Der nordwestdeutsche Punkmarathon #77Da ich beim letzten Mal mit einem ordentlichen Rundumschlag aufgehört habe, gilt mein Dank diesmal zunächst den Leuten, die sich Zeit für ein paar Zeilen per Mail genommen haben. Schön zu wissen, dass es noch Leute gibt, die nicht zu "trendy" Konsumzombies verkommen sind. Der geneigte Leser möge an dieser Stelle eine Punkrock-Durchhalteparole seiner Wahl einsetzen ... Konzertmäßig hatten im Dezember 2007 die ROMONES mit Drummer Marky Fanatico noch in Meppen gespielt, da gab es nichts Besseres, als Freitag, den 11.01. das neue Jahr im Münsteraner Gleis 22 mit Markys Ex-Combo NIMRODS und der leading German RAMONES-Coverband RÄMOUNS einzuläuten. Der neue NIMRODS-Trommler machte mit einem REEKYS-Shirt einen guten Eindruck und nach den ersten Takten wurde noch etwas offensichtlich: Um den neuen Mann anzulernen, hatten die NIMRODS wohl das erste Mal in ihrer Bandgeschichte intensiv geprobt! Deshalb benutze ich an dieser Stelle mein liebstes neudeutsches Adjektiv, die NIMRODS waren nämlich "tight" wie Sau! Scharenweise anwesende Pubertätskids in ITCHY POOPZKID-Shirts gingen steil zu einem famosen Auftritt, den ich so nicht erwartet hätte! Die RÄMOUNS boten eine souveräne Show, bei der ich jedoch durch Kerki Battledykes Lebensabschnittsgefährten Olli abgelenkt war. Der Mann hatte sich literweise Obstschnaps eingeflößt und versuchte, mir nun vorm linken Boxenturm minutenlang Geschichten zu erzählen, von denen ich kein Wort verstand. Sorry, Olli, mein Nicken und Lachen war nur gespielt! Den Rest der ROMONES-Show verbrachte ich dann hinten an der Theke, wo noch eine meiner Konzertlieblingssituationen vorfiel: Nur eine Person im Laden befindet sich hinter mir und eben diese Flitzpiepe labert mich plötzlich an, ob ich nicht zur Seite gehen könne. Er könne hinter mir gar nichts sehen. In solchen Situationen könnte ich töten! Zumal der Typ auch noch anfing, mein Kumpel sein zu wollen, und bei jedem zweiten Song übertrieben disharmonisch mitgrölte. Nicht einmal ein "Hey ho let's go" hat er halbwegs melodisch voreinander gekriegt. Zu seinem Glück bin ich kein Däne, aber dazu später mehr ... Am Samstag, den 18.01., war auch im Lingener JZ Alter Schlachthof "Vollhorstalarm", und zwar bei den METEORS . Als ich reinkam, spielten bereits die holländischen MONOLITH MONSTERS, ich musste aber noch Plakate für ein eigenes Konzert aufhängen. Damit war ich gerade beschäftigt, als Horst auftauchte: Endvierziger, schwarzgrau melierter Schimanski-Schnurrbart und offensichtlich verdammt wichtig! Der Vogel wollte mir allen Ernstes das Plakatieren verbieten! Wohlgemerkt für ein Konzert im JZ der Nachbarstadt, ohne Überschneidungen zu Lingener Veranstaltungen! Minutenlanges Hin und Her und ich war kurz davor, Horst ihm meine Meinung handfest zu geigen, aber ich bin ja kein Däne ... Letztendlich durfte ich doch plakatieren, natürlich nicht ohne strengste Auflagen und albernstes Platzhirschgehabe. Die METEORS hatten da schon angefangen und boten eine gediegene, wenn auch nicht umwerfende Show mit Slamdance-Einlagen für große Jungs mit ulkigen Frisuren. Psychobilly halt. Beeindruckend fand ich die gut 235 Mann starke METEORS-Roadcrew, wo ein Typ tatsächlich nur dazu da war, Leute vom Fotografieren abzuhalten! Wahrscheinlich gab es sogar einen der Peter Paul Fenech beim Wasserlassen das Gemächt halten musste, aber das ist nur eine Theorie von mir. Da ich "Vollhörste" irgendwie faszinierend finde, führte mich mein Weg am Samstag, den 02.02., wieder in das Lingener JZ, wo - Oh Wunder! - sämtliche Plakate vom letzten Mal penibelst beseitigt worden waren. Also, direkt Horst angesteuert und demütigst um Erlaubnis für weitere Promo-Maßnahmen gebeten. "Na gut. Aber nur da, wo du nichts überklebst, und insgesamt nicht mehr als zwei Stück!" Oh, wie frohlockte es da in mir und ich kam Horsts Anweisungen unverzüglich nach, um mich danach um die Bands zu kümmern. Eine Visions-Party war's nämlich und der Sänger der beginnenden HERRENMAGAZIN sah aus, als wäre er einem "Eis am Stil"-Film entsprungen. Das war aber auch das einzig Bemerkenswerte, denn die Band fand ich mit ihrem deutschsprachigen Gitarrenkram musikalisch eher nichtssagend. Danach bescherten die KILIANS den Indie-Mädels in der ersten Reihe feuchte Höschen, und bei denen ist die Kombination aus Eingängigkeit und leichter Arroganz durchaus gegeben, die letztendlich kommerziellen Erfolg bedeutet. Im Nachhinein wäre ich an dem Abend aber lieber mit meiner Kerstin unterwegs gewesen. Die stand nämlich zur gleichen Zeit vor der Bühne im Loppen in Christiania, Kopenhagen. Auf der Bühne stand niemand Geringerer, als der wilde Billy Childish , der einen Hit nach dem anderen spielte. Neben einer exzellenten Show gab es auch eindrucksvolles dänisches Kulturverhalten zu beobachten, wobei ein sehr seltsamer und exaltierter Freestyle-Paartanz auffiel, zu dem man sich an den Händen fasst und wild in der Gegend herumzappelt. Noch interessanter war aber der dänische Umgang mit nervigen Zeitgenossen. Ein solcher stand nämlich auch beim kindischen Billy vor der Bühne und gebärdete sich sehr seltsam. Der Mann neben ihm guckte sich das ein paar Minuten an und haute ihm dann wortlos und ohne viel Federlesens blank einen auf die Fresse! Ich glaube, ich lasse bald auch sämtliche Hemmungen fallen und lege mir solch ein rigoroses dänisches Sozialverhalten zu. "Vollhörste" dieser Nation, zieht euch warm an. Am Freitag, den 08.02., war Kerstin dann wieder im Lande und wir beehrten das Gleis 22, wo die BETASURFERS den Abend einläuteten. Die hatten auch einen interessanten Ansatz, aber irgendwie zu wenig Charisma, so dass auch die musikalische Wirkung des spacigen Surfsounds schnell verpuffte. Anders die PRESS GANG , die an diesem Abend die Releaseparty für ihre LP auf P.Trash feierte. Die Hardcorepunk-Kids gingen wie auf Kommando ab wie Zäpfchen und die sehr guten, gefühlten 15 Minuten voller energetischem Frühachtziger-Hardcore inklusive Weirdo-Sänger hatten es echt in sich. Was mich bei solchen Konzerten mittlerweile aber echt nervt, ist die Fotografenfront vor der Bühne. Da kann zwar die PRESS GANG nichts dafür, aber ich halte mich mit meiner Knipse mittlerweile meist dezent im Hintergrund. Krönung des Abends waren die mächtigen TOYOTAS . Die Stimmung blieb ähnlich hoch, wie bei der PRESS GANG und das Trio um DEAN DIRG-Gitarrist Claus rotzte ein superbes Punkrock-Hitrepertoire raus, das live noch besser als auf Platte rüberkommt. Daumen hoch! Am folgenden Tag nahm ich dann meinen Hut in Sachen "Selber Konzerte veranstalten", aber das sollte, trotz des Trubels in den Tagen vorher, eine richtige Sause werden. Im Meppener J@m-Center eröffneten die emsländischen AUDIOSONIX (audiosonix.de) mit solidem leadgitarregetriebenem Punk'n'Roll der Marke GLUECIFER den Abend. Zu dem Zeitpunkt machte ich mir noch ernsthaft Sorgen, ob der wochenlange Kampf um Publikum sich gelohnt haben würde. Aber während des Auftritts füllte sich der Laden zusehends, so dass das JANCEE PORNICK CASINO vor voller Hütte ran durften. Und Jancee Warnick mit seinen beiden Russen Vladimir und Stanislav schaffte es tatsächlich, die phlegmatischen Emsländer zum Arschwackeln zu bringen! Eine perfekte Mischung aus Virtuosität und Show, in einem Set aus eigenen Songs und ausgewählten Coverversionen. Jancee war des Öfteren wie ein Derwisch im Publikum unterwegs oder wälzte sich ekstatisch auf der Bühne, so dass kein Auge trocken blieb. Bier war nachher ausverkauft, alle waren glücklich. Wir haben mit dem JANCEE PORNICK CASINO noch einen netten Umtrunk veranstaltet, der mit beinahe vollkommenem Gedächtnisverlust meinerseits in der Meppener Innenstadt endete. Ich weiß nur noch, dass die Polizei uns angehalten hat und Jancee nicht angeschnallt war. Verhaftet wurde aber zum Glück niemand. Alles in allem ein reibungsloser Abend und ein schöner persönlicher Abschluss für mich. Danke an alle, die da waren! Zu guter Letzt ging es am Donnerstag, den 28.02., noch einmal in meinen Lieblingsladen, das JZ in Lingen. Der Vollhorst vom letzten Mal schien Urlaub zu haben, aber er hatte offensichtlich die Kassenbediensteten instruiert. Die taten zumindest so, als ob sie von meinem Gästelistenplatz nichts wüssten. Sie stahlen mir meine Zeit mit albernem Rumgezicke, bevor ich mit den entsprechenden Argumenten dann doch reinkam. Seltsam! Bevor das hier zu sehr nach Privatfehde aussieht: 1. Ich kenne in Lingen keinen der Veranstalter persönlich. 2. Ich habe durchaus Respekt vor dem Programm, das dort regelmäßig auf die Beine gestellt wird. 3. Irgendwie schafft es leider immer jemand der dortigen Belegschaft, dem jeweiligen Abend einen negativen Beigeschmack zu verleihen. Traurig irgendwie! Mein Ärger war aber schnell verraucht, als die Lokalmatadore von BIG TENNIS (myspace.com/bigtennis) vor gut gefülltem Auditorium die Bühne betraten. An denen hab ich nämlich einen echten Narren gefressen. Sie haben Talent. Sie haben gute Songs. Sie sehen gut aus und sind trotzdem schrecklich erfolglos. Indiegitarrenrock mit Powerpop-Einfluss zum Herzen brechen, Kriege gewinnen und Kinder zeugen, Jungs, ich liebe euch! Danach fabrizierten PORTUGAL. THE MAN aus Alaska von unten angestrahlte Hin-und-herwiege-Musik für "Tracks"-Gucker auf Arte und sonstige verkopfte Alternative-Bohème-Angehörige. Mein Mitfahrer, Ziege, brachte es nach ein paar 10-Minuten Songs auf den Punkt: "Die nerven mich, lass uns abhauen!" Gesagt getan, bis zum nächsten Mal. Bernd Fischer
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