KETZEREIEN VOM BÜHNENRAND
Viele Konzerte in den letzten Wochen und bei einigen ließ es sich der Reisende nicht nehmen, persönlich vorbeizuschauen, um dann hier seine Ketzereien loswerden zu können. Zum 1.-Mai-Wochenende zog es mich nach Magdeburg, wo an einem Wochenende drei punkrelevante Shows im Blow Up auf dem Programm standen. Wenn das mal nicht schief geht, dachte ich noch so bei mir ... Die Schweizer PEACOCKS gaben sich direkt am 1. Mai die Ehre und wurden von HOLLY B. aus Berlin supported. Langweiliger Rockabilly und Rock'n'Roll bei extrem unlustigem Bühnenauftritt, der zwar einigen Anwesenden gefallen hat, mich jedoch gänzlich kalt ließ. THE GUNS aus Wales fielen dann leider aus, so dass die PEACOCKS den Abend retten mussten. Und sie haben es zum Glück auch geschafft. Heftiger Punkabilly, konsequent hektisch vorgetragen, mit einem sich immer fast überschlagenden Doublebass. Herrje, woher zaubert der Simon bloß diese Unzahl von Tönen aus seinem Monstergerät? Leider war das Blow Up nicht wirklich voll, dafür die Stimmung aber gut. Wenn da nicht dieser eine Typ - Marke "Ich bin cool und boxe jeden beim Tanzen weg" - permanent versucht hätte, die gute Laune im Keim zu ersticken. Ekliger Typ das und leider in Magdeburg häufiger zu sehen. Am Sonnabend dann SMOKE BLOW und bei den Kielern dann - wie erwartet - volles Haus bis unters Dach. Vorgruppe leider wegen Reisemüdigkeit verpasst, aber SMOKE BLOW gaben dem Volk mächtig auf die Zwölf, so dass die Atemluft in den nicht besonders hohen Räumlichkeiten bald sehr dünn wurde. Der Niedergang der Punkrock-Geschichte dann am Sonntag, als zu TV Smith und den GUITAR GANGSTERS um 22:00 Uhr genau null zahlende Zuschauer anwesend waren. Wo soll das hinführen, wenn bei solchen Shows niemand mehr hingeht. Der Reisende suchte dann das Weite, nur um Wochen später zu erfahren, dass das Konzert vor einer Handvoll Zuschauer doch noch stattgefunden hat. Auch so was gibt's in diesem Land. Berlin ist ja manchmal auch eine Reise wert und wenn FLOGGING MOLLY in der Stadt zu Gast sind, um ihr neues Album vorzustellen, darf der geneigte Folkpunker in mir auch nicht fehlen. Leider war an diesem Pfingstsonntag Karneval der Kulturen in Kreuzberg, wodurch die pünktliche Anreise zum Huxley's für Auswärtige doch sehr erschwert wurde. Also hatten SERUM 114 schon durchgestartet, als ich in der vollkommen ausverkauften Halle eintraf. Solider Punkrock mit stadiontauglichen Chören, würde ich mal sagen. Ein bisschen weniger Hosen, ein bisschen weniger Kajalstift, und dann wird das schon. Die Überraschung des Abends waren dann die Reggae-Rocker von PEPPER aus Hawaii. Ich kann mit Reggae nichts anfangen, aber die hatten dermaßen viel Power und Spielfreude, dass der Funke sogar bei mir übersprang. Als dann auch noch der Akkordeonspieler von FLOGGING MOLLY zur Unterstützung auf der Bühne auftauchte, war es um die Zurückhaltung im Publikum endgültig geschehen. Respekt meine Herren, so macht man sich Freunde. Nach diesem Auftakt hatten es FLOGGING MOLLY natürlich leicht und es brauchte keine großen Anstrengungen, um die Fans zu überzeugen. Dave King (oder besser King Dave) regierte sein Volk von Beginn an souverän und das Publikum konnte sowieso alle Songs auswendig mitsingen. Die Band strotzte in beeindruckender Art und Weise vor Energie und nur Violinenzauberin Bridget Regan blieb an diesem Abend etwas blass. Da die alternden POGUES seit Jahren Deutschland meiden und nur noch in den USA, Japan und England ihre Rente aufbessern, sind FLOGGING MOLLY wohl endgültig die Nummer eins in Sachen Folkpunk. An einem Mittwoch im Juni hatten MUFF POTTER die Stadthalle in Rostock gebucht und 5.000 große und kleine Menschen waren der Einladung gefolgt. Stundenlanges Schlangestehen vor den Eingangstoren war angesagt und manchmal, aber nur manchmal, haben die kleinen Vergünstigungen eines Reisenden doch ihre Vorteile. MUFF POTTER hatten nicht nur die Bühne schön dekoriert, sondern auch extrem gute Laune, spielten sich vorwiegend durch das Material der letzten beiden Alben und verschenkten auch noch reichlich Maxi-CDs an das hungrige Jungvolk. Aber was war das? Nach dreißig Minuten war schon Schluss und die Herren Nagel und Co. verschwanden von der Bühne. Richtig, da waren ja noch die DIE ÄRZTE, deretwegen an diesem Abend auch einige Menschen gekommen waren. Was soll man zu Bela, Farin und Rod schon noch groß schreiben? Sie sind eine Liga für sich selbst und jeder Vergleich mit anderen Bands erübrig sich von vornherein. Nach der ersten gesungenen Zeile - "Der Himmel ist blau" - übernahm das Publikum den Gesang und trug die Helden durch den Abend. Mittlerweile dürften es drei vollständige Generationen sein, die sich bei Konzerten von DIE ÄRZTE tummeln, und eben dieses Phänomen macht einen solchen Abend spannend. Ich glaube, wenn Farin nach der Vorwärts-, Rückwärts-, Seitwärts-, Invers-, Highspeed-, Zeitlupen-La-Ola auch noch die Hoserunter-La-Ola fordern würde, dann würden 4.999 Fans auch das mitmachen. Ja, so ist das bei Familienfeiern. Musikalisch erwartet man ja keine Sensationen und so gab es einen Querschnitt durch das riesige Repertoire der Band, bei dem allerdings viele Klassiker mit Rücksicht auf die neuen Songs fehlten. Nach drei Stunden Klamauk und Musik war dann irgendwann Schluss und die Familien zogen sich zufrieden in ihre Eigenheime zurück. Den Reisenden zog es an einem sonnigen Wochenende weiter nach Magdeburg, wo sich BUG GIRL aus Australien im Blow Up angesagt hatten. Kennt ihr nicht? Na schön, aber immer der Reihe nach bitte. Den Auftakt im sehr spärlich besuchten Club machten ROCK ASS aus Berlin, die einem wirklich Leid tun konnten. Aber warum glauben manche Bands immer noch, dass ein Club um 23:30 Uhr urplötzlich knackig voll wird, wenn schon um 22:30 keine Leute da waren? Will sagen: Fangt endlich früher an zu spielen, dann kommen auch früher mehr Leute. ROCK ASS waren jedenfalls mit ordentlich Power bei der Sache und ihr Punk'n'Rock'n'Roll konnte auch vor wenig Menschen gefallen. Die heimlichen Headliner an diesem Abend waren BUG GIRL aus Sydney, die hier den Start ihrer Europatour feierten und ein unglaubliches Feuerwerk entfesselten. Ja, es stimmt, die sind nur zu zweit. Die heftigst rockende Amber an der Gitarre und ihr Bruder Collin an den Drums. Was für ein Rock'n'Roll-Inferno diese beiden entfachen, ist wirklich jeden Respekt verdient. Fahrt hin und seht selbst, wenn die beiden in eurer Gegend den nächstbesten Club in Grund und Boden rocken. Danach dann noch die HEARTBREAK ENGINES, die zu fünft und mit Doublebass auf der kleinen Bühne im Blow Up doch recht zusammengequetscht wurden. Nichtsdestotrotz war die Stimmung gut und die Engines spielten sich sehr souverän durch ihr Set. Wir sehen uns dann beim Force Attack auf der großen Bühne. Wochentags darauf - es begab sich wieder an einem Dienstag - führte uns die Reise an die Ostseeküste, wo im schönen Mau Club ANTI-FLAG zum Tanze luden. Rostock und Dienstag, konnte das gut gehen? Die Youngster von MONTREAL aus Hamburg machten den Auftakt und Bands aus meiner Heimatstadt können ja nie wirklich schlecht sein. Nein, überdurchschnittlich viele sind sogar sehr gut und MONTREAL hier keine Ausnahme. Unpeinliche deutsche Texte, frisch und flott runtergebrettert, so wollen wir das sehen. Es hatte den Anschein, dass mehr reisende Fans anwesend waren als Rostocker. Ratzeburg, Magdeburg, Berlin, Hamburg, ergab eine spontane Umfrage von der Bühne aus und so konnten sich die drei Burschen auch lockere Späße über Hansa Rostock leisten, ohne gesteinigt zu werden. Trotz gerissenem Bassdrum-Fell und anderer technischer Problemen ließen sich MONTREAL nicht die Laune verderben und konnten sicherlich viele Sympathiepunkte für sich verbuchen. Bei ANTI-FLAG hatten sich dann immerhin 300 Fans im Mau versammelt, aber da die Amis wohl doch eher größere Hallen gewohnt sind, hatte man hier mal die Chance, die Vorzeigepolitpunks aus nächster Nähe zu begutachten. Bassist Chris#2 ließ sich dann auch nicht lange bitten und genoss sichtlich das Bad in der Menge. Derselbe war dann auch für die folgenden vierzehn Songs der optische Blickfang, der wie unter Strom über die Bühne fegte und für Stimmung sorgte. ANTI-FLAG hatten ihre Fans locker im Griff und Justin Sane ist ja irgendwie auch ein netter Kerl, dem man die Inhalte seiner Texte gern abnimmt. Christoph Lampert funcore.deviantart.com
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