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EINE WOCHE ROCK'N'ROLL

Es gibt Bands, bei denen kann ich einfach nicht widerstehen, wenn sie auf Tournee gehen und in Berlin eine Show spielen. Ich komme nicht drum herum, mir ein Ticket zu kaufen. So kam es, dass ich für die 24. Woche gleich vier Konzerte eingeplant hatte, und ich mit meinen Ü40 muss da schon mächtig aufpassen, dass ich nicht ganz aus den Latschen kippe.
Für den 09. Juli 2008 hatten sich nach über neun Jahren Abwesenheit endlich wieder Paul Stanley und Gene Simmons mit ihren zwei neuen Mitstreitern, Eric Singer am Schlagzeug und Tommy Thayer an der Gitarre, angesagt. Das Velodrom in Berlin war pünktlich um 20:00 Uhr gefüllt und nach dem kurzen und nicht sehr überzeugenden Auftritt der Vorband gingen pünktlich um neun Uhr die Lichter aus und das übergroße Bandlogo wurde vor die Bühne gehangen. Aus den Lautsprechern ertönte das seit den 70ern bekannte Intro: "You want the best, you've got the best! The hottest band in the world: KISS!". Eiskalt lief es mir über den Rücken. Egal, wie oft ich KISS live sehe, jedes Mal ziehen sie mich vom ersten Ton an in ihren Bann und elektrisieren mich. Es wurden fast ausschließlich Songs von den ersten Alben gespielt. "Deuce", "Shout it out loud", "C'mon and love me", "Nothing to lose", "God of thunder", "Love gun". um nur ein paar zu nennen. Auch die neuen Bandmitglieder bekamen mit Gesangs- und Soloeinlagen ihre Chance und können dem Vergleich zu den Ur-Mitgliedern absolut standhalten. Durch das Make-up ist ja ohnehin kaum zu erkennen, wer da eigentlich auf der Bühne rockt. Es war einfach alles dabei, was man von einer KISS-Show erwartet. Reichlich Pyro-Effekte, Blut- und Feuerspucken, das berühmte Drumsolo und das überdimensionale Schlagzeugpodest. Ein über den Massen schwebender Paul Stanley und natürlich das Feuerwerk zum Ende der Show. Alles aufzuzählen wäre ohnehin nicht möglich. Es bleibt aber als Fazit zu sagen, dass KISS auch auf dieser 35. Alive-Tour wieder bewiesen hat, dass sie "die heißeste Band der Welt" sind. Bleibt die Hoffnung, dass Gene Simmons sein Versprechen, erneut nach Berlin zu kommen, einlöst und ich noch einmal in den Genuss so einer Glamrock-Show der Superlative komme.
Für den 10. Juli 2008 hatte sich eine nicht minder großartige Band in der Hauptstadt einquartiert. Ihre einzige Soloshow sollten RAGE AGAINST THE MACHINE in der Spandauer Zitadelle spielen. Mit ein paar Bierchen vorgetempert konnte ich schon ab 20:00 Uhr den recht gut agierenden ANTI-FLAG lauschen. Wobei, so richtig funktioniert Punk in der Größenordnung nicht. Ich möchte die Band mal in einem kleinen Club und als Headliner erleben, da geht sicherlich die Post ab. Gegen 20:30 Uhr war die Bühne bereit für den Auftritt der Crossover-Band aus den 90ern und die Spannung stieg. Nach knapp einer halben Stunde lästigen Wartens schlug die Stimmung schon langsam in Frust um. Ich nehme es mal vorweg, eine ganze Stunde ließen RAGE AGAINST THE MACHINE noch auf sich warten und ich hatte eigentlich schon keinen Bock mehr auf die Band. Als sich nach den ersten Akkorden dann auch noch die Location als denkbar ungeeignet erwies, hatte ich den Kanal gestrichen voll. Auf Grund der Hitze und der Trockenheit war fast der gesamte Innenraum der Zitadelle in eine Staubwolke gehüllt. Das Atmen viel schwer und die Sicht war ebenfalls unter aller Sau. Der Sound und die Songs kann man allerdings getrost noch als gut bewerten. Für mich war dieser Gig, mit all den Rahmenbedingungen und einschließlich der Preise, ein T-Shirt kostete 30,- Euro, die Enttäuschung des Jahres. Einen überdimensionalen roten Stern auf die Bühnenrückwand zu projizieren, reicht heutzutage leider nicht mehr aus. Ich erwarte von einer solchen Band, die sich in den 90ern zu radikalen linken und antikapitalistischen Bewegungen bekannte, einfach mehr Identifikation mit diesem Thema und dem angereisten Publikum. Die überaus miese Coverversion des THE CLASH-Klassikers "Clampdown" rundete für mich den schlechten Gesamteindruck ab.
Am 11. Juli 2008 habe ich mal eine Pause eingelegt, um mich für den folgenden Tag zu erholen. Angesagt hatten sich die BEATSTEAKS, zu einem Club-Gig im Glad-House, Cottbus. Von der ersten Minute an herrschte eine atemberaubende Stimmung, die die Band ohne große Probleme bis zum Ende hin hielt. Wie immer spielten Armin und Co. Hits aus allen Phasen der Bandhistorie und bis auf die Haut nass verließ ich nach circa zwei Stunden den Ort des Geschehens. Die BEATSTEAKS sind immer wieder, und zwar auch in relativ kurzem Abstand, für einen Partyabend gut. Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Vorband an diesem Abend, SPERRZONE, die sich sicherlich mit ihrem sehr kurzen, dafür aber überzeugenden Gig, weitere Freunde erspielt hat.
Freitag, der 13. Juni 2008, die deutsche "Punk-Legende" schlechthin, hatte sich im SO36 angesagt. EA80 gaben eines ihrer wenigen Konzerte. Da ich die Band bisher nur einmal in Köln erleben durfte, war ich mächtig gespannt auf den Abend. Als Vorband, wenn man das so bezeichnen darf, trat das GERMAN FOLK DANCE ORCHESTER auf. Es gab drei "Songs", die mehr oder weniger minimalistisch-experimentelles Liedgut waren. Störte nicht, fand aber auch keine Beachtung. Dann kamen EA80 mit ihrem gewohnten eigenständigen Sound, zwischen schnellen Punktracks und Emo-Punk. Das Publikum haben die Mönchengladbacher vom ersten Song an im Griff und Songs wie "Häuser", "Tote Puppen", "Licht", "Kleine Welt", "Zum Ausgangspunkt", "Tunnel" oder "Nicht mit dir" gefallen live mindestens so gut wie auf Vinyl.
Nach einer Pause kamen die Herren dann noch zur zweiten Runde auf die Bühne und waren zusätzlich noch zu zwei Zugaben bereit. Insgesamt ein toller Abend, der beweist, dass auch in Deutschland 2008 noch geniale einheimische Bands die Bühnen betreten. Notiz am Rande: Es gab, wie schon bei einigen Gigs der "Reise"-Tour, eine nur auf diesem Konzert erhältliche LP-Version, mit dem Cover des legendären SO36-Samplers. Diese Vinylscheibe unter dem Arm konnte ich meinen Heimweg antreten und in Erinnerung an drei gelungene Konzertabende noch ein kühles Bier zum Ausklang der Konzertwoche trinken.
Arnim Bohla

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