Tausche Abo gegen T-Shirt!

Wer das Ox bis zum 31. Januar 2009 neu abonniert, wer ein Abo verschenkt oder als Ox-Abonnent einen neuen Abonnenten wirbt, der bekommt von uns das Ox-T-Shirt (weißer Ox-Skull auf schwarzem Stoff) geschenkt!
Mehr lesen ...

http://www.livegigs.de

Szenereport Minneapolis/St. Paul

Aufgrund einer glücklichen Fügung habe ich ein knappes Jahr in Minneapolis im schönen Staate Minnesota verbracht. In eine Stadt zu kommen, die mit HÜSKER DÜ eine der besten Band der 80er hervorgebracht hat, mit dem Profane Existence eines der konsequentesten Punk-Kollektive beherbergt und durch Bands wie die DILLINGER FOUR auch einem breiteren Punk-Publikum ein Begriff sein dürfte, ist natürlich aufregend. Denn neben den erwähnten Dingen, die diese Stadt für PunkrockerInnen interessant macht, rühmen sich die Twin Cities - Minneapolis und St. Paul sind quasi miteinander verwachsen - einer reichhaltigen Musik-Tradition, die manche Berühmtheit hervorgebracht hat: Prince, oder zumindest ein Künstler, welcher früher mal so hieß, taucht immer noch in diversen In-Clubs auf, Bob Dylan wurde in Duluth, einem Städtchen in Nord-Minnesota geboren und lebte einige Jahre in den Cities, die großartigen TRASHMEN (den meisten dürfte zumindest ihr "Surfin' bird" in der RAMONES-Version bekannt sein) sind von hier und natürlich dürfen auch die REPLACEMENTS nicht unerwähnt bleiben. Amphetamine Reptile Records ist in Minneapolis beheimatet, Felix Havoc vertreibt seine Havoc Records von hier aus, unzählige Mini-Label existieren - mit einem Wort: es ist was los in den Twin Cities, in allen Bereichen sind lebendige Szenen zu finden, mein Fokus lag aber natürlich auf dem Punk/HC/Rock'n'Roll-Bereich.

Ein Zeichen dafür, dass Punkrock-mäßig einiges passiert in den Twin Cities ist die Tatsache, dass es bis vor kurzem zwei wöchentliche Punkrock-Radioshows auf unterschiedlichen Lokalsendern gab. Neben dem von Ollie Stench und Felix Havoc moderiertem "Riot Radio", das allwöchentlich auf KFAI (kfai.org) zu hören war, im Januar allerdings nach mehr als zehn Jahren off air gegangen ist, bleibt immer noch "Out of Step", eine ebenfalls wöchentliche Sendung auf Radio K (radiok.org); deren Host Adam, sowie seine Co-Moderatoren Nate (beide fungieren außerdem als Sänger beziehungsweise Bassist der WIDE STANCES, deren Gastgitarrist ich für ein paar Monate sein durfte) und Colin (Schlagzeuger der SINKS) zählten zu meinen besseren Bekannten hier, was wiederum dazu führte, dass ich Mitte Januar auch eine Sendung co-moderieren durfte, wobei ich mich der Herausforderung stellte, eine Stunde lang ausschließlich österreichischen Punkrock aufzulegen (was gar nicht so leicht war ...). "Out of Step" ist mittlerweile zu einer Institution innerhalb der lokalen Punkrock-Szene geworden, oft kommen Leute von Bands als Gast-DJs in die Sendung, es gibt Live-Auftritte lokaler Bands, Konzerte und Festivals werden hier angekündigt und vieles mehr.
Herz der derzeitigen D.I.Y.-Punk/HC-Szene, was Konzerte betrifft, wiederum ist seit einigen Jahren das Alamo House. Mein Fehler war es, den ersten Besuch auf eigene Faust zu unternehmen, denn das ist mir nur mit Mühe gelungen. Das Alamo House ist nämlich ein US-Vorstadteinfamilienhaus, wie wir es alle aus Film und Fernsehen kennen, und in genau so einer Vorstadtwohngegend gelegen, wo solche Häuser halt stehen. Dass es mehr als ein normales Vorstadteinfamilienhaus ist, merkt man erst, wenn man es betritt, aber dazu muss man es bereits gefunden haben, und genau das ist nicht ganz einfach, wenn man noch nicht dort gewesen ist. Und als Europäer, der an die Basement-Konzertkultur einfach nicht gewöhnt ist, ist man auch gar nicht so recht darauf vorbereitet, dass ein Haus, in dem solche Dinge passieren, außen so stinknormal aussieht. Irgendwann an einem der letzten Augusttage des vergangenen Jahres habe ich es nach längerem Hin- und Hergerenne in dieser x-beliebigen Vorstadtwohngegend dann doch geschafft und einen Grindcore-Abend mit den Lokalhelden BODIES LAY BROKEN, ARCHAGATHUS aus Winnipeg nebst einigen anderen Bands und einem Haufen schwer bekiffter Jungs erlebt, die mich netterweise mit Bier versorgten - denn natürlich ist bei den Basement-Shows auch verpflegungsmäßig D.I.Y. angesagt.
Seit drei bis fünf Jahren ungefähr - ganz genau konnte mir das niemand sagen - wohnt ein Haufen Leute im Alamo und im Keller finden zwei- bis dreimal die Woche Konzerte statt. Das Ganze ist natürlich nicht ganz legal, und wenn auch generell Basement-Shows bekannterweise in den USA relativ häufig zu finden und zumeist auch geduldet sind, kann es natürlich leicht zu Problemen kommen, wenn eine Party mal etwas heftiger ausfällt oder die Nachbarn was gegen Punks in ihren Vorgärten haben. Im Falle des Alamo House gab es von Anfang an Probleme mit den AnrainerInnen und im Frühling 2007 eskalierten diese, die Cops kamen ein paar Mal zu oft, und nachdem sie dann nach einem ihrer Besuche nicht mehr weg konnten (die Reifen eines Einsatzwagens waren nur teilweise zu gebrauchen), musste das Alamo für einige Monate dicht machen. Nachdem sich die Wogen über den Sommer etwas geglättet hatten, wurden wieder Konzerte organisiert und der Lärmpegel um das Haus nunmehr etwas im Auge behalten.
Als zentrale Location für Veranstaltungen im semi-kommerziellen Bereich ist vor allem der Triple Rock Social Club zu nennen, unter anderem von Erik Funk von DILLINGER FOUR betrieben und sicher einigen bekannt aus NOFXs "Seeing double at the Triple Rock". Im Triple Rock hab ich mal getestet, wie europäische Helden in den USA angekommen, und die VIBRATORS-Show letzten September besucht. Das Ergebnis war eher enttäuschend, die lokalen Vorbands - es spielten die HOSTAGES, THE MURDERERS sowie MANNEQUIN MEN aus Chicago - wurden fast mehr abgefeiert als die zu vorgerückter Stunde auftretenden VIBRATORS, und insgesamt war die ganze Veranstaltung nur mäßig gut besucht; vielleicht war's aber auch einfach nur ein schlechter Tag.
Für EuropäerInnen seltsam an der US-amerikanischen Ausgeh- und Konzertkultur sind natürlich den strengen Gesetzen geschuldete Besonderheiten, an die man sich eigentlich überhaupt nicht so recht gewöhnen mag. Wer schon mal in den USA gewesen ist, kennt das Spiel: egal, wie verbraucht und über 30 man auch aussieht - wenn's um Alkohol geht, dann müssen alle den Ausweis zücken. Um entsprechende Prozeduren (Kennzeichnungen der über-21-Jährigen mit Bändchen beziehungsweise der Nicht-Alk-Berechtigten mit dem berühmten X) nicht ständig durchführen zu müssen, veranstalten viele Club-Betreiber All-Ages-Shows, die bereits am späten Nachmittag beginnen und alkoholfrei sind. Das führt dazu, dass ganze Familien - Punker-Väter mit ihren Kids, Teenies mit ihren Eltern - solche Shows bevölkern. Ein einziges Mal hab ich mir das angetan, und während ich auf den Einlass für die 17-Uhr-Show von DILLINGER FOUR, MDC, COGNITIVE DISSONANCE und USELESS WOODEN TOYS wartete, konnte ich mit anhören, wie ein etwa 16-jähriger Nachwuchs-Punkrocker, der direkt hinter mir stand, seinem Vater erklärte, wer denn dieser GG Allin war, dessen Name da an der Wand stand. Der Junge hat nur die halbe Wahrheit preisgegeben ...
Ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig war der allwöchentlich im Memory Lanes stattfindenden Punk-Bowling-Abend. Man stelle sich eine ganz normale US-amerikanische Bowlinghalle vor, auf deren Bahnen sich kugelrollende PunkrockerInnen vergnügen, während auf einigen gesperrten Bahnen eine improvisierte Bühne steht und ein paar lokale Bands ihre Musik durch den Saal blasen; dazu gibt's standesgemäß billiges Dosenbier als Punk-Monday-Special. Sofern man 21+ ist, natürlich.
Aber vielleicht noch ein paar Band-Empfehlungen. Am aktivsten scheint - wie in vielen US-Städten seit einigen Jahren - die Garagen-Punk-Szene zu sein. Aus Minneapolis und St. Paul kommen einige sehr hörenswerte Vertreter dieses Genres, und einige von ihnen planen auch gerade ihre ersten Europabesuche. Zu nennen wären beispielsweise die RETAINERS oder der BOYS CLUB, wobei eine EP von Letzteren kürzlich auf dem österreichischen Label Bachelor Records erschienen ist, Europatour demnach nicht ganz unwahrscheinlich. Definitiv die Alte Welt besuchen werden im Herbst OFF WITH THEIR HEADS, die eher einer melodischen Punkrock-Variante verpflichtet sind und von einigen bereits als beste lokale Band auf diesem Gebiet seit DILLINGER FOUR bezeichnet werden; mit in der Reisetasche werden sie ihren neuesten vor kurzem veröffentlichten Longplayer haben. Die bereits erwähnten SINKS sollte man sich ebenfalls merken, deren letzten Herbst releasete Debüt-EP trotz (oder vielleicht gerade wegen) minimalsten Produktionsaufwandes - man spielte die Tracks auf einem simplen Zwei-Spur-Aufnahmegerät ein - äußerst gelungen ist.
Eher im HC-Bereich zu verortende empfehlenswerte Bands sind PANDAMONIUM und CONDOMINIUM, beide aus St. Paul, oder auch IN DEFENCE aus Minneapolis. Einen netten Überblick über die Szene gibt beispielsweise die Split-EP "Twin Cities Hardcore 2007", die auf Give Praise Records erschienen ist und acht der derzeit aktivsten HC-Bands der Twin Cities vorstellt. Dort findet sich auch ein Beitrag von USELESS WOODEN TOYS, deren Sänger Chris Johnson diesen Juni während einer Tour der Band in Indiana erstochen wurde; wie es mit dieser großartigen Band nach dieser Tragödie weitergeht, wird sich wohl erst zeigen. Beachtenswert ist auch das Duo BIRTHDAY SUITS, Überbleibsel der vor einiger Zeit aufgelösten SWEET JAPANESE AMERICAN PRINCESSES.
Wer eher zum Rock'n'Roll tendiert, dem seien die auf Profane Existence releaseten BLACKOUT empfohlen (eine der raren Nicht-Crust-Veröffentlichungen dieses Labels), genauso wie die HOLY GHOSTRIDERS, deren Debüt-LP Anfang Juni erschienen ist, oder die bereits erwähnten HOSTAGES, die Band rund um das Szene-Urgestein Ollie Stench. Noch rock'n'rolliger geht's natürlich auch, die Psycho/Rockabilly-Szene ist klein, aber aktiv, und mit CORPSE SHOW CREEPS, HOT ROD HEARSE, THE FALLS oder der kürzlich zugezogenen Instro-Surfpunk-Band THROBBING HOT RODS finden sich auch einige äußerst hörenswerte Vertreter in den Twin Cities.
Damit soll's genug sein mit dem Namedropping. Bevor ich ende, muss ich aber noch von einem äußerst bemerkenswerten Zusammentreffen in der Kathedrale des Kommerz berichten, der "Mall of America", einem Mega-Einkaufszentrum mit einem Vergnügungspark mittendrin. Ebendort, während ich mich gerade für einen Achterbahn-Ritt anstellte (was soll ich sonst in einer Mall tun - shoppen?), steht vor mir ein relativ normal aussehender Mann mittleren Alters, umringt von mehreren Kinder. Wir kommen ins Gespräch, er bemerkt Buttons und Aufnäher an meiner und meiner Begleitung Jacken, und es stellt sich heraus, dass der nette Herr mittleren Alters, der da mit einem Haufen Kindern ebenfalls auf die Achterbahnfahrt wartet, Al von NAUSEA ist. Er erzählt von alten Zeiten, schimpft ein bisschen auf die ehemaligen Band-KollegInnen und die schlechten Metal-Bands, in welchen die jetzt spielen würden, und dass er mit der Punk-Szene eigentlich aktiv nichts mehr zu tun habe, mit Frau und Kindern irgendwo auf dem Land lebe und gerade auf Verwandtenbesuch in Minneapolis sei. Dann sind sie aber auch schon an der Reihe, besteigen die Bahn und lassen uns etwas perplex zurück.
Ja, und sollte es nun tatsächlich jemanden mal in den Mittelwesten verschlagen, dann sei bei einem Aufenthalt in den Twin Cities als Allererstes ein Besuch bei Extreme Noise empfohlen, laut KennerInnen derzeit einer der besten Plattenläden der USA, betrieben als Non-Profit-Freiwilligen-Kollektiv. Dort kann man nicht nur Punk, Hardcore und Rock'n'Roll aus der Region und aus aller Welt kaufen, sondern auch nette Leute kennen lernen und sich über die nächsten Kellerkonzerte informieren.
Saim N.

» alle Präsentationen
english Version Impressum Kontakt Seite empfehlen Seite drucken Sitemap Disclaimer