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Der nordwestdeutsche Punkmarathon #79

Zwei Monate, elf Konzerte, 32 Bands! Über so was wie Spritverbrauch will ich da bei den derzeitigen Preisen gar nicht nachdenken. Und bitte keine Beschwerden über zeitweisen Telegrammstil, aber der wilde Konzertritt im Frühsommer 2008 ließ teilweise nichts anderes zu.
Donnerstag, 01.05.08 Groningen,Vera: Nach nachmittäglichem Grillspektakel verlegten wir unsere Maifeierlichkeiten kurzerhand nach Holland, wo DIGGER & THE PUSSYCATS vor positivem Publikum (was den deutsch/holländischen Vergleich betrifft) eine Wahnsinnsshow hinlegten. Unglaublich, was für eine Energie dieses Duo ausstrahlt, Daumen hoch! Das komplette Gegenteil danach von den LONG BLONDES: ätzend durchgestylte, arty-farty Britpop-Scheiße! Nach kurzem Stare-you-down-Spielchen mit der Bassistin wähle ich mit meinen Mitfahrerinnen die bessere Alternative, nämlich kurzen Smalltalk mit den sympathisch kauderwelschenden DIGGER-Aussies und dem Groninger Garagenpunk-Bookergott Robert von der Giesen.
Freitag, 02.05.08 Osnabrück, Bastard Club: Am nächsten Tag muss ich alleine los und schlage pünktlich zu LIGHTS OUT im Bastard Club auf. Die Süddeutschen brettern rotzlöffligen Asi-HC-Punk runter, das Publikum ist aber noch etwas träge. Von den DIRTY TACTICS hab ich anschließend aufgrund Quasselei nicht allzu viel gesehen, die waren mir auch ein bisschen zu Emo. Danach Vollgas mit der PRESS GANG: Der erste Mikroständer musste schon nach dreißig Sekunden dran glauben und die Publikumsausflipperei wurde in der kleinen Räumlichkeit recht ansehnlich. Circa 15 Minuten später war kurz und schmerzlos schon wieder Schluss und der Weg frei für Brillenschlangen-Punkrock mit den STATUES. Manch einer bezeichnet die Band ja gar als "scheußlichen Proto-Emo", ich halte die Musik eher für knackig/poppigen Punkrock mit der richtigen Portion Dramatik an den entscheidenden Stellen. Der Auftritt war klasse, Publikum und Band hatten sichtlich Spaß, schöner Abend.
Samstag, 03.05.08 Münster, Sputnik-Café: Drei komplette Bandbesetzungen des Vorabends liefen dann lustigerweise auch in Münster rum, diesmal allerdings nur als Zuschauer. DEPRESSIVE STATE legten mit bollerigem Crustcore los, solide Sache zwar, aber auf Dauer auch etwas eintönig und der Funke zum Publikum sprang nicht so recht über. Danach wurde ich vom Bus gestreift beziehungsweise, um genau zu sein, von der "Tractor-pulling Death Machine" von NOW-DENIAL. Meine Fresse, was für eine Dampfwalze von Band! Unter meinen weiblichen Mitfahrerinnen kursierten derweil erste Parolen à la "total schrecklich", ich grinste mir eins. Die Mädels bekamen aber noch was fürs Auge, nämlich die schicken Jungs von DEAN DIRG. Na ja, sofern man/frau was sehen konnte, denn die Fotografenfront direkt vor der Bühne nervte mal wieder massiv. Ich überlege mittlerweile vor jedem Konzert dreimal, ob ich eine Kamera mitschleppe, denn teilweise erinnern Auftritte heute ja schon fast an japanische Touristenausflüge. Aber die Kolumne macht ein paar Bilder leider notwendig. Oder ich mal bald mal was ... DEAN DIRG sorgten jedenfalls für kollektives Ausgeflippe, wie immer eine Bank. Den krönenden Abschluss setzten ANNIHILATION TIME, ich fühlte mich direkt in die Bay Area Mitte der 80er versetzt. Stagediven, Slamdance und Circle Pit gehen auch ohne blöde Metalcore-Choreografie, das bewiesen diese vier speckigen Thrash-Metal-Typen mit ihrem HC-Shouter. Yesterday rules!
Freitag, 09.05.08 Münster, Gleis 22: Dann endlich die heiß erwarteten HEX ! Vorher spielten noch die SWORN LIARS, mit denen ich, wie auch einige andere Anwesende, irgendwie nicht so richtig warm wurde. Die HEX DISPENSERS boten danach aber eine "Show" der anderen Art, denn Bühnenaction war bei denen absolute Fehlanzeige. Hatte man sich daran aber erstmal gewöhnt, zündete der einzigartig knarzige Bandsound umso mehr. Starker Auftritt von sympathischen Menschen.
Samstag, 10.05.08 Osnabrück, Bastard Club: Die ANGRY SAMOANS waren im Lande, da war ich natürlich gespannt. Die MISSING SHADOWS hatten wir verpasst, stattdessen spielten schon NERVOUS BREAKDOWN, als wir ankamen. Deren Oldschool-HC-Punk litt aber auch unter trägem Publikum. Die Osnabrücker Vorzeige-Asis von den MEMPHIS CREEPS wandelten danach auf den Spuren von MOTÖRHEAD und POISON IDEA, während ich größtenteils draußen herumwandelte, um zu labern. Und danach dann die ANGRY SAMOANS. Fragt mich nicht nach Besetzungen, Metal Mike hatte auf jeden Fall ein Krümelmonster-Shirt an und ich eins von Graf Zahl, das passte also schon mal. Der Auftritt bot alles, was typisch an solchen Abenden ist: ein komischer Aggro-Typ machte Stunk und die Band spielte einen gediegenen Hitmix, wobei aber ganz klar das nötige Energielevel fehlte. Na ja, ich bin nicht derjenige, der bei solchen Klassikerbands das unerfüllbare Überkonzert erwartet, von daher hatte ich meinen Spaß. Metal Mike war aber etwas singfaul, weshalb ich noch das zweifelhafte Vergnügen hatte, den Text von "Wasted" zu versauen. Auch Smalltalk war Metal Mikes Sache nicht, er zog es stattdessen vor, mit nacktem Oberkörper CDs im Akkord zu signieren. Komischer Typ! Bill Vockeroth war weitaus umgänglicher, der flitzte nämlich strahlend wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend und hatte für jeden einen freundlichen Händedruck übrig.
Freitag, 23.05.08 Nordhorn, JZ Scheune: Ich schätze, es ist circa fünf Jahre her, dass ich Kevin Aper das letzte Mal gesehen habe, also war in Nordhorn zunächst mal feuchtfröhliche Wiedersehensfreude angesagt. Nach unspektakulärem Skapunk von der BANDGEEK MAFIA legten THE APERS (neuerdings als Trio) dann endlich los und Kevin gab einige grinsegrasgeschwängerte Anekdötchen in frisch gelerntem Deutsch zum Besten. Ein großer Spaß und ein guter Auftritt dazu. Sehr ulkig auch, dass die UNCOMMON MEN FROM MARS danach bis auf den Bassisten alle komplett gleich aussahen. Zwillinge oder Drillinge waren's, und zwar ohrenbetäubend laute! Guter Oldschool-Melodycore, ordentlich Bühnenaction und ein peinlicher Vollrausch-Tänzer. Zitat: "I find you super". Aber sinngemäß kann ich's unterschreiben.
Dienstag, 03.06.08 Münster, Gleis 22: Nach den HEX DISPENSERS kam mit den ROCK'N'ROLL ADVENTURE KIDS noch eine zweite meiner derzeitigen Lieblingsbands nach Deutschland. Billy, Marc und ich freuten uns gegenseitig Löcher in den Bauch und die beiden Bekloppten beglückten Münster mit einer herrlich chaotisch-verrückten Show. Die selbst organisierte Tour lief übrigens gut und ich freue mich schon jetzt auf die Rückkehr der Jungs im November. Die MOJOMATICS setzten danach einem sackstarken Abend noch die Krone auf. Ein Ex-RIPPER bedient jetzt bei den beiden Venezianern den Bass, was die Band an diesem Abend zur absoluten Rock'n'Roll-Maschine mutieren ließ! Mein Gott, waren die gut!
Samstag, 07.06.2008 Meppen, J@m-Center: Zum Runterkommen musste mal wieder eine Meppener Bühne herhalten, auf der die blutjungen MELOH ihr Glück mit TOOL'schem Progrock versuchten. Musikalisch gut, aber bei mir gibt's damit keinen Blumentopf zu gewinnen. Die Dortmunder BURNING JACKS fuhren dann die HELLACOPTERS-Schiene, was auch ganz okay war, bis auf die Tatsache, dass die teilweise barfuß gespielt haben. Sorry, Hippies, so was geht gar nicht! Im Übrigen nur circa 25 Zuschauer, die Provinz stirbt weiter aus ...
Freitag, 13.06.08, Kirmesplatz Meppen: Ein paar Leute mehr waren dann beim eher bescheidenen Meppener Abifestival, aber meist nur, um sich da zu musikalischer Untermalung komplett aus der Umlaufbahn zu schießen. Hintergrundmusik boten die okayen MORBID MINDS, die extrem unsympathischen Q-BALL und die seltsam affektierten PAULSREKORDER. Auf der Aftershowparty im Rockpalast versuchten noch HULLABALLOO und PULL A STAR TRIP ihr Glück. Letztere ließen sich die Emoshow aber von einem lattenbreiten Dramaboy stehlen, dessen Name dem Verfasser dieser Zeilen bekannt ist. Die Jugend von heute ...
Samstag, 14.06.08 Osnabrück, Ostbunker: Ich steige aus dem Auto und trete zielgenau in einen abartig stinkenden Haufen Hundekacke. Der Abend kann ja nur gut werden! Während ich müffelnd neben der Bühne stehe, spielen die Pop-Punk-Opas THE SENTIMENTS einen coolen und treibenden Gig. Danach lerne ich den Ozzy Osbourne des Finnenpunkrock kennen: Marty Blitzkrieg. Was für ein weirder Typ! Unsere Konversation wird glücklicherweise schnell abgebrochen, da Marty auf die Bühne muss. Dort singt er schräg und macht schildkrötenartige Bewegungen. Aber hey, irgendwie machte die BLITZKRIEG BOYS-Show Laune. Unfreiwillig komisch zwar, aber der ganze Ostbunker hat nachher die alten Hits mitgesungen. Die HAWAIIANS waren danach zwar okay, aber sie bringen seit anderthalb Jahren die gleichen Songs und Witze. Jungs, da muss dringend mal was Neues her.
Freitag, 20.06.08 Osnabrück, Bastard Club/ Etwas Neues haben auch die MANIKINS, nämlich ein Album. Die MISSING SHADOWS hätten gerne eine neue Single, aber die lässt - obwohl im Kasten - noch auf sich warten. Der Auftritt ist diesmal eher so na ja, aber auch ziemlich kurz, passt also. Dafür wird der Siebenzöller ein Hit! Die MANIKINS bewiesen zu guter Letzt ihre Klasse als hervorragende Entertainer, auch wenn das EM-Spiel Kroatien-Türkei einige Zuschauer merklich ablenkte. Hit auf Hit und eine gute dynamische Show gewannen aber verdientermaßen die Überhand über neunzig Minuten Langeweile plus Verlängerung.
Bernd Fischer

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