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LOKERSE FEESTEN

02.08.08 Lokeren, "Bloody, bloody? Belgium
Zunächst einmal: Wann, warum und von welchem unheilbringendem Tölpel wurde denn bitteschön eigentlich das Mobiltelefon erfunden?! Des weiteren: Wieso befinde ich mich auch noch aus freien Stücken im Besitz einer derartigen elektronischen Fußfessel und trage sie zudem stets brav im betriebsbereiten Modus zu jeder Tages- und Nachtzeit mit mir spazieren? Und überhaupt: Weshalb, in drei Teufels Namen, nehme ich törichter Narr jedes, aber auch wirklich jedes erdenkliche Gespräch an, ganz gleich um wie viel Uhr, und selbst dann noch, wenn mir der Display mal wieder einen Kontaktversuch meines zwar durchaus herzallerliebsten, aber dennoch nur selten Gutes im Schilde führenden Kumpels Rocco Torbinski androht?!
Zumal sich dieses Wochenende doch zunächst so wunderbar schiedlich-friedlich-spießig angelassen hatte: Es war Freitagabend, ich lümmelte entspannt im Rahmen eines kleinen Geburtstagsstelldicheins auf dem Wohnzimmerboden einer ehemaligen Psychatriemitpatientin herum, schlürfte Johannisbeerschorle, führte unaufgeregt Konversation auf cocktailpartyphilosophischem Niveau und dezent im Hintergrund sang der tapfere, alte John R. Cash ein trauriges Lied dazu. Spätestens um eins, so sah es mein hervorragender Masterplan vor, würde ich mich der versammelten Festgesellschaft vorzüglichst empfehlen, um mit nüchternem Geist und federndem Schritt den Weg in Richtung heimischer Schlafstatt anzutreten und die folgenden sonnendurchtränkten Tage müßiggängerisch, mit einem ordentlichen Stapel ungelesener Literatur am Start, an irgendeinem entlegenem Hauptstadttümpel unter dem Ozonloch zu braten ...
Doch wie bereits angedeutet: Pünktlich um Mitternacht ereilte mich das Schicksal in Form des Klingelgeräusches meines verfluchten Nokia 6501 und mit einem Schlag waren alle schönen Pläne nur mehr Makulatur!
Im Folgenden eine Aufzeichnung des unheilvollen Telefonats, so wie es sich zutrug ...
Rocco (dessen aufgekratzter, sich überschlagender Tonfall bereits einen eigentümlichen Singsang angenommen hatte, welcher bereits auf ein Stadium verheerender Trunkenheit hindeutete): "Hey Ben, Alter, sag mal, wo steckst du denn gerade?!"
Ich (gequält): "Ahh ... oh, weh ... Rocco ... Ach, wie schön ... Von dir hab ich ja schon mindestens seit gestern nichts mehr gehört ... Also weißt du ... ach, eigentlich ... "
Rocco (mich harsch unterbrechend): "Stimmt, ist eigentlich eh total egal, Hauptsache, du schaffst es noch rechtzeitig zu dir nach Hause, um dein Säcklein zu schnüren, wir treffen uns nämlich in zwei Stunden am Hauptbahnhof mit Steven und seiner Gang und dann fahren wir mit dem Wochenendticket nach Belgien, SEX PISTOLS gucken!"
Ich (unfreudig erregt): "Was zum Henker ...?! Also, allmählich schlägt's ja echt mal dreizehn bei dir, oder wat?! Die Pistols waren ja wohl schon anno '96 von allen guten Geistern verlassen, als die mit den H-BLOCKX als Vorgruppe auf irgendwelchen mülligen MTV-Festivals herumgekaspert haben, da glaubst du doch wohl nicht im Ernst, dass ich mir mein dufte ausgehecktes Wellness-Wochenende dadurch zunichte mache, indem ich 30 Stunden lang mit 'ner Horde von Büchsenbier saufenden und wasserstoffblondierten Teenie-Punkern kreuz und quer durch Europa gondele, um mir diese geriatrischen Gossengrattler 2008 noch mal anzutun? Außerdem bin ich restlos pleite, also selbst wenn ich wollte - ich kann nicht!"
Rocco hingegen (mit der verständnislosen Beharrlichkeit eines jeden rechtschaffenen Alkoholikers): "Ach, I wo, da spielen ja immerhin auch noch die KIDS! Und die BUZZCOCKS! Und die NEW YORK DOLLS! Das wird bestimmt der absolute Knaller! Und kosten tut's inklusive Zugfahrt gewiss nicht mehr als 100 Steine. Kann dir auch locker noch'n Fuffi leihen, kein Ding!"
Ja, ja, ist doch immer wieder fein, wohlsituierte Werbekaufleute in seinem suchtgestörten Freundeskreis zu wissen ... Wie mich der kaputte Knabe letzten Endes doch noch an den Haken kriegte, wird mir zwar bis auf weiteres schleierhaft bleiben, aber wahrhaftig: Da fand ich mich doch in der Tat nur wenig später, um kurz nach halb drei morgens, mit dem ehrenwerten Herrn Torbinski am vereinbarten Treffpunkt wieder, von einer Dutzendschaft aufgekratzter Jungpunks umringt, die augenscheinlich allesamt auf sympathisch-beknackte Weise in Haarfrisur und Habitus ihrem offenkundigen Vorbild und Anführer Steven nachzueifern trachteten. Selbstredend war Letzterer, der an diesem Wochenende im Übrigen sein 36. Lebensjahr vollenden sollte und somit das allgemeine Durchschnittsalter seiner "Jünger" locker um 20 Lenze übertraf, mit einem standesgemäßen, die lieblichen Weisen von Johnny Moped und SLAUGHTER AND THE DOGS in den Berliner Nachthimmel herausblasenden Kassettenrekorder bewaffnet und gab uns somit, quasi dem Rattenfänger von Hameln gleich, unmissverständlich die Marschrichtung vor.
In den ersten Stunden gestaltete sich der spontane Chaostrip dann auch als gar nicht mal so unamüsant, obgleich es überraschenderweise unserer bunten Reisegruppe nicht so recht zu gelingen vermochte, vermittels ihrer laut lärmenden, degenerierten Affenmusik sowie der heiter-ausgelassenen und zugegebenermaßen auch durch den Konsum diverser Suchtmittelchen beförderten Wandertagsstimmung, die grenzenlose Sympathie der Mitreisenden zu gewinnen. Dennoch umspielte ein leichtes Lächeln meine Lippen, während ich ab und an aus dem Fenster blickte und die brandenburgische und sächsisch-anhaltinische Einöde an mir vorüberziehen ließ. Bei aller Beknacktheit doch irgendwo ein ganz cooles Gefühl, sich auch im Alter von mittlerweile immerhin schon 27 Jahren nach wie vor nicht zu schade für solche idiotischen Hauruckaktionen zu sein.
So gegen acht Uhr morgens dann Frühstückspause in Braunschweig, wo der gewiss nicht zu beneidende Bundeswehrreservist Patrick unserem moralisch verkommenem Katastrophenkommando in die Fänge geriet. Natürlich ging die unheilvolle Eingebung dem gleichermaßen zugeknallten wie auch desillusionierten, weil soeben erst von der Angebeteten verlassenen Hardcore-Hessen einen Platz auf unserem Gruppenticket anzubieten, mal wieder auf die Kappe der billigfuselbefeuerten Bollerbirne Torbinskis ("Komm mit uns nach Belgien mein Freund, etwas Besseres als den Tod findest du doch überall ..."). Vor Dankbarkeit fast platzend opferte der Aushilfsgefreite dann auch umgehend sein letztes Hemd, in Form eines anständigen Kasten Hopfenwassers, für seine "neuen Freunde". So weit, so nett, nur sollte dieser Schuss für uns Vergnügungsreisende in Sachen Punkrock nur allzu bald, spätestens ab Hannover, gewaltig nach hinten losgehen: Hatten wir uns nämlich bereits in den Stunden zuvor kollektiv in einen Zustand gerockt, der langsam, aber sicher nach einem regenerativen Nickerchen verlangte, so lief der Neue im Bunde nun erst richtig zur Hochform auf und vollbrachte es, mittels seines penetrant überlauten und "zum aus dem Fenster springen grausam"-dialektgeprägten Sprechorganes nicht nur uns, sondern auch das gesamte restliche Großraumabteil gegen sich aufzubringen. Dass sich der Inhalt des Geplärres auch noch hauptsächlich aus Bundeswehrzoten der alleruntersten Kajüte speiste, machte das Ganze nicht wirklich erträglicher. Kurz vor dem Umstieg in Mönchengladbach wurde der tapfere Soldat dann allerdings doch noch gnädig von Morpheus umarmt und wir brachten es partout nicht übers Herz, den guten Mann aus seinem sanften Schlummer zu entreißen.
Entsprechend friedlich brachten wir dann immerhin die letzte Etappe unserer Höllentour hinter uns. Ein einstündiger Zwischenstopp in einem liebreizenden niederländischen Provinzkaff namens Dordrecht erlaubte es sogar noch die kulinarischen Lokalspezialitäten (Fritten - und zwar so ziemlich mit die besten auf der Welt! Von wegen, die Holländer können nur Pannekoeken und Gouda ...) einer Geschmacksprüfung zu unterziehen, schließlich ein letzter Zugwechsel in der gigantisch riesigen Centraal Station Antwerpens und ratzifatzi waren wir auch schon, nach gerade einmal 15 Stunden, am Ziel unseres kleinen Gruppenausflugs angelangt!
Das ostflandrische Städtchen Lokeren (35.000 Einwohner, 40 km nordwestlich von Brüssel gelegen) begrüßte uns bei wolkenverhangenem Himmel mit gelegentlichen Niederschlägen und vermittelte zunächst einen einerseits, aufgrund seiner schnuckeligen, landestypischen Backsteinhäuschen, zwar pittoresken, aber andererseits auch grotesken Eindruck. Eigentlich hatten wir ja angesichts der Festivität, wegen der wir nun so weit gereist waren, mit einem schwer zu überschauenden, bunthaarigen, subversiven Mob gerechnet, doch tatsächlich präsentierte sich der Bahnhofsvorplatz wie ausgestorben! Sonderbar, wir würden uns doch hoffentlich nicht in Zeit und/oder Ort getäuscht haben?! Instinktiv orientierten wir uns der Hauptstraße entlang in Richtung Innenstadt und trafen beruhigender Weise sogleich auf die ersten Anzeichen von Zivilisation, in Form zweier, angesichts der noch frühen Abendstunde, schon bemerkenswert angetrunkener Dorfjugendlicher. Zur allgemeinen Erleichterung beschied man uns, eben doch auf der richtigen Fährte zu sein, nur noch einmal die nächste Kurve links und ... Ach du heiliges Kanonenrohr, was geht denn hier ab?! Ein riesengroßer, verdammter Proletenjahrmarkt! Und zwar so richtig das volle Programm, mit Kettenkarussel, billigtechnobeschalltem Autoscooter, enervierendem Kindergeschrei allerorten und bizarren Stinkebuden, an denen gekochte Schnecken für fünf Euro das Portiönchen feilgeboten wurden. Unfassbarer Weise war dieser Rummel des Grauens an der einen Seite aber nochmals zu einem seperaten Bespaßungsgelände abgegrenzt, aha, und in diesem doch sehr unwirklichen Setting sollte heute also dem gemeinen Pöbel die '77er-Oldieshow präsentiert werden, so, so ...
Immerhin gelang es Rocco und mir, zwei Schwarzmarkttickets zu je 12,50 Euro abzustauben, während unsere Gefährten sich schon im Vorverkauf für 30 Euro pro Nase mit Karten versorgt hatten. Schnell absolvierten wir den obligaten Securitycheck, doch was sich uns dann bot, setzte dem soeben überwunden geglaubten Volksfesthorror nochmals die Krone auf! Kommerzieller Ripoff-Overkill, so weit das Auge blickte: Gigantische Plakatwände, die den geneigten Betrachter über die aktuellen Produktinformationen von Media Markt Belgien in Kenntnis setzten, riesige vom hiesigen Telekommunikationsdienstleister gesponsorte Videoleinwände, auf denen unablässig die entsprechenden Werbefilmchen, flimmerten und alle gefühlten zwei Minuten versuchte einem irgendeine degenerierte Promotante lustige Aufkleber an die Stirn zu heften - Herr, schmeiß Hirn herunter! Zwar waren natürlich Untergruppenrocker in Vielzahl am Start, aber auch ein nicht zu unterschätzender Anteil von Vertretern des braves Spießbürgertums, welche sich anscheinend nicht den Eintritt für die am Abend zuvor musizierenden STATUS QUO leisten konnten und wahrscheinlich so bei sich dachten: "Ach, dann schauen wir halt mal, was es mit diesen so genannten Punkern auf sich hat, von denen man doch in Funk und Fernsehen immer so viel hört ..." Der Schallplattenunterhalter gab sich immerhin insofern Mühe, dieser sehr heterogenen Menschenmasse zu entsprechen, als dass er in exorbitanter Lautstärke und ohne erkennbaren Sinn und Verstand ständig zwischen den RAMONES, CLASH, Donna Summer und EUROPE hin und her switchte. Dieser musikalischen Folter durch den sedierenden Konsum von Alkoholika entgegen zu wirken, wurde wiederum dadurch erschwert, dass man für den Erwerb entsprechender Getränke sein Erspartes zunächst an einem anderen Stand in Jetons umtauschen musste - was für ein unfassbarer Fuck-up! Probleme, welche die sektschlürfenden Anzugträger auf der VIP-Tribüne gewiss nicht nachvollziehen konnten ...
Aber irgendwann war auch dieses Elend überstanden, ein dicker Mann mit Fez betrat die Bühne und hatte offensichtlich, so wagte ich jedenfalls dessen ausufernde, flämische Jubelarie zu interpretieren, Großes zu verkündigen - und da, tatsächlich, die Spiele durften endlich beginnen, der verdammte Opener des Abends enterte die Bühne: "Ladies and gentlemen: the goddamn motherfuckin' KIDS!" Zwar bin ich mir durchaus dessen bewusst, dass dieser Vermerk alles andere als originell ist, aber ich kann's mir einfach nicht verkneifen, zum bestimmt bereits 436.907.633. Male auf die charmante Diskrepanz zwischen Bandnamen und Durchschnittsalter der mittlerweile schon locker auf die 50 zugehenden Rotzblagen aus Antwerpen hinzuweisen. Doch wen schert es, solange Ludo Mariman und die Seinen sich weiterhin so grundgut darauf verstehen, ihre eindrucksvolle Hitpalette derart sympathisch dem dankbaren Fußvolk vor den Latz zu klatschen? Und auch wenn die vier gewiss schon lange nicht mehr über die Energie verfügen, einem den Arsch bedingungslos in Fetzen zu rocken, so gab's doch auch rein gar nix zu meckern: Von "Do you love the nazis" über "There will be no next time" und "Do you wanna know" bis hin zum natürlich unverwüstlichen "Bloody, bloody Belgium" wurden restlos alle Klassiker geliefert wie bestellt und fein war es auch zu registrieren, dass die örtlichen Youngsters wohl gut im Heimat- und Punkkundeunterricht aufgepasst hatten, wodurch Dutzende stimmbrüchiger Kehlen in die dargebrachten Evergreens mit einstimmten!
Auch die anschließenden BUZZCOCKS enttäuschten nicht - was in diesem Fall jedoch leider nur schlicht und ergreifend dem Umstand geschuldet ist, dass sie bislang jedes Mal einfach nur lausig waren, wenn ich sie sah, und eine positive Erwartungshaltung demzufolge schon längst nicht mehr bestand. Meine Güte, dass es aber auch immer wieder aufs Neue so weh tut, diesen peinlichen Hanseln bei der sinnlosen Vernichtung ihres großartigen Lebenswerkes beizuwohnen ... Pete Shelley verströmte in etwa das Charisma meines ehemaligen Soziologieprofessors (und in dessen Vorlesungen bin ich nicht nur einmal eingeschlafen), Steve Diggle löste mit affig-überdrehtem Rockstargepose beklemmende Fremdschamgefühle aus und am Schlimmsten bei all dem: Einige der großartigsten Songs der Musikgeschichte wurden mal wieder von den Meistern selbst mittels grässlichem Hartschwanzgerockes uninspiriert zugrunde geschändet - warum?
Dann jedoch mein persönliches Highlight des Abends und insgeheim wohl auch die hauptsächliche Motivation dafür, diese irrsinnige Ochsentour auf mich genommen zu haben. Die NEW YORK DOLLS beziehungsweise das, was im Jahre 2008 noch von ihnen übrig ist, fehlten jedenfalls bislang noch in meiner persönlichen "To see"-Liste der noch lebender Originalpunkfossilien. Und um es gleich mal vorweg zu nehmen: Ich war in hohem Maße angetan! Merkwürdigerweise sollte ich mit meiner Meinung, bezüglich der dollen Doll'schen Darbietung, allerdings die absolute Außenseiterposition innerhalb unserer Reisegruppe einnehmen. Ob es daran gelegen haben mag, dass die alten Säcke einfach mal einen feuchten Kehricht auf eventuelle Erwartungshaltungen gaben und schon als drittes oder viertes Stück "Another little piece of my heart" von Janis Joplin servierten? Gerade die kleinen Retro-77er erweisen sich schließlich nur allzu oft als bemerkenswert borniert und kennen ja anscheinend nix anderes anderes als "Personality crisis" im ewigen Dauerrepeat ... Anyway, obwohl besagter Überhit der gierenden Masse tatsächlich komplett vorenthalten wurde, obwohl auch dieser Auftritt leicht an diversen Rockstarposereien kränkelte und obwohl die beiden Chef-Dolls zu meiner persönlichen Enttäuschung auch keine Lust mehr hatten, das faltige Fleisch mit den legendären Transenoutfits zu verhüllen, so stellt das Gespann Johansen/Sylvain heutzutage dennoch die definitiv geilere Alternative zu Jagger/Richards dar! Wobei man gestehen muss, dass nicht nur die optische, sondern auch die gestische Ähnlichkeit des NEW YORK DOLLS-Frontmannes zu seinem noch prominenteren Pendant dermaßen frappierend ist, dass man gar nicht umhin kann, als ein bei Geburt getrenntes Zwillingspärchen zu vermuten. Als dann letztlich noch die obligate Johnny Thunders-Reminiszenz "You can't put your arms around a memory" angestimmt wurde, konnte ich mich einer kleinen Träne im Knopfloch nicht mehr erwehren, ja doch, sehr, sehr schön, das Ganze ...
Und dann also der vermeintliche Höhepunkt des Abends, der in der Tat äußerst würdevoll von Vera Lynns bombastischer "World war II"-Hymne "There'll always be an England" eingeläutet wurde. Die SEX PISTOLS enterten unter dem zu erwartenden Jubelsturm die Bühne, legten los mit "Pretty vacant" und die Pogomeute war freilich in den folgenden 60 Minuten kaum noch zu bändigen! Einzig und allein ich selbst vermochte mich nicht so recht zu begeistern und es lag gewiss nicht nur daran, dass ich mich nun auch schon seit knapp 36 Stunden fortwährend auf den Beinen befand. Nee, nee, nee, zwar stand die Tour unter dem Motto "Combine Harvester", was allerdings nicht bedeutete, dass die Pistols mit der Gewalt eines Mähdreschers über den Pöbel hinweg fegten, sondern wohl eher auf die reichhaltigen Ernte verwies, welche die Johnny Rotten und Co. KG einzufahren gedachte. Herr Lydon hatte sich in ein bescheuertes Laubkostüm gewandet, zog groteske Grinsefratzen und krakeelte zwischen den Songs immerzu nur: "Thank you! Thank you, Belgium, SEX PISTOLS do love you very, very muuuuuch!" Nun ja, zumindest schien der komische Kauz aufrichtig seinen Spaß an dem zu haben, was er da tat, und auch dem gut frisierten Artschool-Mod Glen Matlock mochte man dies gern bescheinigen, während man sich bei Ex-Womanizer Steve Jones, den der Zahn der Zeit mittlerweilestark angenagt hat, stets sorgte, ob er womöglich gleich auf der Bühne kollabiert ... Immerhin wurde wacker und solide das gesamte "Nervermind ..."-Album abgearbeitet, "Belsen was a gas" wurde in "Baghdad was a blast" umgetextet und mit ach so lustig-provokanten, an einen durchgeknallten Muezzin gemahnenden "Allah be praised"-Gekreische versehen und als allerletzter Rausschmeißer wurde schließlich noch das circa siebenminütige "Silver machine" von HAWKWIND kredenzt. Und auch wenn ich angesichts solch verdrogter Hippiekacksongs immer das dringende Bedürfnis verspüre, mir daraufhin die Ohren zwei Stunden lang mit Kernseife auszuwaschen, so verdient das dennoch ein ehrlich gemeintes Coolnesspünktchen, zwecks Verweigerung der Konvention!
Ja, so war das also damals, in einer verregneten belgischen Sommernacht des Jahres 2008, und sehr viel mehr gibt's darüber auch eigentlich gar nicht mehr zu erzählen. Die verbleibenden fünf Stündchen, bis es um sechs Uhr morgens dann endlich wieder nach Hause gehen sollte, vertrieben wir uns noch damit, die örtliche Vergnügungsgastronomie auszukundschaften und taumelten von einem grauenerregenden Schlagerfolterkeller in den nächsten. Bizarre Belgier: Trinken ihr überteuertes Bier vornehmlich aus 0,25er Piccolofläschchen und hören dazu gerne, in der Lautstärke eines startenden Tornadokampfjets, Matthias Reim und "What shall we do with drunken sailor"... Bei dem heldenhaften Versuch, ein asoziales Stück Suffscheiße davon abzuhalten ,seine auch schon grob verlebte Olle zu misshandeln, fing ich mir vom vermeintlichen Opfer noch fast eine ein und fürwahr, ich wollte einfach nur noch in mein Heiabettchen! Die 15 Stunden währende Rückreise wurde schließlich in einem ganz widerlichen surreal-komatösen Zustand bewältigt und unfähig, mir auch nur mehr die Schuhe auszuziehen, fiel ich Sonntag nachts dann endlich in einen tiefen, tiefen, wohlverdienten Schlaf ...
ben accident

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