GIB?S IHM CHRIS
(Frankreich/UK, 1991)
Der Ungar Peter Medak, der wegen des Volksaufstands im Jahr 1956 nach England floh, hat schon eine merkwürdige Karriere als Regisseur hinter sich, die ihn von einem Klassiker des englischen Kinos wie THE RULING CLASS von 1972 zu Dreck wie SPECIES II (1998) führte. Gerade Anfang der 90er drehte der Mann aber ein paar ganz exzellente Filme, wie THE KRAYS (1990), ROMEO IS BLEEDING (1993) und den jetzt auch hierzulande auf DVD erschienenen LET HIM HAVE IT bzw. GIB?S IHM CHRIS! (Epix) von 1991. In LET HIM HAVE IT widmet er sich ähnlich wie in seinem nihilistischen Gangsterdrama THE KRAYS einem anderen dunklen Kapitel in der Geschichte Britanniens, der Hinrichtung des 19-jährigen Derek Bentley im Jahr 1953 wegen des Mordes an einem Polizisten, den er aber nicht begangen hatte, während der eigentliche Mörder, der 16-jährige Christopher Craig und Komplize Bentleys bei dem schicksalshaften Einbruch, noch minderjährig war und ihm deshalb die Todesstrafe erspart blieb. Bentley wurde offenbar posthum noch 1998 freigesprochen, ein etwas schwacher Trost angesichts des totalen Versagens der britischen Justiz, die damals einen Sündenbock gesucht hatte. Der Titel des Films macht auch erst dann richtig Sinn, wenn man die Geschichte komplett kennt, denn es handelt sich um einen zentralen Satz, der Bentley während seines Prozesses bewusst falsch ausgelegt wurde. Bis es dazu kommt, zeigt Medak akribisch und möglichst authentisch den Lebensweg von Bentley (großartig von Christopher Eccleston gespielt), der während der Luftangriffe auf London während des 2. Weltkriegs eine Kopfverletzung erleidet, die ihn zum Epileptiker macht und eine normale geistige Entwicklung hemmt. Auch seine Teenagerzeit läuft nicht ganz problemlos ab, bis er schließlich in der zweifelhaften Gesellschaft von Chris Craig landet, einem kleinen Möchtegerngangster, der seinem großen Bruder nacheifern will und Bentley auf die schiefe Bahn bringt, was schließlich zu dem besagten Einbruch führt, wo Craig einen Polizisten erschießt und wo aus der lebendigen Charakterstudie im England der Nachkriegszeit ein düsteres Gerichtsdrama wird. Medak findet dabei immer eine ausgewogene Balance zwischen nüchterner Darstellung der Ereignisse und konkreter Stellungnahme, die emotional ergreifend ist, ohne in billigem Pathos zu schwelgen. Ein brillanter Film, leider viel zu unbekannt, der allerdings auf der deutschen DVD nicht wirklich adäquat gewürdigt wird, denn es fehlt der englische Originalton ? dafür ist die deutsche Synchro zur Abwechslung mal sehr gut ? und die Bildqualität ist allenfalls mittelmäßig. In jedem Fall sehenswert, zumal es auch keine wirklich überzeugende Alternative zur deutschen DVD gibt, wobei die US-DVD noch einen Audiokommentar von Medak enthält. |