Jérémie Renier aus François Ozons LES AMANTS CRIMINELS) ist ein kleiner Ganove, der alles zu Geld macht, was ihm in die Finger gerät, so auch den frisch geborenen Säugling von Sonia, für den ihm irgendwelche Unterweltgestalten Adoptiveltern vermitteln. An diesem Punkt bekommt die Romanze des in einem sozialen Randbereich lebenden Pärchens dramatische Risse, denn zum ersten Mal treffen Bruno die Auswirkungen seines unmoralischen, unverantwortlichen Handelns mit voller Wucht, mit dem er auch regelmäßig andere Menschen ins Elend stürzt. Denn er muss das Kind zurückbeschaffen und gleichzeitig auch noch den Kinderhändlern den entstandenen Schaden ersetzen. Den Brüdern Dardenne geht es dabei in jedem Fall um eine Vermittlung konkreter, zum Zusammenhalt zwischenmenschlicher Beziehungen notwendiger moralischer Regeln, aber L?ENFANT driftet dabei niemals in die Abgründe irgendwelchen Sozialkitsches ab, wenn sie ihrem Hauptdarsteller am Ende einen gewissen Hoffnungsschimmer und eine Chance zur Veränderung gewähren. Eine faszinierende, kraftvolle Form puristischen und humanistischen Filmemachens, die zwischen kühler Beobachtung und ehrlichen Emotionen nachdenklich stimmende und eher unerfreuliche Geschichten von sozialen Außenseitern und menschlichen Extremsituationen erzählt. (Kinowelt)
Ähnlich verhält es sich bei LE FILS (DER SOHN), der aufgrund seiner provokanten Grundidee vielleicht sogar noch besser ist, und in dem Olivier Gourmet, der in L?ENFANT in einer Nebenrolle auftaucht, den Meister eines Tischlereibetriebs spielt, der dort delinquente Jugendliche ausbildet. Durch unglückselige Umstände landet dort auch der 16-jährige Francis nach Verbüßung seiner Haftstrafe als Lehrling, der mit elf Jahren das Leben des Schreinermeisters zerstörte, als er dessen Sohn ermordete. Ebenso wie der Zuschauer bleibt auch Francis lange darüber im Unklaren, wer eigentlich sein Gegenüber ist, woraus der Film seine eigentümliche Spannung bezieht. Im Prinzip ist LE FILS ein unkonventioneller Psychothriller und eine Rachegeschichte mit bizarrer Vater-Sohn-Thematik, die aber bei den Brüdern Dardenne zu einem Ringen um Vergebung wird, also ein ähnlich humanistischer Ansatz wie auch bei ihren anderen Filmen, wo Menschen in trostlosen Lebensumständen in moralischer Hinsicht über sich selbst hinauswachsen. LE FILS ist ein spröde inszeniertes, unmittelbares Psychoduell zwischen ungleichen Gegnern, wo die primitive Regung der Rache überwunden wird, also die erwartete Eskalation ausbleibt, und zu einer anderen Form der Verständigung gefunden wird und damit das Trauma innerhalb des Alltags überwunden wird und vielleicht ein normales Leben wieder möglich gemacht wird. Schön, dass dieser spannende und nachdenkliche Film nach einem Kinostart 2003 hierzulande auch noch mal den Weg auf eine DVD gefunden hat. (451 Video)
|