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FORCE ATTACK

25.-27.07.08 Behnkenhagen
Was dem Kölner sein Karneval, dem Bayern sein Oktoberfest, dem Hannoveraner seine Chaostage - das ist dem Punker sein Force Attack. Und für mich dieses Jahr zum dritten Mal. Donnerstag morgen um drei Uhr kommen wir an, bauen unseren Pavillon und die zu einem Koffer zusammenklappbare Sitzbank für vier Leute mit Tisch auf, schlafen, fahren einkaufen und ans Meer, und als wir wiederkommen, ist die Hälfte unseres Pavillons dem Wind zum Opfer gefallen. Egal, die Dinger kann man auch irgendwie provisorisch aufhängen. Am Abend fällt allerdings auch noch die Multifunktionssitzbank unserem Körpergewicht zum Opfer.
Freitag geht es dann endlich mit den Bands los, doch erst bei THE BUSINESS auf der Hauptbühne habe ich die Folgen des übertrieben harten Vorabends genügend mit Bier kuriert und bin froh, dass ich es wenigstens bis dahin geschafft habe: stimmungsgeladener Oi! auf englische Art, bei dem man beim besten Willen nicht stillhalten kann. Sauflieder ohne Ende, womit man beim Force Attack naturgemäß immer gut ankommt. Später am Abend spielen COR auf der Nebenbühne und man hört - zumindest am Rand, wo ich stehe - nur Brei und spürt den Bass übertrieben stark im eigenen Körper wummern. Schade, letztes Jahr haben die nämlich mit Metalpunk-Gitarren und Mitgröl-Passagen gut Stimmung gemacht. Um Mitternacht ist es dann soweit: DIE KASSIERER, einer meiner beiden Höhepunkte des Festivals, spielen auf der Hauptbühne zum Tanz auf. Auf dem Weg zur Bühne quatsche ich einen Hautkopf an, der mir gleich auf die Nase bindet, DIE KASSIERER seien ihm zu politisch. Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: zu politisch! Und während ich noch verblüfft bin, geht es auch schon los mit "Besoffen sein", "Blumenkohl am Pillemann" und allerhand anderem politisch wertvollem Material. Vor "Mach die Titten frei, denn ich will wichsen" wird aufgrund anhaltender Sexismus-Vorwürfe zu einem Sprechchor "Wir stimmen alle ein, Sexismus ist gemein" aufgerufen. Ist das schon Politik? Wie dem auch sei, wie zu erwarten genial ist der Stimmeinsatz des Publikums, vor allem bei "Schnaps und Bier", als 10.000 Besoffene wie aus einem Mund "Arbeit ist Scheiße! Arbeit ist Scheiße!" grölen. Megastimmung und Party am Start und das I-Tüpfelchen ist, dass Wölfi bei Konzerten das Publikum siezt.
Am Samstag geht es mit meiner Tagesform noch mehr bergab, und weil mir EMSCHERKURVE 77 am Tag vorher beim Backstagegequatsche irgendwie unsympathisch waren, beschließe ich kurzerhand, auf die zu verzichten. THE BOTTROPS überzeugen am frühen Abend auf der Hauptbühne vor allem mit alten TERRORGRUPPE-Liedern und die neuen Lieder nutze ich vor allem zum Biertrinken. Der neue Sänger gefällt mir allerdings nicht so gut wie MC Motherfucker. Die TURBO AC's finde ich kurz vor Mitternacht auf der Nebenbühne dagegen schon mitreißender. Mehrstimmiger Party-Punkrock zum Mitgrölen wird mit Surf-Einlagen garniert und schon sind meine letzten Reserven mobilisiert.
DRITTE WAHL und THEE FLANDERS haben mich noch nie sonderlich interessiert, also geht es für mich erst am Sonntag mit KNOCHENFABRIK weiter, meinem zweiten Festivalhöhepunkt. Erwartungsgemäß ist es gerammelt voll vor der Hauptbühne, und die drei packen einen Hit nach dem anderen aus. Vorne im Pogomob fällt regelmäßig einer um und fünfzig Leute fallen drauf, darunter oft genug auch ich. Fünf Minuten vor Schluss werden dann als größte Knaller noch "Schwer wie Blei", "Filmriss" und (wenn ich mich richtig erinnere) "Du bist so anders" abgeschossen und schon ist der Spaß vorbei. Direkt im Anschluss spielen allerdings TALCO aus Italien auf der Nebenbühne, die mit mitreißendem Ska-Punk und laut Force Attack-Homepage "Patchanka-Elementen" (was auch immer das sein mag) noch mal ordentlich zur Sache gehen. Italienisch eignet sich wirklich gut für Ska, eigentlich fast noch besser als Spanisch.
Zu guter Letzt geben sich noch LOS FASTIDIOS auf der Nebenbühne die Ehre. Ich gebe mir noch mal alle Mühe, endlich auch mal heiser zu werden (meine Mitstreiter haben schon nach den KASSIERERN nur noch gequietscht), doch trotz wieder mal sehr stimmungsreichem Streetpunk und unheimlich viel Gegröle, will es mir nicht gelingen, und danach mache ich mich schon langsam auf in Richtung Zelt, obwohl es praktisch gerade erst dunkel geworden ist. Montag ist Abreisetag, ich habe das Gefühl, mit dem Tod zu ringen und nach einer viel zu langen Fahrt falle ich ins Bett, lasse mir alles noch mal durch den Kopf gehen und denke mir nur noch "Nächstes Jahr wieder!", bevor ich einschlafe.
Tobias Weber

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