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FLUFF FEST 2008

25.-27.07.08 Rokycany, CZ
Normalerweise scheue ich Festivals wie der Teufel das Weihwasser. Zum einen, da mir drei Tage in Gesellschaft tausender 24-Stunden-Vollsuffbauern, die einem im schlimmsten Falle um sechs Uhr morgens ins Zelt fallen, zu anstrengend sind, zum anderen, da ich selber - zumindest was das Konsumieren diverser Alkoholika anbelangt - nicht unbedingt besser bin, und mich ein Festivalbesuch schon gerne mal in katastrophaler Verfassung ausspucken kann. Das seit 2000 existente Fluff Fest im tschechischen Rokyczany bildet da jedoch eine lohnenswerte Ausnahme. Musikalisch überwiegend im Hardcore angesiedelt, sind die meisten Besucher mit wenigstens soviel Bewusstsein ausgestattet, um den Zeltplatz nach drei Tagen einigermaßen sauber wieder zu verlassen und die Party nicht in ein Hinterwäldlertreffen höchsten Grades zu verwandeln. Die guten Vorsätze also zu Gunsten eines Musikangebotes verschiedenster Couleur gebrochen, das mit BANE, LACK oder DEAN DIRG von vornherein wenigstens eine Handvoll Garanten, ansonsten altbewährtes (ähem ...) und auch ein paar positive Überraschungen bot, dazu (ausschließlich) veganes Essen, okaye Bierpreise und Fanzines, Shirts und Platten en masse.
Freitag: Erste gesehene Band des Tages waren gegen 16 Uhr die Berliner von WAR FROM A HARLOTS MOUTH, die mit einem Sänger, der ständig zwischen Kreisch-, Grunz- und gesungenen Vocals wechselt, und der üblichen Mischung aus lärmendem Death Metal, Hardcore mit Brutalo-Moshparts, Frickeleien und sonstigem Allerlei zwar recht anstrengend waren, aber dennoch irgendwie in Ordnung. Nicht meine Tasse Tee, deshalb auch nur knapp fünf Songs gesehen. SSS und VOETSEK dann ausgelassen und dafür dekadent mit Burger und Bier die Zeit überbrückt, bevor der erste Pflichttermin in Form der im Vorfeld hoch gelobten (und mir zuvor völlig unbekannten) MENEGUAR aus Brooklyn, NY anstand. Tja, und irgendwie dämmerte es mir schon nach den ersten beiden Songs, dass ich da bisher einiges verpasst habe, und freut mich jetzt umso mehr, dass die auch schon drei exzellente Platten gemacht haben, die meiner Plattensammelwut in absehbarer Zeit zum Opfer fallen werden. Rückblickend gesehen eigentlich die Überraschung des Festivals für mich, eine Band mit unglaublicher Sogwirkung, die ich nur jedem Freund von treibendem Indierock/Post-Anything, wie er in der Vergangenheit auch in ähnlicher Weise von Bands wie beispielsweise LES SAVY FAV oder THE VAN PELT gespielt wurde, sowohl live als auch auf dem Plattenteller wärmstens ans Herz legen möchte. Danach ging's in oldschoolige Gefilde mit den belgischen TRUE COLORS, die ihr Set mit dem YOUTH OF TODAY-Cover "Wake up and live" beendeten, mit dem man eigentlich auch schon die musikalische Kursrichtung des kompletten Sets umrissen hätte. Nach den wahrscheinlich fantastischen Italienern RAEIN (die ich vorher nicht kannte und deshalb leider verpasst habe, shame on me!) besiegelten BLACK FRIDAY '29 den ersten Tag, zu deren Set mir aber, ehrlich gesagt, nichts Außergewöhnliches mehr einfallen will. Wobei ich aber schon davon ausgehe, dass es dem gemeinen Fluff-Fest-Besucher durchaus ein würdiger Headliner des Tages gewesen sein wird, jedenfalls habe ich genügend Leute mit wahlweise CRO-MAGS-, CHAIN OF STRENGTH- oder YOT-Shirts Fäuste reckend und stagedivend in den ersten Reihen gesichtet. Danach noch etwas Spaß mit irgendwelchen Wave- und Pophits der 80er und 90er Jahre in der bis zum Bersten gefüllten, allerdings auch winzigen Disco des "Party Tents" (kann man, muss man aber nicht) und eine extrem verstörende und schwer zu beschreibende musikalisch-visuelle Grenzerfahrung im "Arty Tent" - wobei ich zunächst nicht wusste, ob ich das halbnackte, zappelnde und wirr kreischende Etwas mit Iro nun bemitleiden oder davor Angst haben soll - und gut war's.
Samstag: Einer der Vorzüge des Festivals ist das städtische Schwimmbad, das keine fünf Gehminuten vom Zeltplatz entfernt liegt. Der Andrang war dann leider erwartungsgemäß groß, das ewige Warten die Hölle, was sich allerdings lohnte, da das Wasser so arschkalt war, dass es meinen vom Vortag verursachten Zustand binnen weniger Minuten kurierte und mich fit genug für JULITH KRISHUN machte. Von denen hatte ich vorher schon viel Gutes gehört, erwartete mir also viel und wurde zumindest nicht enttäuscht: Screamo /Math-Core der übelsten Sorte mit CONVERGE-Anleihen und zwei Sängern, der mich in der Nachmittagshitze jedoch schwer traf und mir als Sologig in einem kleinen Club wesentlich mehr Spaß gemacht hätte, so jedoch sah ich mir die Band nur teilweise an, vor allem weil mit den französischen DAITRO gleich im Anschluss und TRAINWRECK noch Kaliber in ähnlichem Soundgewand angekündigt waren. Bei den eben genannten Franzosen wunderte ich mich wenig später langsam, warum mir die Bands, die mich hier am meisten begeistern, eigentlich durch die Bank unbekannt sind. Typischer Mitt-90er-Hardcore/Screamo, inklusive dieser langsamen Parts und gesprochenen (französischen) Vocals plus anschließendem, geschrieenem Gefühlsausbruch à la YAGE, SADDEST LANDSCAPE und Ähnlichem. Sehr cool jedenfalls und bei weitem angenehmer als JULITH KRISHUN, da einfach etwas entspannter und mit viel Melodie gespielt.
Am späten Nachmittag begann ich mich langsam auf DEAN DIRG zu freuen, hatte in Gestalt der deutschen TRAINWRECK aber noch ein weiteres musikalisches Gewitter zu überstehen. Im Nachhinein gefällt mir das auch wirklich gut, wenn ich die Band jetzt so aus der Konserve wahrnehme, aber hier war ich leider in Sachen Brachial-Hardcore/Screamo schon etwas übersättigt, trotzdem war's eine ganz angenehm kickende Angelegenheit. DEAN DIRG war am Samstag dann die einzige Band, die ich mir ganz angesehen habe, was bei denen ja auch nicht besonders anstrengend ist. Gefiel mir besser als bei der ADOLESCENTS-Show in Köln, hier stachen die eben auch besonders heraus, der Unterschied machte sich vor allem im Publikum bemerkbar, wo der Idiotenfaktor gegen Null ging. Die Band schien mir zwar nicht taufrisch gewesen zu sein, war aber immer noch höchst unterhaltsam, und lediglich das permanente Gedive über mir wurde zur Plage, als ich zeitweise keine Hand frei hatte.
Sonntag: Der Tag fängt ja lustig an! Ich weiß nicht mehr, warum ich zu dieser Uhrzeit und vor allem in brütender Hitze eigentlich vor einer Band stand, die mich musikalisch und auch sonst nicht im Geringsten interessiert, aber was DESTROY BABYLON aus Italien da um kurz vor 14 Uhr ablieferten, könnte man fast schon ins Kabarett abschieben und war daher schon wieder relativ sehenswert. Am Reißbrett entworfener Hardcore der unsubtilsten Sorte mit einem Sänger, der mit der typischen Staight-Edge-Phrasendrescherei nervte, mir allerdings ein Grinsen ins Gesicht zauberte, indem er kuriose Storys von irgendwelchen Dämonen erzählte, die ihn seit Jahren im Schlaf verfolgen, die er aber durch das Lesen irgendwelcher eMails bekämpft (oder so ähnlich, ich glaube, ich habe das Ganze wohl nicht so recht begriffen). Vor der Bühne fanden sich dann auch nur ein paar mit X auf dem Randrücken ausgestattete Kurzgeschorene ein, und zum ersten Mal erlebte ich diese so genannten Windmühlen, was wirklich reichlich beschissen aussieht.
ANCHOR und STRENGTH APPROACH spielen im Anschluss und ich merkte langsam, dass die Luft bei mir raus war, auch wenn diese Bands sicher nicht die schlechtesten der drei Tage waren, aber der geradlinige Hardcore der beiden lockte mich einfach nicht mehr vor die Bühne, statt dessen habe ich mir die Shows vom gegenüberliegenden, nicht direkt zum Festival gehörenden Kiosk aus angesehen. Interessant wurde es für mich eigentlich erst wieder relativ spät mit dem düster-doomigen, schleppenden Sound der Belgier AMENRA, die eine ziemlich schwermütige Atmosphäre schaffen: deren Sänger stand permanent mit dem Rücken zum Publikum, das sich keinen Zentimeter gerührt hat, und es wurde ein Sound aufgefahren, der stark an die großen Vorbilder NEUROSIS oder beispielsweise auch ISIS erinnerte, und partiell dann dieser verzweifelte, markerschütternde Gesang. In der Gesamtheit ziemlich beeindruckend und eine der Bands, die den Unterschied ausgemacht haben!
Danach DEATH BY STEREO, die mir eigentlich schon immer relativ egal gewesen sind, wobei mir "If Looks Could Kill ..." eigentlich ganz gut gefiel, ihre neueren Platten kenne ich allerdings gar nicht, und trotzdem dachte ich nicht, dass deren Auftritt nach den ebenfalls ultra-peinlichen DESTROY BABYLON zu einer der Lachnummern der gesamten drei Tage werden würde. Penetrantes Rockstar-a-like-Gepose, peinliche Ansagen, in denen irgendwas von wegen "Emo-Holocaust" gefaselt wurde und erschreckend austauschbare Songs machen mir die Band für alle Zeiten unsympathisch.
Deswegen hatten LACK (ich glaube, nicht nur bei mir) danach die erlösende Wirkung einer kühlen Dusche, eine extrem unaufdringliche, intelligente Band, die ihre Songs (fast nur von der neuen Platte) einfach ohne unnötigen Firlefanz vortrug und ihr Set mit dem schönen "Italian shoes, asylum suicides" beendeten, welchen sie auf dem Gig Anfang des Jahres in Regensburg noch gehörig versemmelt hatten. Nach einer kurzen Umbaupause waren dann endlich BANE an der Reihe, das Festival würdevoll zu beenden. Auf Platte ist die Band ja sowieso eine Macht, live war ich bisher eher geteilter Meinung, aber die folgende Show ist dann tatsächlich der zu erwartende Hammer gewesen! Coole, intelligente Ansagen jenseits vom sonstigen "This goes out to all the straight edge kids"-Blabla und ein extrem tightes Set einer blendend gelaunten Band, das im Überhit "Can we start again" gipfelte, bei dem die Meute komplett ausflippte und Sänger Aaron Bedard unter sich begrub! Volle Punktzahl und ein Dankeschön an BANE, besser kann man es kaum über die Bühne bringen. Danach ging's sofort gut aufgelegt nach Hause, und ich ärgerte mich nur noch, dass ich zum Schluss nicht einmal mehr Geld für die BARRA HEAD-7" übrig hatte, damn!
Andreas Krinner

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